"Geliebte Feinde" in Neuss

"Geliebte Feinde" in Neuss

Von Thomas Köster

Rätselhafte Bilder, geheimnisvolle Märchenwesen und traumhafte Szenarien: Dafür steht die symbolistische Malerei im 19. Jahrhundert. Dass der Symbolismus keine abgeschlossene Epoche, ist, sondern bis heute lebt, behauptet eine kleine, aber feine Ausstellung im Clemens Sels Museum Neuss. Mit guten Argumenten.

Geliebte Feinde. Symbolismus heute, Clemes Sels Museum Neuss 2016 (Ausstellungsansicht)

"Die wesentliche Eigenschaft der symbolistischen Kunst besteht darin, eine Idee niemals direkt auszusprechen, sondern durch feinnervig wahrnehmbare Spuren, durch geheime Affinitäten zu versinnbildlichen", schrieb Jean Moréas 1886 in seinem "Symbolistischen Manifest". Zeitgenössische Künstler verfahren bis heute so, behauptet "Geliebte Feinde". Und stellt vier Positionen aus Malerei, Zeichnung, Skulptur und Videokunst exemplarisch vor (Christoph Worringer, "Handlung", 2010). 

"Die wesentliche Eigenschaft der symbolistischen Kunst besteht darin, eine Idee niemals direkt auszusprechen, sondern durch feinnervig wahrnehmbare Spuren, durch geheime Affinitäten zu versinnbildlichen", schrieb Jean Moréas 1886 in seinem "Symbolistischen Manifest". Zeitgenössische Künstler verfahren bis heute so, behauptet "Geliebte Feinde". Und stellt vier Positionen aus Malerei, Zeichnung, Skulptur und Videokunst exemplarisch vor (Christoph Worringer, "Handlung", 2010). 

"Wenn Sie keine Vorstellungskraft haben, werden Sie niemals eine schöne Farbe erzielen", riet der so genannte Vater des Symbolismus Gustave Moreau einst seinen Schülern. "Die Farbe muss gedacht, geträumt, imaginiert werden." Von daher ist es nur konsequent, den international renommierten Schotten Peter Doig mit seinen surrealen Traumfarbwelten als zentralen Maler eines zeitgenössischen Symbolismus vorzustellen.

"Geliebte Feinde" eröffnet im Museumsfoyer mit Doigs sechsteiligem Grafikzyklus "Black Palms" von 2004. Und mit seinem frühen Gemälde "Ohne Titel" (1982), auf dem der damals 29-jährige Maler einen poppigen Cowboy über die Straßen und ein eng verschlungenes - vielleicht sich liebendes, vielleicht sich bekämpfendes - Paar in den Himmel reiten lässt. Vom Symbolismus, wird unterstellt, hat Doig das Gespenstische, Überirdische, Verrätselnde gelernt.

Doigs Werk wird flankiert von zwei "Zombies" des nicht minder bekannten Düsseldorfer Bildhauers und Zeichners Thomas Schütte (hier ein Kopf). Die sind schon älter, und trotzdem in Neuss erstmalig zu sehen. "Schütte wollte unbedingt etwas noch nie Gezeigtes zeigen", sagt Kuratorin Bettina Zeman. "Und da sind ihm diese Skulpturen von 2007 wieder in den Sinn gekommen."

Um seine Zombies zu schaffen, hat Schütte die Modelle seiner berühmten "Großen Geister" in Einzelteile zerlegt und nach rein formalästhetischen Gesichtspunkten als Wiedergänger wieder neu zusammengesetzt. Altes nehmen, um es in einem neuen Kontext wiederzubeleben: ein bei Schütte stark ironisiertes Verfahren der Moderne, namentlich auch der Symbolisten.

Kurz vor Beginn brachte Schütte auch noch zwei seiner "United Enemies" von 1994 vorbei, die nicht nur ein Symbol für die Janusköpfigkeit des "Symbolismus heute" sind und den assoziativ von der Kuratorin gewählten Ausstellungstitel "Geliebte Feinde" kommentieren: Sie sind auch ein gutes Beispiel dafür, mit welch unterschiedlichen Materialien Schütte arbeitet. Bronze bei den Zombies, hier Stoff, Holz, Glas - und Fimo.

Wie es sich für rätselhafte symbolistische Inszenierungen gehört, ist ein Raum des Museums durch einen roten Samtvorhang abgetrennt. Von drinnen dringen nur Wortfetzen nach draußen, die einem fremd und vertraut vorkommen. Tatsächlich sind es die Stimmen von Michael Jackson und Stevie Wonder. Allerdings im Zusammenschnitt des deutsch-norwegischen Medienkünstlers Bjørn Melhus.

Die Stimmen gehören zu einer Video-Installation, die den ganzen in leuchtendes Rot getauchten Museumsraum integriert. Auf der Leinwand geht es um die Prägung unserer Identität, unserer Sehnsüchte und Ängste durch die Stars und Vorbilder der Populärkultur in einer immer stärker medialisierten Gesellschaft, vor allem in der Kindheit.

In der imaginäre Bilderwelt von Melhus‘ verstörender, absurd-komischer und mit Fragmenten des 60er-Jahre-Coverhits "Ain’t no Sunshine" von Jackson und Wonder durchwebten Collage sind dementsprechend zwei lebendig gewordene Playmobilfiguren zu sehen, die die Rolle von Menschen eingenommen haben. Oder ist es gerade umgekehrt und der Mensch ist zur Playmobilfigur mutiert?

"Es geht mir darum, eine eigene Ikonographie zu entwickeln, in der das Geschehen aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst und zu etwas Neuem wird", sagt der 1966 geborene Melhus. Damit ist er sehr nah dran an einer symbolistischen Ästhetik. Hier ein Selbstporträt als Schlumpf mit der Stimme von Elvis Presley – für Melhus Symbol des transatlantischen Kulturaustauschs.

"Aufgrund der Bedeutung des Themas hätte man eine solche Ausstellung bereits früher und in einem größeren Haus erwartet", schreibt Museumsdirektorin Uta Husmeier-Schirlitz im Vorwort des Katalogs. Dabei ist das Thema wegen seines etwas assoziativen Ansatzes so naheliegend nicht. Zudem gibt es gute Gründe, eine Schau zum "Symbolismus heute" genau in ihren Räumen stattfinden zu lassen (im Bild: Mischwesen-Aquarelle Thomas Schüttes).

Immerhin ist die Epoche des historischen Symbolismus, der sich kunstgeschichtlich zwischen Romantik und Surrealismus verorten lässt, eine Spezialität des Neusser Clemens Selz Museums, und von internationaler Strahlkraft: Immer wieder wandern Gemälde und Skulpturen des Hauses wie die von Aristide Maillol, in Ausstellungen in alle Welt.

Zudem ist das Neusser Museum das einzige Haus in Deutschland, das gleich vier Werke des "Vaters" des Symbolismus, Gustave Moreau, besitzt. Auch wenn die beiden Aquarelle aus konservatorischen Gründen gerade in der Asservatenkammer sind, kann man doch Moreaus Gemälde - hier die "Pietà" von 1876 - wie auch die anderen Werke der Epoche im 1. Stock des Hauses bewundern.

Bewusst habe man darauf verzichtet, den Symbolismus damals in unmittelbare Nähe zum "Symbolismus heute" zu hängen, sagt Kuratorin Bettina Zeman: "Wir wollten das nicht zu stark verquicken." Dafür ergeben sich in der Zusammenschau andere schöne, überraschende Bezüge. So treten die Zombies von Thomas Schütte im Foyer

…aufs Wundervollste mit einem Mobile des Düsseldorfer Installationskünstlers Paul Schwer in Dialog, das dieser dem Museum 2015 schenkte und das im offenen Treppenhaus von der Decke baumelt. Dessen transparente Haut aus Polyethylenterephthalat (Pet) und Reflektionsfolie nimmt Schüttes eh schon eher heiteren Bronze-Zombies im Kontrast noch mehr die Schwere.

Anders als im Raum mit den historischen Symbolisten harmoniert die Beton- und Backsteinästhetik der 70er Jahre mit den Exponaten von "Symbolismus heute" bisweilen ganz famos. Christoph Worringers Kopf etwa scheint mit seinem pyramidalen Rahmen wie ein Fremdkörper direkt aus dem Ziegelraster der Museumswand zu wachsen. Der Gegenpart zu seinem "Janus" wächst aus der gegenüber liegenden Wand.

Und da, wo ein Raum mit seinem Teppichboden eher öde daherkommt, inszeniert "Geliebte Feinde" einfach selber. Worringers zeichnerischer Verweis auf ein angeblich 6.000 Jahre altes chinesisches Rätselspiel, bei dem Symbole wie Pferd, Leiter, Blume und Kubus zwecks späterer psychologischer Deutung vom Gedeuteten gemalt werden sollen, wird präsentiert wie auf Schul- oder Rednerpulten. 

Der Weg durch die Pulte führt zu Worringers "Klebebändern" (2015/2016), die demonstrieren, wie illusionistisch das rätselhafte Netz aus "feinnervig wahrnehmbaren Spuren" und "geheimen Affinitäten" des zeitgenössischen Symbolismus mit seinen imaginierten Farben gespannt sein kann. Ja, hier sind Klebebänder dargestellt. Aber damit sind mehr Fragen eröffnet als Antworten gegeben.

"Geliebte Feinde – Symbolismus heute. Von Peter Doig bis Thomas Schütte" ist noch bis zum 19. Februar 2017 im Clemens Sels Museum in Neuss zu sehen. Den Katalog kann man im Museumsshop kaufen – oder ein ausgelegtes Exemplar in der Ausstellung, in den gemütlichen Barcelona-Sesseln Mies van der Rohes versinkend, als Begleitbuch lesen.

Stand: 22.10.2016, 06:00 Uhr