"A Star is Born". Tintoretto in Köln

"A Star is Born". Tintoretto in Köln

Von Thomas Köster

Jacopo Tintoretto gilt als einer der bedeutendsten venizianischen Maler des 16. Jahrhunderts. Jetzt kann man in Köln das experimentierfreudige Frühwerk des Ausnahmemalers bestaunen. Eine kleine Sensation.

Tintoretto. A Star Is Born, Wallraf-Richartz-Museum, Köln 2017 (Ausstellungsansicht)

Streng genommen ist die Kölner Ausstellung, die den 500. Geburtstag Jacopo Robustis alias Tintoretto ("das Färberlein") feiern will, eine Mogelpackung. Denn ob der venezianische Sohn eines Färbers wirklich 1518 – oder nicht vielleicht doch schon 1512 – oder erst 1524 – geboren wurde, weiß niemand ganz genau. Ist aber auch egal. Ein Grund zu feiern ist das allemal ("Selbstporträt", 1547).

Streng genommen ist die Kölner Ausstellung, die den 500. Geburtstag Jacopo Robustis alias Tintoretto ("das Färberlein") feiern will, eine Mogelpackung. Denn ob der venezianische Sohn eines Färbers wirklich 1518 – oder nicht vielleicht doch schon 1512 – oder erst 1524 – geboren wurde, weiß niemand ganz genau. Ist aber auch egal. Ein Grund zu feiern ist das allemal ("Selbstporträt", 1547).

Im Wallraf-Richartz-Museum sind jetzt 74 Exponate versammelt, darunter 36 zum Teil großformatige Gemälde Tintorettos selbst. Das ist eine kleine Sensation. Denn Köln gilt nicht gerade als Tintoretto-Hochburg. Da ist es schon ein Coup, ein Jahr vor dem offiziellen Jubiläum zu starten – und gewissermaßen in den Geburtstag hineinzufeiern.

Dabei macht die Konzentration auf das Frühwerk tatsächlich Sinn. Denn hier zeigt sich der ganze Ehrgeiz und Eigensinn, die ganze Experimentierfreude eines Renaissancekünstlers, der mit allen Mitteln und zunächst nur einem Gehilfen aus dem Schatten Tizians oder Francesco da Santacroce (hier dessen undatierte "Anbetung der Könige") heraustreten wollte. Viel radikaler als später, wo eine nur mit einer großen Werkstatt zu bewältigende Auftragsflut den Anspruch verwässerte.

Schön ist auch, dass die Ausstellung sich Tintorettos geheimnisvollem "Doppelgänger" widmet: Giovanni Galizzi, Tintorettos erstem Gehilfen und Weggefährten, mit dem er zahlreiche Gemälde gemeinsam schuf – und dem er vor allem auch bei Porträts junger Frauen die Köpfe überließ. An der "Madonna mit Kind" (1550-1555) wirkte er wohl entscheidend mit. Galizzi selbst signierte nur eine Handvoll Werke selbst.

Begangen wird der 500. Geburtstag denn auch mit Gesamtschauen vor allem in Venedig und Washington, wo die größten Tintoretto-Schätze lagern. Der Bestand des Wallraf-Richartz-Museums ist vergleichsweise eher klein. Dafür hat man mit Kurator Roland Krischel einen der international renommiertesten Tintoretto-Experten. Wer die Gelegenheit hat, sich von ihm durch die Schau führen zu lassen, sollte das unbedingt tun.

Seit 2013 ist Krischel für die Schau unterwegs gewesen, hat renommierte Museen um Leihgaben gebeten und verschollen geglaubte Werke in Privatsammlungen aufgestöbert. "Überzeugt haben wir die Leihgeber vor allem mit dem Versprechen, dass sie ihre Bilder mit neuen Erkenntnissen zurückbekommen", sagt der Kurator. Die Ausstellung ist auch ein Forschungsprojekt.

Um zu erkennen, wie einfallsreich und originell Tintoretto vorging, braucht man allerdings keine Forschungsliteratur. Es reicht der genaue Blick. So beim Gemälde "Der heilige Ludwig, der heilige Georg und die Prinzessin" (1551) des Verwaltungsgebäudes Palazzo dei Camerlenghi, für dessen Sammlung die Namenspatronen der adeligen Beamten abzubilden waren – und bei dem der ehrgeizige Tintoretto mit dem steifen Darstellungsmuster seines Vorgängers Bonifacio de' Pitati auf radikale Weise brach.

Auf dem Bild schaut der heilige Georg der schönen Prinzessin unumwunden ins Dekolleté. Damit sich die – damals wohl ausschließlich männlichen – Betrachter des Verwaltungsgebäudes unweit der Rialtobrücke besser vorstellen können, was er da sieht, spiegelt es sich in seinem Brustharnisch wider.

Überhaupt sind es die Details, die bis heute begeistern. Beim "Kampf des heiligen Georg mit dem Drachen" aus der Londoner Tate Gallery hat Tintoretto die Lanze perspektivisch so platziert und verkürzt, dass sie zur Waffe eines Einhorns – mittelalterliches Symbol für Christus – wird. Nicht der gesichtslose Heilige besiegt demnach das Böse, sondern die willensstarke göttliche Macht.

Über gute Neuigkeiten freuen kann sich auch Königin Elisabeth II. Das aus ihrer Sammlung entliehene "Liebeslabyrinth" stammt nicht nur aus der Werkstatt Tintorettos, sondern trägt eindeutig seine Handschrift. 1538 malte er die Landschaft mit dem Irrgarten und ließ das Bild dann liegen. Um 1552 beauftragte er einen seiner Schüler, die kleinteiligen Figuren hinzuzufügen. Für derlei Kleinkram war sich der inzwischen berühmt gewordene Meister schlichtweg zu fein.

Im Wallraf ist auch ein Modell des Labyrinths zu sehen. Es offenbart Tintorettos Erfindungsgabe. Im Labyrinth gibt es zwei Wege, von denen einer ohne Umschweife ins Zentrum führt. Wer aber an den reich gedeckten Tisch der Weisheit will, muss den anderen Gang komplett durchschreiten. Einen solchen Irrgarten mit zwei Zentren, der bei Tintoretto zur Allegorie auf das Leben gerät, gibt es in Kunst und Literatur kein zweites Mal.

Trotz aller Forscherfreude bleibt ein Teil der neuen Erkenntnisse reine Spekulation. Kurator Krischel spricht von "Indizienprozessen" – und hat sich auch die Freiheit genommen, auf einer Karte von Venedig nicht nur die Wohnorte der zeitgenössischen Künstler zu verzeichnen, sondern auch jenen Ort, an dem Tintorettos "Liebeslabyrinth" vom Bildaufbau her gestanden haben müsste. Gerade dieses Changieren zwischen Fakt und Fiktion hätte Tintoretto sicher gefallen.

Und dann gibt es auch etwas Wunderbares, das das Zeug zum Lieblingsstück hat. Es ist nur eine Skizze, gemalt auf schlechtem Holz, das sich an manchen Stellen durchdrückt. Und dennoch zeigt gerade sie in dieser vermeintlich fehlenden Vollendung Tintorettos meisterlicher Sinn für dramaturgische Gestaltung, bei der sich alles auf ein Zentrum – hier der Männerkopf – hin drapiert.

Oder eben darauf, die flächige Leinwand mit extra dafür gesetzten Figuren hin zum Bildraum zu durchstoßen. Beim "Emmaus-Mahl" (um 1543) sollte den Jüngern ja eigentlich aufgehen, dass sie mit dem Auferstandenen an einem Tisch sitzen. Tatsächlich nehmen sie von Christus kaum Notiz. Ihre Körper und das Schild der Gaststätte draußen dienen vor allem dem – oft als manieristisch beschriebenen – 3D-Effekt.

Eine Lücke klafft dann doch in Köln. So konnte das berühmte "Sklavenwunder" (1547/48), auf dem Tintoretto die Geschichte eines Leibeigenen erzählt, der seinen Herrn zum Christentum bekehrt, nicht ausgeliehen werden. "Das Bild ist über fünf Meter breit und hätte gerollt werden müssen", erläutert Kurator Krischel. Aber im Wallraf-Richartz-Museum hängt eh Ersatz …

… und zwar in Form eines 22 Quadratmeter großen Gemäldes des spanischen Künstlers Jorge Pombo, der das "Sklavenwunder" kopiert und danach mit Chemie und Rakel verfremdet hat. Tintoretto meets Richter sozusagen. Vor allem aber zeigt das Bild als eine Art Resümee der gesamten Schau , wie eminent modern Tintoretto – der "vielleicht amerikanischste der venezianischen Maler" (Pombo) – bis heute ist.

"Tintoretto. A Star is Born" ist noch bis zum 28. Januar 2018 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen. Danach wandert die Ausstellung weiter nach Paris. Begleitet wird sie von einem Katalog und einer App namens "Tintoretto to Go", die ein junges Publikum für den Ausnahmekünstler interessieren soll. Ob das gelingt? Zu hoffen wäre es.

Stand: 06.10.2017, 09:00 Uhr