Die "Wunder Roms" in Paderborn

Die "Wunder Roms" in Paderborn

Von Thomas Köster

Sehnsuchtsort und Pilgerstätte: Seit Jahrhunderten ziehen Wallfahrer, Bildungsbürger und Touristen nach Rom. Eine Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn spürt nun dem Mythos der Ewigen Stadt nach. Von der Antike bis zur Gegenwart - mit spektakulären Exponaten.

Die Wunder Roms, Diözesanmuseum Paderborn 2017 (Ausstellungsansicht)

Rund 200 Exponate von 95 Leihgebern aus Rom, dem Vatikan und ganz Europa haben die Kuratoren der Paderborner Schau zusammengetragen, um "Die Wunder Roms im Blick des Nordens" nachzuzeichnen. Der Blick schweift vom antiken Zentrum des Römischen Reichs über den Mittelpunkt des Christentums bis zur touristischen Gegenwart. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte die Schau am Freitag (31.03.2017) bei der Eröffnung als "grandioses Panorama der Rezeptionsgeschichte der Ewigen Stadt und ihrer kulturellen Attraktionen".

Rund 200 Exponate von 95 Leihgebern aus Rom, dem Vatikan und ganz Europa haben die Kuratoren der Paderborner Schau zusammengetragen, um "Die Wunder Roms im Blick des Nordens" nachzuzeichnen. Der Blick schweift vom antiken Zentrum des Römischen Reichs über den Mittelpunkt des Christentums bis zur touristischen Gegenwart. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte die Schau am Freitag (31.03.2017) bei der Eröffnung als "grandioses Panorama der Rezeptionsgeschichte der Ewigen Stadt und ihrer kulturellen Attraktionen".

Ein absolutes Highlight der Paderborner Schau ist sicher die 1,70 Meter hohe und erst 1486 wiederentdeckte Marmorhand der riesigen Statue Kaiser Konstantins, mit der der ehrfürchtig "der Große" genannte Herrscher im 4. Jahrhundert seine Macht demonstrieren wollte. Sie war noch nie zuvor in Deutschland zu sehen.

Ursprünglich hat Konstantins Hand, die auf einer ebenfalls gezeigten Fotografie des Lichtbildners Herbert List christlich umgedeutet wird, ihren Platz im Innenhof der Kapitolischen Museen, die auch den monumentalen Kopf, die Reste eines Beines sowie den kaiserlichen Fuß beherbergen. Wie es dort architektonisch aussieht, zeigt ein gezimmertes Modell.

Was antike Köpfe angeht, so ist in Paderborn ein jugendlich wirkendes Abbild eines der Söhne Konstantins des Großen ausgestellt. Sein Blick ist nach oben gen Himmel gerichtet, was seine Legitimation von Gottes Gnaden illustrieren sollte. "Der Marmorkopf ist Zeugnis einer Übergangszeit, in der die Bildmacht der Antike langsam durch die bildlose Botschaft des Christentums abgelöst wurde", sagen die Macher der Ausstellung. Wobei die Frage offen bleibt, warum die christliche Botschaft "bildlos" gewesen sein soll.

"Non est in toto sanctior orbe locus": "Es gibt keinen heiligeren Ort auf Erden". Das steht noch heute im alten Papstpalast am Lateran. Legitimiert wurde dies vor allem durch den Import von Reliquien aus dem gelobten Land. In diesem Reliquiar aus der päpstlichen Kapelle "Sancta Sanctorum" fanden sich Knochensplitter, verschiedene Steine und Erde, die mit Jesus Christus in Verbindung gebracht werden.

Die zahllosen Reliquien und ihre Verpackungen – die Kirchen – zogen zahllose Pilger nach Rom. Vor allem die Einführung eines Heiligen Jahres durch Papst Bonifatius VIII. im Jahr 1300 lockte Christen aus aller Welt in die Stadt. Die wohl vom Architekten Etienne Dupérac 1575 gefertigte "Karte Roms mit den sieben Hauptkirchen" stellt die "Hauptstadt der Welt" als riesigen Wallfahrtsort frommer Prozessionen dar.

Ein Fixpunkt der Paderborner Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit der römischen Antike seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Rom zum Ziel von Künstlern aus den Niederlanden, Frankreich und den deutschen Fürstentümern werden ließ. Manifestiert wird dies an der berühmten Laokoon-Gruppe, die den aussichtslosen Kampf des Titelhelden mit den Schlangen zeigt (links die Version von Adriaen de Vries, 1600-1625).

In dem vom Kölner Architekten Gottfried Böhm entworfenen Diözesanmuseum findet sich das Motiv über die Stockwerke verteilt immer wieder. Und in den verschiedensten Fokussierungen. Von dieser französischen Büste, die sich ausschließlich auf die Dramatik des verzweifelten Gesichtsausdrucks des Laokoon konzentriert …

… bis zu diesem aus Birnbaumholz gefertigten Rekonstruktionsmodell eines der Söhne Laokoons, das um 1780 in Wien entstand. So illustrieren vor allem diese Werke, wie stark Rom nach den Pilgern auch auf Kunst sammelnde Bildungsbürger im Norden Europas abstrahlte, die die Heilige Stadt vielleicht nie besuchten.

Johann Wolfgang von Goethe war auf jeden Fall in Rom. Nur dort habe er empfunden, "was eigentlich ein Mensch sei", wird der Dichter später notieren. Seine Liebe galt damals der "lieblich bewegten Gestalt" dieser Nymphe aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, die er nach langem Zögern dann doch nicht kaufte – was er Zeit seines Lebens bereut haben soll.

Auch die inzwischen "Ballerina di Goethe" genannte Nymphe ist aus den Vatikanischen Museen nach Paderborn gekommen – ebenso wie dieses vis-à-vis platzierte und eigens für die Ausstellung restaurierte Medaillon von Goethes Sohn August, das seinen Grabstein auf dem römischen Friedhof Cimitero accattolico zierte. Eigentlich an der Deutschen Botschaft fest vermauert, kam das Relief des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen jetzt erstmals nach Deutschland.

Chronologisch führt die Schau zu den "Wundern Roms" durch die Stockwerke bis hin zu den Fotos und Videos des Münchner Künstlers Christoph Brech. Er gehörte zu den Künstlern, die Papst Benedikt XVI. 2009 zum Dialog mit dem Vatikan und seinen Werken einlud. Von Brech sind rund 30 Werke zu sehen ("Musei Vaticani", 2010-2012, hier beim Ausstellungsaufbau).

Auf Brech und seine mit Perspektivverschiebungen und Verfremdungen arbeitenden Werke geht auch die Idee des Diözesanmuseums zurück, sich nach "Caritas" (2015) wieder einem derart epochalen Projekt zu widmen. Mit seinen Fotos ermögliche Brech "einen neuen Zugang, nicht nur zu den Antiken selbst, sondern auch zu den Räumen des Vatikans, in denen sie präsentiert werden", sagt Museumsdirektor Christoph Stiegemann. Ein neuer Blick entsteht aber auch auf Rituale ("Piazza di san Pietro", 2016).

Drei Jahre lang durfte Brech an Orten fotografieren, die sonst sogar Gläubigen verborgen sind. Dabei entwickelte er einen ganz eigenen Blick auf die Ewige Stadt, der die bewundernswerte Monumentalität – wie hier beim Blick aufs beziehungsweise durchs Pantheon 2013 – mit der Alltäglichkeit einer Millionenstadt konfrontiert.

Dabei sind Bilder von der "edlen Einfalt und stillen Größe" (Johann Joachim Winkelmann) antiker Werke entstanden, die selbst auf heutige Betrachter faszinierend und ernüchternd zugleich wirken. Oder in der Offenbarung "entweihender" Szenerien – hier die Bestuhlung eines Saals der Vatikanischen Museen mit Plexiglas – sogar ein wenig obszön.

So hat die Ausstellung zu den Wundern Roms auch etwas Melancholisches. Von all dem kann – und sollte – man sich jetzt inspirieren lassen. Von allen Wegen, die nach Rom führen, endet eben momentan einer in Paderborn (rechts: Brechs „Musei Vaticani, Scala di Bramante“ von 2015).

"Die Wunder Roms im Blick des Nordens. Von der Antike bis zur Gegenwart" ist noch bis zum 13. August 2017 im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn gleich neben dem Dom zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der sich als wissenschaftliche Publikation versteht und dankenswerterweise jedes Exponat erklärt.

Stand: 01.04.2017, 08:00 Uhr