Struths Blick aufs Verborgene

Struths Blick aufs Verborgene

Von Katja Goebel

Kabelgewirr im Forschungslabor, menschenleere Vergnügungsparks und Meereswelten: Thomas Struth ist auf der Suche nach dem Verborgenen. Der Fotograf sieht etwas, was wir nicht sehen - und zeigt seine Bilder jetzt im Folkwang Museum Essen.

Blick in die Ausstellung

Forschungseinrichtungen, ein Erlebnispark, sakrale Räume – es sind höchst unterschiedliche Orte, die Thomas Struth in den letzten Jahren fotografiert hat. "Nature and Politics" heißt seine Ausstellung, die seit Donnerstag (03.03.2016) im Essener Museum Folkwang zu sehen ist. Die konzentrierte Werkschau zeigt 35 großformatigen Bilder aus den vergangenen zehn Schaffensjahren des Fotografen, der auch in den USA als großer Dokumentarist von Natur und Technik gefeiert wird.

Forschungseinrichtungen, ein Erlebnispark, sakrale Räume – es sind höchst unterschiedliche Orte, die Thomas Struth in den letzten Jahren fotografiert hat. "Nature and Politics" heißt seine Ausstellung, die seit Donnerstag (03.03.2016) im Essener Museum Folkwang zu sehen ist. Die konzentrierte Werkschau zeigt 35 großformatigen Bilder aus den vergangenen zehn Schaffensjahren des Fotografen, der auch in den USA als großer Dokumentarist von Natur und Technik gefeiert wird.

Thomas Struth, der 1954 im niederrheinischen Geldern geboren wurde, studierte in der berühmten Fotografie-Klasse von Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ende der 70er Jahre brachte ihn ein Stipendium nach New York. Dort entstanden die ersten Bilder für das frühe Projekt "Unbewusste Ort", das Struth schon seit fast 40 Jahren beschäftigt und mittlerweile Fotografien aus der ganzen Welt umfasst.

Komplizierte Apparaturen, geheimnisvolle Maschinenräume - das Verborgene interessiert den Künstler. Dabei ist der Titel der Essener Schau zunächst etwas verwirrend. Viele Fotografien zeigen zwar Natur, oder das, was sich der Mensch darunter vorstellt, doch ist die Politik nicht so leicht auszumachen. Es sei ein sehr breit gefasster Arbeitstitel gewesen, gibt Struth bei der Eröffnung der Ausstellung zu. Dennoch hätten viele seiner Bilder von den Laboratorien und Forschungsstationen rund um die Welt sehr wohl etwas mit Politik zu tun. "Mein ganzes Leben lang schon interessiere ich mich für Politik", sagt er. Doch habe er zum Beispiel erst durch seine Fotoarbeit im Kennedy Space Center in Cape Canaveral gemerkt, was die Mondmission für "ein politisches Manöver" war. Ob Raumstation, Hightechlabor oder OP-Saal - es gehe immer um die Zukunftshoffnung durch Technologie. "Dabei ist es am Ende auch etwas ermüdend, dass die Menschheit immer darauf vertraut."

Für Struth sind die technischen Apparaturen gleichzeitig "skulpturale Erzeugnisse", die eine Ausstrahlung haben. Sie ständen mal für einen Tunnelblick, mal für Verwicklungen oder Anstrengung, erklärt Struth, um gleich besorgt nachzufragen - "Ist das jetzt verständlich?" "Ich bin ja selbst ein Laie", erklärt der Künstler schließlich. "Ich habe keine Ahnung von den Dingen, die ich fotografiere. Aber gerade deshalb sehe ich was, was Spezialisten nicht sehen."

Erklärungen zu seinen Werken werden in der Schau übrigens nicht mitgeliefert. Kein noch so kleines Schild verrät, was auf den Bildern zu sehen ist. Will er, dass der Betrachter seiner Fantasie freien Lauf lässt? Jeder empfinde doch etwas anderes beim Betrachten eines Bildes, sagt er. Wen das genauer interessiere, könne ja die genannten Orte im Internet recherchieren. Das hier sei keine Technik-Revue. Wenn er etwas erklären wollte, schiebt Thomas Struth freundlich hinterher, würde er Reden halten, keine Bilder machen.

Sachlich zeigen Struths Bilder hochkomplexe Apparaturen und Konstruktionen. Mit seinem nüchternen Blick auf Details wird der Fotograf zum Chronisten, der auch Räume zeigt, die anderen verborgen bleiben. In Greifswald darf er nach langen Gesprächen im Max Planck Institut fotografieren. Hier wird die Plasmaphysik untersucht. Das passende Motiv in der Ausstellung wirkt fast wie ein Wimmelbild. Ihn habe einfach interessiert, welche Energien diese Skulptur gewordenen Kreationen ausstrahlen, sagt Struth. "Ich finde auch interessant, was die Menschen, die dort arbeiten, für eine Haltung haben. Für mich sind sie auch eine Art Künstler."

So detailreich Struth die Maschinenräumen der Moderne ablichtet, so detailreich zeigt er die Phantasiewelten der Menschheit. Den altmodischen Vergnügungspark hat Struth sich ausgesucht, um dessen Künstlichkeit in Szene zusetzen.

Vier Jahre lang haben die ersten Schnappschüsse bei Struth auf dem Server gelegen - erst dann habe er gewusst, was er zeigen wollte. Die Bilder der Vergnügungsparks sind fast immer menschenleer und voller surrealer Details - wie U-Boote vor einem nachgebauten Matterhorn in einem US-amerikanischen Disney-Park.

Seine Bilder erzählen davon, mit künstlichen Welten die Wirklichkeit überbieten zu wollen.

Und ehe man sich versieht, schrumpft die Natur bei Struth auf ein künstliches Konzentrat zusammen. So inszeniert der Fotograf eine Schulklasse vor einem Aquarium in Atlanta. "Die Natur ist hier nur noch eine Erinnerung. Sie taucht jetzt in einer Vitrine auf."

Doch auch Bildkompositionen, die häufig in der Malerei zu finden sind, entgehen dem Fotografen nicht. So hat Thomas Struth ein Bild ans Ende der Ausstellung gehängt, das sich stark von den anderen unterscheidet. Das Motiv aus den drei Elementen - Wasser, Luft und feste Materie - habe er zufällig in Südkorea gefunden. Und es habe ihn an die unzähligen Seestücke in der Malerei erinnert. "Das ist ein Grundlagenbild. Die Möglichkeit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen." Die Ausstellung "Nature und Politics" ist noch bis zum 29. Mail 2016 im Essener Museum Folkwang zu sehen. Anschließend zieht sie nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau.

Stand: 03.03.2016, 16:55 Uhr