Die Kunst als Spiel. Takako Saito in Siegen

Die Kunst als Spiel. Takako Saito in Siegen

Von Thomas Köster

Mitmach-Bilder und Mausefallen zum Schachspielen: Takako Saito ist eine zentrale Figur der Fluxus-Bewegung. Nun ist ihr in Siegen eine erste Retrospektive gewidmet. Endlich.

Takako Saito in ihrer Ausstellung "You and Me", Museum für Gegenwartskunst Siegen 2017

Zwei Lkw-Ladungen brachte Takako Saito für "You and Me" nach Siegen mit. Dreieinhalb Wochen waren sie und das Team mit dem Aufbau der rund 200 Exponate beschäftigt. Die Werke sind teils aus Hunderten von Einzelteilen zusammengesetzt.

Zwei Lkw-Ladungen brachte Takako Saito für "You and Me" nach Siegen mit. Dreieinhalb Wochen waren sie und das Team mit dem Aufbau der rund 200 Exponate beschäftigt. Die Werke sind teils aus Hunderten von Einzelteilen zusammengesetzt.

1963 verließ die inzwischen 88-Jährige Japan. "Um sich ein eigenes Leben zu schaffen", ging sie in die USA. Dort wurde sie zu einer zentralen Figur der Fluxus-Bewegung. In New York wurde sie die Assistentin des Gründers der Fluxus-Bewegung, George Maciunas. Bald fand sie aber zum eigenen Stil.

In New York studierte Takako Saito Kunst, um ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht zu verlieren. Eine frühe Studienarbeit aus dieser Zeit ist in Siegen zu sehen. Das Bild ist aus mehreren bemalten Hohlkästchen zusammengesetzt. Sie klingen bei Berührung alle anders. Schon damals, sagt die Künstlerin, habe sie die Anordnung der Quadrate mehr gereizt als das Gemalte.

Die Malerei blieb trotz alledem Bestandteil ihrer Arbeiten. In den 1980er Jahren montierte sie aus einzelnen Bildern dieses Mosaik. Mit Magneten lässt es sich immer neu zusammensetzen. Im Museum ist das aber verboten.

International berühmt wurde Takako Saito durch ihre Marktstände. Sie hinterfragen das kapitalistische System des Warenverkehrs ebenso wie des Kunstmarkts - und führen ihn spielerisch ad absurdum.

Im Do-it-yourself-Verfahren müssen die Besucher in Siegen die feilgebotenen getrockneten Blätter, Erdnussschalen oder Blüten aussuchen und beispielsweise in getrocknete Avocadoscheiben kleben. Dann wird das Werk gemeinsam mit der Künstlerin Takako Saito signiert. "You and Me" eben.

Takako Saitos Kunstfertigkeit zeigt sich vor allem bei den Verkaufsständen. Die Früchte und Gemüse, die am "Newspaper Shop" von 2002 scheinbar zum Trocknen hängen, sind allesamt aus Tageszeitungen geformt. Und doch irgendwie täuschend echt.

Anerkennend sagte Fluxus-Wortführer George Maciunas über Saito: "Ihre Kunstfertigkeit entspringt der japanischen Tradition für Perfektion und ist unerreicht in der Bearbeitung von Papier und Holz". Das zeigt sich auch in ihren Bucharbeiten oder Zeichnungen, die bisweilen mit Hitze, Lacken, Rote-Beete-Saft und dem Zufall experimentieren.

Seit 1963 gestaltet Takako Saito Schachspiele. Zunächst wurden die in Maciunas' Fluxus-Shop verkauft. In Saitos Varianten wird der strategische Ernst des Königsspiels ironisch unterlaufen. Im Spiel fällt die Orientierung schwer, und die Figuren sind nicht auf Anhieb zu erkennen: Sie unterscheiden sich oftmals nur durch Geruch, Geschmack oder Gewicht voneinander.

Drei Räume füllen die Schachspiele der Künstlerin. Die mehr als 100 Versionen bestehen aus Ködern zum Fliegenfischen, Spielzeughähnen, Zahnstochern oder Miniaturbäumchen. Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass man das Feld nur im Spiegel sieht.

Diese Schachschule für Mäuse dient zugleich als Falle für mehrere der possierlichen Tiere. Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Mäuse nicht mit Speck zu fangen, sondern über ihre Leidenschaft fürs Schachspiel.

Viele Werke Takako Saitos sind aus magnetischen Modulen zusammengesetzt. Verändern lässt sich auch die Wandskulptur "Freedom" aus gelben und schwarzen Würfeln. Da die fragile Arbeit bei zu viel Bewegung von der Wand fallen könnte, stehen zum Ausprobieren zwei Elemente auf Sockeln am Boden.

In einem weiteren Raum lässt sich ein persönliches "Kunst-Porträt" aus verschiedenen Metallelementen anfertigen. Zur Erinnerung gibt es ein Polaroid-Foto. Wird das Bild im weißen Rand signiert und an die dafür vorgesehene Wäscheleine gehängt, setzt die Künstlerin irgendwann ihre Unterschrift daneben.

Im Museum für Gegenwartskunst in Siegen sind viele Mitmachzonen mit grünem Kunstrasen gekennzeichnet. In diese Spielköpfe, die Takako Saito individuell geschnitzt hat, können oben Murmeln geworfen werden. Ein Mechanismus im Inneren bestimmt per Zufall, ob die Murmel durch den Mund, die Augen oder aus den Ohren herauskommt.

Auf einem Spielfeld mit 16 schwarzen und 16 weißen Würfeln ist Schachspielen durchs Hören möglich. Jeder Würfel klingt anders. Ein Tipp von Museumsdirektorin Eva Schmidt: Die Bauern klingen – natürlich – nach Stroh.

2006 waren erstmals einzelne Werke von Takako Saito in Siegen zu sehen. Schon damals entstand die Idee, eine Retrospektive zu zeigen. Dagegen wehrte sich die japanische Fluxus-Künstlerin aus Düsseldorf vehement: Schließlich sei sie noch am Leben! Ein Kompromiss entstand durch "Retrospektive und Ausblick" als Untertitel (im Bild: Performance-Kleid für das Papiermuseum Düren).

Tatsächlich ist die Künstlerin weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. In ihrem Düsseldorfer Atelier ist sie fast täglich zu finden. Ihr inzwischen fünf Jahrzehnte umfassendes Werk ist lebendiger denn je und erstmals in Siegen eindrucksvoll in dem Umfang zu erkennen.

Takako Saito wohnt zurzeit im Gästezimmer des Museums. Während der Ausstellung wird sie mehrere Performances inszenieren. Dabei spielen Geräusche eine besondere Rolle. Allerdings wohl kaum dieses Objekt: Akribisch gefaltete Papierwürfel fallen durch Ruckeln und Ziehen geräuschvoll von der Decke auf den Boden.

"Takako Saito. You and Me" läuft noch bis zum 18. Februar 2018 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Zur Ausstellung soll ein umfangreicher Katalog mit Installationsfotos erscheinen. Wer die grandiose Schau gesehen hat, wird auf diese Dokumentation gerne warten.

Stand: 11.11.2017, 09:00 Uhr