Tom Fechts magische Momente

Tom Fechts magische Momente

Von Thomas Köster

Seit zehn Jahren fotografiert Tom Fecht den Himmel und das Meer bei Nacht. Und macht gerade dadurch auf seinen Bildern das Unsichtbare natürlicher Phänomene sichtbar. Wie magisch das aussieht, zeigt jetzt eine Ausstellung im Duisburger Museum DKM.

Tom Fecht

"Landschaften atmen sehr deutlich", sagt Tom Fecht, der erst nach einem Leben als Hardware-Ingenieur autodidaktisch zur Fotografie kam. Diesem aufsteigenden und abklingenden "Atmen" spürt der 65-jährige Fecht in seinen Bildern nach – seit 2008 am liebsten bei Nacht. Oder im Dunkeln, weil es da am klarsten für seine "Kameras mit Ohren" zu sehen ist.

"Landschaften atmen sehr deutlich", sagt Tom Fecht, der erst nach einem Leben als Hardware-Ingenieur autodidaktisch zur Fotografie kam. Diesem aufsteigenden und abklingenden "Atmen" spürt der 65-jährige Fecht in seinen Bildern nach – seit 2008 am liebsten bei Nacht. Oder im Dunkeln, weil es da am klarsten für seine "Kameras mit Ohren" zu sehen ist.

In der Ausstellung "TiefenZeit" hat Fecht Bilder aus acht Serien ausgewählt, die in rund 20 Jahren entstanden: magische Aufnahmen, die das Unsichtbare, eigentlich Undurchdringliche hinter den Himmels- und Meeresphänomenen deutlich zu machen suchen. Und die sich wie die Gezeiten ständig zu verändern scheinen (im Bild: "Tide #336", 2011).

Herzstück der Ausstellung ist zweifellos das großformatige Triptychon "Time", das 2012 während einer meteorologischen Sonnenfinsternis in Finestère an einem unberührten Küstenstreifen an der französischen Atlantikküste entstand. Hier befindet sich Fechts Atelier, hier entstehen fast alle seiner Bilder. Nur das spärlich am Tageshimmel verbleibende Licht beleuchtet bei "Time" das ansonsten schwarz wogende Meer.

Als Dreierfolge einer sich bewegenden Welle, die mit Hilfe von drei Kameras aufgenommen wurde, illustriert "Time" nicht nur Fechts fast schon filmisches Interesse an Bewegung. Es zeigt auch, dass sich seine Fotos allmählich im Auge des Betrachters entwickeln. Was von weitem wie ein kontemplatives Seestück erscheint, wühlt sich im Laufe immer mehr auf.

Eingefroren ist die Zeit auch in der Serie "Star Pointer" (1999), die die berühmte, 2004 verstorbene Tänzerin Ana Parrilla porträtiert. Auf dem Bild ist jener Moment eingefangen, in dem Parrilla eine fast schon vergessene Figur des andalusischen Flamenco zitiert: Der Zeigefinger der linken Hand deutet metaphorisch auf einen entfernten Stern, die rechte Hand lenkt dessen Licht auf den Liebhaber, sprich: den Tänzer, der darauf reagieren muss.

In einem kleinen Raum des DKM korrespondiert "Star Pointer" mit einer kleinen Arbeit aus der Serie "Basics" (1997), der den Fuß und die muskulöse Hand eines offenbar sehr gelenkigen Tänzers zeigt und so die sternengreifende Geste der Flamencotänzerin gewissermaßen erdet. Es sind gerade diese assoziativen Bezügen, die die Schau "TiefenZeit" prägen.

Während "Star Pointer" mit dem vorhandenen Licht eines imaginären Sternes spielt, wendet sich das Werk "Incertitude" (2016) der Energie bereits verloschener Himmelskörper zu. Das Foto wurde nachts bei völlig bedecktem Himmel aufgenommen. Zu sehen ist also nicht das unendliche Leuchten des Firmaments, sondern die eigentlich unsichtbare kosmische Strahlung gestorbener Sterne, die mit der Fotoemulsion reagiert.

Eindringlich, poetisch und philosophisch sind alle gezeigten Arbeiten Fechts. Verbergen und Enthüllen, Dynamik und Stillstand, Vergänglichkeit und Unendlichkeit halten sich auf eine faszinierende Weise die Waage. Wie beim Diptychon "Gravitational Pull" (2017), das in der Spiegelung des Mondes im Meer den Wechselwirkungen der Gezeiten nachspürt.

"Gravitational Pull" illustriert einmal mehr, dass es Fecht nicht darum geht, Landschaft als "gerahmte Natur" einfach nur abzubilden, sondern gerade in der Abstraktion Wesentliches - hier das Wechselspiel von Ebbe und Flut, Schwerkraft und Licht - zu visualisieren. Der Mond, dessen Lauf sonst kaum wahrnehmbar ist, scheint auf dem Wasser zu tanzen.


Oder im vielleicht meditativsten Foto der Ausstellung, "Infinity" von 2012. Es zeigt die Brille der 1965 verstorbenen Architektur-Ikone Le Corbusier, auf die das Sonnenlicht fällt. Ihre Bügel seien durch die Anatomie des großen Gestalters derart verformt worden, dass die Brille das Zeichen für Unendlichkeit als Schatten geworfen habe, sagt Fecht. Dass hier Photoshop nicht nachgeholfen haben soll, ist schier unglaublich.  

Vor drei Jahren haben die beiden Gründungsväter des DKM ein Werk Tom Fechts auf der holländischen Kunstmesse Tetaf in Maastricht entdeckt. "Das war wie ein Paukenschlag", sagt Dirk Krämer (Bild), einer von ihnen. "Und dann haben wir bei unserem ersten Treffen auch noch sofort dieselbe Sprache gesprochen." Aus diesem ersten Kontakt hat sich im Laufe der Zeit die Ausstellung entwickelt.

Eigentlich sollte für die Schau in Duisburg nur ein kleinerer Raum bereitgestellt werden. Aber dann entschloss man sich, doch vier Räume freizumachen – darunter auch den größten des ansonsten sehr intim aufgeteilten Museums. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Denn so haben die zum Teil sehr großen Fotos, die alle Unikate sind, Platz zum Atmen. Wie die Landschaften, die auf ihnen zu sehen sind.

"Tom. Fecht. TiefenZeit" ist seit Freitag (05.05.2017) und noch bis zum 3. Dezember 2017 im Museum DKM in Duisburg zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der den Besuch natürlich keineswegs ersetzt. Denn nur vor Ort ist die ganze kontemplative Wucht der Fotos zu erleben ("Electric Cinema VIII", 2008).

Stand: 05.05.2017, 09:00 Uhr