Barocke Pracht. Vera Mercers Stillleben in Leverkusen

Barocke Pracht. Vera Mercers Stillleben in Leverkusen

Von Thomas Köster

Tote Tiere, üppige Blumen und saftige Früchte: Mit ihren Fotografien belebt Vera Mercer das barocke Stillleben neu. Was zunächst Hotels und Restaurants schmückte, ist längst im Kunstraum angekommen: momentan im Bayer Erholungshaus.

Vera Mercer, Stillleben, Bayer Erholungshaus, Leverkusen 2017 (Ausstellungsansicht)

Ihr Vater war der bekannte Bühnenbildner Franz Mertz, ihr erster Mann und "Eat-Art"-Erfinder Daniel Spoerri schenkte ihr ihre erste Kamera. An der Seite von Mark Mercer eröffnete sie in den USA französische Restaurants. Ein Hang zu theatralische Inszenierung und ein visueller Sinn für opulentes Essen haben Vera Mercer also Zeit ihres Lebens begleitet.

Ihr Vater war der bekannte Bühnenbildner Franz Mertz, ihr erster Mann und "Eat-Art"-Erfinder Daniel Spoerri schenkte ihr ihre erste Kamera. An der Seite von Mark Mercer eröffnete sie in den USA französische Restaurants. Ein Hang zu theatralische Inszenierung und ein visueller Sinn für opulentes Essen haben Vera Mercer also Zeit ihres Lebens begleitet.

Als Teil der französischen Avantgarde der 1960er Jahre fotografierte die 1936 in Berlin geborene Mercer Marcel Duchamp, Jean Tingely und Niki de Saint-Phalle, dokumentierte aber auch die großen Markthallen von Paris 1969 vor deren Abriss. Erst spät fand sie zur barocken Pracht ihrer Großformate, die in Zentrum der Leverkusener Schau stehen. Einige Porträts (hier Duchamp, Samuel Beckett und Eva Aeppli) sind aber auch zu sehen.

Mercers ganz eigener Stil mit seinen komplexen Arrangements und satten Farben war zunächst unter Gastronomen beliebt: Gemeinsam mit dem Innenarchitekten John Morford dekorierte sie Restaurants und Hotels, etwa in Asien, mit ihren Bildern. Im Konferenzraum des Bayer Erholungshauses kann man das ein wenig nachvollziehen. Von der Kunstszene wurde Mercer eigentlich erst in den letzten Jahren entdeckt.

50 Fotos aus den Jahren 2006 bis 2015 hat Kuratorin Britta E. Buhlmann zusammengetragen – eine Auswahl, die auch schon im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern und im Museum Moderner Kunst in Passau zu sehen war. Sie illustrieren, wie etabliert Mercer inzwischen auch im nicht vorrangig kommerziell ausgerichteten Teil des Kunstbetriebs ist.

Seit 2004 manipuliert Mercer ihre Stillleben digital, schichtet bis zu elf Bildebenen übereinander, verfremdet die "Wahrhaftigkeit" ihrer Arrangements durch irritierende perspektivische Brüche oder verzerrte Größenverhältnisse. Das ist das – zeitgenössische – Rezept hinter allen klassisch wirkenden Kompositionen: So, wie es scheint, ist auf diesen Fotos eigentlich nichts.

"Das gemalte Stillleben ist für Kunsthistoriker ja ein interessantes Thema", betont dem entsprechend auch Kuratorin Britta E. Buhlmann. "Und plötzlich macht eine Fotografin riesige Stillleben, bei denen man denkt: Es stimmt alles, und es stimmt nichts."

Durch ein mystisches Licht gelingt es Mercer, die malerische Atmosphäre barocker Vorbilder heraufzubeschwören. Gleichzeitig wirken ihre Arbeiten aber auch wie aus der Zeit gefallen. Von dieser Warte aus kann ihr vielleicht gerade noch der niederländische Foto-Star Ruud van Empel mit seinen digital komponierten Fleisch- und Fischarrangements das Wasser reichen.

"Leben und Tod sind zwei großartige Dinge", sagte Mercer 2014 in einem Interview. "Ich wünschte, meine Fotos würden das noch viel mehr zum Ausdruck bringen." Wer ihre opulenten Stillleben in Leverkusen gesehen hat, wird vermutlich auf den ersten Blick befinden, dass ihr dieser Ausdruck ganz gut gelungen ist.

Aber eigentlich sind Mercers raffiniert ausgeleuchtete und mit Tinte auf strukturiertes Aquarellpapier gedruckte Stillleben beim näheren Hinsehen viel zu schön, um schrecklich wahr zu sein. Würmer, Maden, Schimmel oder löchrige Blätter fehlen, als klassisches Vanitasmotiv bleibt neben dem ein oder anderen Tierkopf nur die abgebrannte Kerze.

Mercers Arbeiten sind vor allem Augenschmaus, ein Spiel aus opulenter Form und satter Farbe, ein Fest der Sinnlichkeit und Schönheit. Trotzdem machen die Fotos keinen Appetit, sich ins nächste Fünf-Sterne-Restaurant zu setzen und ein Vier-Gänge-Menü zu verspeisen. Dafür haftet allem dann doch ein letzter Ekel an.

Aber selbst der Ekel wirkt schon wieder ungemein ästhetisch. So verweist Vera Mercers Werk weniger zurück zur Eat Art ihres Ex-Mannes, sondern zu den üppigen Dinners der Surrealisten rund um Salvador Dalí oder Meret Oppenheim.

Die Ausstellung "Vera Mercer: Stillleben" wird noch bis zum 12. November 2017 im Foyer des Bayer Erholungshauses in Leverkusen gezeigt. Vorsicht bei der Terminplanung: Das Haus ist nur samstags und sonntags sowie an Feiertagen von 11:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Zur Ausstellung ist auch ein reich bebilderter Katalog erschienen. Er ist an der Kasse im Bayer Erholungshaus und im Buchhandel erhältlich.

Stand: 04.09.2017, 09:23 Uhr