"Haus der Jugend" - Tobias Zielony in Wuppertal

"Haus der Jugend" - Tobias Zielony in Wuppertal

Von Thomas Köster

Mit seinen schonungslos einfühlsamen Porträts der Techno-Generation wurde der Fotokünstler Tobias Zielony international bekannt. Nun stellt er erstmals in seiner Geburtsstadt Wuppertal aus. In einem Gebäude, in dem er als Jugendlicher gefeiert hat. Wir haben ihn beim Aufbau besucht.

Tobias Zielony

"Das Gebäude der Kunsthalle kenne ich noch als Haus der Jugend", sagt Tobias Zielony. "Im gleichnamigen Jugendclub im Keller bin ich früher auf Konzerte gegangen." Die Ausstellung in Wuppertal ist also auch eine Art Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, die sich doch so fundamental von den Erfahrungen jener Generation unterscheiden, die mit Sozialen Medien und Smartphone aufgewachsen ist. Der Titel der Ausstellung – "Haus der Jugend" – spiegelt dieser Facette.

"Das Gebäude der Kunsthalle kenne ich noch als Haus der Jugend", sagt Tobias Zielony. "Im gleichnamigen Jugendclub im Keller bin ich früher auf Konzerte gegangen." Die Ausstellung in Wuppertal ist also auch eine Art Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, die sich doch so fundamental von den Erfahrungen jener Generation unterscheiden, die mit Sozialen Medien und Smartphone aufgewachsen ist. Der Titel der Ausstellung – "Haus der Jugend" – spiegelt dieser Facette.

Zum Glück hat der Biennale-Teilnehmer von 2015 diese Rückkehr in seine Geburtsstadt nicht zum Anlass genommen, sentimental oder nostalgisch zu werden. Seinem Anspruch, dem Lebensalter zwischen Kindheit und Erwachsen-Sein einen Bildraum zu geben, ist er auch mit seiner aktuellen Schau treu geblieben. Erstmals gezeigt werden Arbeiten, die zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 in der Ukraine entstanden sind. Und die sind wieder echt Zielony. Und doch auch ein wenig anders.

Vier "ziemlich intensive Wochen" lang ist Tobias Zielony durch die Queer- und Techno-Szene von Kiew gereist: Ein Ort, den der Künstler auf eine für ihn typische Art mit einer Mischung aus erkenntnisgeleitetem Interesse und persönlicher Begegnung fand. "Die neuen Arbeiten entstanden aus der Überlegung, wo sich die Krisen in Europa manifestieren. Dann habe ich eher zufällig eine Frau kennengelernt, die Teil der schwul-lesbischen und Transgender Community, aber auch der Underground- und Techno-Community ist. Die habe ich dann besucht."

"Maskirovka" heißt die neue Serie: nach einem Begriff, der aus der russischen Tradition verdeckter Kriegsführung und militärischer Täuschung stammt. In jüngster Zeit wird er vor allem im Zusammenhang mit dem nie offiziell erklärten "hybriden Krieg" benutzt, den Russland mit den maskierten Spezialeinheiten der "grünen Männer" nach dem Maidan-Aufstand in der okkupierten Ostukraine führt.

Mit anonymisierenden Masken schützten sich die Maidan-Demonstranten vor dem Tränengas und der Identifizierung. In der Queer-Szene der ukrainischen "Subkultur" sind sie aber auch Teil des sexuellen Spiels. All diese ganz unterschiedlich konnotierten Aspekte schwingen auf den Fotos der Wuppertaler Ausstellung mit.

Im Katalog sind neben den ausgestellten Fotos auch Interviews mit Protagonistinnen der ukrainischen Revolution abgedruckt, die Zielony durchaus als Erweiterung seiner Bilderkunst verstanden wissen will. "Meine Bilder wirken auch für sich. Da vertraue ich meinen Bildern, dass sie in sich eine Form von Erzählung erschaffen. Aber es gibt auch Grenzen des Bildes. Man versteht etwas anderes, wenn man auch noch die Texte liest."

Tatsächlich bekommen die eindringlichen, teils sehr melancholischen Fotos durch die Interviews eine neue, immens politische Dimension. Denn sie zeigen eine zerrissene Generation zwischen Aufbruch und Untergang, stolzer Pride-Parade und einschüchternder Kriegserfahrung.

"Eigentlich waren meine  Arbeiten in meinen Augen immer schon politisch", betont Zielony. "Aber sie waren früher weiter weg von tagespolitischen Fragen. Alles, was man in der Ukraine macht, ist aber nur im Kontext dieser Krise und dieses Krieges zu sehen. Gerade die Interviews versuchen noch einmal, das herauszustellen. Und zu zeigen, wo die Bildserie verortet ist."

Eine "verzögerte Pubertät in einem anarchistischen Land" nennt die porträtierte Techno-Tänzerin Tasia diesen Schwebezustand, in dem der Rhythmus der als Kunst aufgefassten Musikrichtung Erlösung bringt. Die Trauma-Psychologin Vicky spricht von der Gefühllosigkeit in einer emotionalen Hölle. "Du sitzt zuhause, kriegst den Weltuntergang mit, fühlst aber nicht viel."

"Man kann die Situation in Kiew vielleicht vergleichen mit den 90er Jahren hier", sagt Zielony. "Mit diesem Gefühl vom Umbruch in einer völlig unkommerziellen Szene, in der kein Geld da ist, aber auch mit dieser irgendwie befreienden Unsicherheit, bei der man nicht weiß, was morgen ist, aber auch nichts zu verlieren hat.“ Daneben geht es aber nach wie vor um die möglichst unverfälschte Darstellung von Selbstwahrnehmung und Selbstinszenierung einer Generation im Dazwischen, die sich noch finden muss.

Neben den aktuellen Arbeiten hat Zielony aus Werken von 1997 bis 2005 das Video "Alles" montiert, das ebenfalls in Wuppertal zu sehen ist. Es dokumentiert die frühere Ansicht des Künstlers, die durch die Eindrücke aus Kiew ein wenig revidiert worden ist: "Meine These war damals: Ich kann überall fotografieren, kein Ort ist wichtiger als der andere, die Jugendlichen hängen genauso in Halle rum wie in Wuppertal oder Bristol. Die neueren Arbeiten sind da schon etwas gezielter."

Teil der retrospektiven Szenerie von "Alles" ist auch ein Video auf Grundlage eines Super-8-Films, den Zielony in seinem Archiv gefunden hat. Der Film war in Dutzende Einzelstücke zerschnitten, die der Künstler eigens für die erste Ausstellung in seiner Geburtsstadt neu collagiert hat. Posing vor den Medien war schon damals, lautet die Botschaft. Aber es hatte eine andere Qualität.

"Als Künstler habe ich mich seit jeher mit der Frage beschäftigt, was die Realität ist und ob es sie überhaupt gibt. Und was bedeutet es, wenn man davon Bilder macht?", sagt Zielony. "Schafft man damit nicht erst eine Wirklichkeit?" Diese Fragen reflektiert der Fotokünstler in "Maskirovka" im Spiel mit Maskerade und Demaskierung vielleicht noch stärker als zuvor. Schon deshalb lohnt sich der Besuch.

"Tobias Zielony. Haus der Jugend" über die Kiewer Techno- und Queer-Szene im Schwebezustand ist noch bis zum 14. Januar 2018 in der Von-der-Heydt-Kunsthalle in Wuppertal zu sehen. Bequem mit der Schwebebahn zu erreichen. Im echten Haus der Jugend im Keller spielt im September übrigens die Kultband Tito & Tarantula. Und, für Nostalgiker, Jethro Tull.

Stand: 07.09.2017, 09:00 Uhr