Tomi Ungerer "incognito"

Tomi Ungerer "incognito"

Von Thomas Köster

Ob Kinderbücher, politische Plakate oder erotische Zeichnungen: Der elsässische Schriftsteller und Illustrator Tomi Ungerer kann alle Register ziehen. Im Essener Museum Folkwang zeigt der 84-Jährige ab Freitag (18.03.2016) auch eine bisher unbekannte Seite - unter dem Titel "Incognito".

Tomi Ungere

"Mein Problem ist, dass ich zu viele Ideen habe. Immer muss ich irgendetwas anderes unterbrechen, um sie umzusetzen. Es ist fast wie eine Panik." Wer Tomi Ungerer erlebt, glaubt ihm aufs Wort. Dass er vor allem wegen Bilderbüchern wie "Die drei Räuber" (1961) bekannt geworden ist, scheint ihn ein wenig zu ärgern. Denn: "Das Kinderbuch war immer eine Nebensache."

"Mein Problem ist, dass ich zu viele Ideen habe. Immer muss ich irgendetwas anderes unterbrechen, um sie umzusetzen. Es ist fast wie eine Panik." Wer Tomi Ungerer erlebt, glaubt ihm aufs Wort. Dass er vor allem wegen Bilderbüchern wie "Die drei Räuber" (1961) bekannt geworden ist, scheint ihn ein wenig zu ärgern. Denn: "Das Kinderbuch war immer eine Nebensache."

Die heimliche Leidenschaft des inzwischen 84-jährigen Künstlers gilt seit mehreren Jahrzehnten hintergründigen Collage und Skulpturen. Dass er in diesen Genres genauso heimisch ist wie im politischen Plakat und in der sexuell oft sehr freizügigen Zeichnung, ist jetzt in Essen in der Ausstellung "Incognito" zu sehen.

Nach einer ersten Station im Kunsthaus Zürich macht "Incognito" nun im Museum Folkwang Station. Ein Grund ist sicher, dass Folkwang-Direktor Tobia Bezzola bis 2012 dort Kurator war. Der Titel der Ausstellung ist dabei Programm. Denn das, was Ungerer hier präsentiert, war bisher in der Öffentlichkeit größtenteils nicht zu sehen.

Das Museum Folkwang präsentiert rund 170 Werke aus allen Schaffensphasen des in Straßburg geborenen Künstlers, die seine ganze Bandbreite zeigen. Etwas versteckt hängen auch ein paar Bilderbuchillustrationen. Aber das dient offensichtlich nur der Vollständigkeit. Nicht diese Auftragsarbeiten stehen im Zentrum, sondern das autonome Kunstwerk.  

Rund 600 Collagen habe er in den letzten Jahrzehnten geschaffen, schätzt Ungerer. Ein Großteil befindet sich noch in seinem Besitz. "Manche sind noch nicht fertig, manche liegen daheim herum, manche gehen in den Müll auf Ferien", sagt der Künstler mit dem für ihn typischen Humor. Und viele hängen eben jetzt in Essen.

Als Ausgangsbasis dienen Ungerer oft Fundstücke, die er selbst zusammengetragen und zumeist nur minimal verändert hat. Schöpferisch ist dabei vor allem die Kombination der Trouvaillen in einem neuen Sinnzusammenhang. So werden aus rostig ausgefransten Blechen mit wenigen Handgriffen schon mal zwei zänkische Weiber.

Das Prinzip der Collage wendet Ungerer seit seiner Zeit als junger Illustrator immer wieder an – anfangs vor allem auch noch in Kombination mit Strich und Farbe. Bei der Eule aus den späten 50er Jahren reichten zwei Papieruntersetzer und ein paar raffiniert gerissene Papierfetzen, um eine neue Welt zu zaubern.

Es sind vor allem die Erfinder der politisch motivierten Fotocollage, die Berliner Dadaisten um Hannah Höch und John Heartfield, denen Ungerer viel verdankt. Selbst in so harmlos anmutenden Arbeiten wie "Pride and Prejudice" (2012) schlummert Gesellschaftskritik. Wenn der High-Society-Zebramann seine Hülle ablegt, bleibt nur ein schicker Anzug mit Krawattenkopf.

Mit seinen plastischen Arbeiten weitet Ungerer das Prinzip der Collage ins Dreidimensionale aus. Steine, Hölzer, Wurzeln, Tierskelette, Metallwerkzeuge, Kehrbleche, Küchensiebe und Sprungfedern dienen hier als Ausgangspunkt. Oder Kinderkram. Da wird dann ein alter Plastikheld zum albernen Blumenverächter. Und ein Kinderschuh zum Kettenraucher.

Auch bei Ungerers Skulpturen ist die Beschränkung aufs Wesentliche ein wichtiges Moment. Egal, ob Schaufensterpuppen sich entsetzt von der merkwürdigen Realität abwenden, indem sie ihre am Lampengelenk befestigte Hand wie einer der berühmten drei Affen vors Gesicht schlagen …

… oder kitschige Porzellanhündchen beim Pfötchen geben irritierend menscheln.

Manches ist dabei einfach nur witzig oder schön anzuschauen - etwa, wenn ein Plastikschwan im Bügeleisenboot auf fantastische Fahrten geht. Das meiste aber hat einen sehr subversiven, hintergründigen Humor.

Auch bei diesen Collagenskulpturen sind die Vorbilder klar. Bei diesem nur aus einem Gepäckträger und einem Fahrradsattel bestehenden Hund stand eindeutig Picassos berühmter Stierkopf aus Fahrradlenker und Sattel Pate. Der Künstler selbst führt die Surrealisten ins Feld. "Es gibt immer jemanden, der mich anzündet." Ungerer bringt's dann zur Explosion.

So macht die Schau in Essen vor allem klar, wie gut sich die bisher unbekannten Collagen ins Gesamtwerk Ungerers einfügen. Vor allem auch dadurch, dass "Incognito" das Unbekannte mit sattsam Bekanntem mischt. Auch mit den erotischen Zeichnungen, die Ungerers Auseinandersetzung mit diversesten Spielarten der Sexualität illustrieren.

Und dann gibt es bei den Plakaten auch noch ein spezifisch nordrhein-westfälisches Wiedersehen. Neben Kritiken am Vietnamkrieg und Werbegrafiken für die New Yorker Rockmusik-Avantgarde der 60er Jahre (links) ist auch eine fulminante Poster-Serie zu sehen, die Ungerer zur Spielzeit 1986/87 für das Düsseldorfer Schauspielhaus schuf (rechts).

"Ich bin ziemlich kindisch geblieben", sagt Ungerer über seinen momentanen Zustand – und meint damit vor allem die ihm eigene Schamlosigkeit, sich der Wirklichkeit zu nähern. Kindisch ist aber auch die Art und Weise, die Welt der Dinge mit anderen Augen zu betrachten und in Collagen neu zusammenzusetzen. Die Kinderbücher sind dabei offenbar wirklich eher Nebensache.

Wenn er spricht, wird Ungerer übrigens selbst eine Collage. Dann wechselt Deutsch mit Englisch und Französisch munter hin und her. Da passt es ins Bild, dass der Weltbürger, der lange Zeit in New York lebte und inzwischen vor allem zwischen Irland und Straßburg hin- und herpendelt, zur Pressekonferenz mit einem Gehstock samt anmontierter Fahrradklingel kam. Und ist der Griff nicht auch ein Türknauf?

"Tomi Ungerer. Incognito" ist noch bis zum 16. Mai 2016 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein reich bebilderter und leider nicht besonders preiswerter Katalog erschienen – natürlich in Ungerers Zürcher Hausverlag Diogenes.

Stand: 18.03.2016, 12:20 Uhr