Krieg, Kunst, Freiheit. Surrealismus aus Ägypten in Düsseldorf

Krieg, Kunst, Freiheit. Surrealismus aus Ägypten in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Endlich richtet die Kunsthalle NRW ihren Blick auf Afrika: "Art et liberté" präsentiert das nahezu vergessene und dabei hoch spannende Kapitel des Surrealismus in Ägypten.

Art et liberté. Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2017 (Ausstellungsansicht)

1938 sind die Diktaturen in Berlin, Rom und Moskau auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Im selben Jahr formiert sich in Kairo die Künstlergruppe "Art et liberté", die dem internationalen Surrealismus einen für die politische und ästhetische Freiheit kämpfenden "subjektiven Realismus" zur Seite stellen will. Die Schau in Düsseldorf spürt dieser nahezu vergessenen Gruppe jetzt nach.

1938 sind die Diktaturen in Berlin, Rom und Moskau auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Im selben Jahr formiert sich in Kairo die Künstlergruppe "Art et liberté", die dem internationalen Surrealismus einen für die politische und ästhetische Freiheit kämpfenden "subjektiven Realismus" zur Seite stellen will. Die Schau in Düsseldorf spürt dieser nahezu vergessenen Gruppe jetzt nach.

Über 200 Leihgaben von etwa 50 Sammlungen aus zwölf Ländern haben die Kuratoren in der Kunsthalle NRW versammelt, die den "Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten" der 1930er bis 1950er Jahre veranschaulichen. Darunter sind wahre Meisterwerke. Wie Mayos kleines Porträt von 1937, das der ganzen Zerrissenheit der Epoche, aber auch dem Wunsch nach Neubeginn, ein wenig an De Chirico erinnernd, ein Gesicht gibt.

Überhaupt ist der griechisch-französische Ägypter Mayo die ganz große Entdeckung der Düsseldorfer Ausstellung, die sich als Prolog der für Herbst 2018 geplanten Schau "Die exzentrische Moderne" über Erscheinungsformen nicht-westlicher Kunst im 20. Jahrhundert versteht. Hinter diesem Verständnis muss sie sich aber gar nicht verstecken. (Mayo, "Grausame Zeichnung", 1937)

1942 waren allein in Kairo bis zu 140.000 britische Soldaten stationiert. Sie hatten nicht nur den Krieg, sondern auch einen ausgeprägten Hang nach jeglicher Form von Vergnügung im Tornister. In Kairo entstand ein Nachtleben, das beide Aspekte mit orientalischer Tradition verknüpfte. (Lebensgroßes Bild von Bauchtänzerinnen mit Gasmasken während einer Kabarettaufführung)

Der Krieg schuf auch die vom Kairoer Dichter Georges Henein so genannte Stadtfrau, die durch Hunger und Armut zur Prostitution gezwungen war und die – ganz ähnlich wie die von Ludwig Kirchner porträtierten Berliner Kokotten – schon durch ihr Äußeres erkennbar war. Mahmoud Said präsentierte die "Frau mit den goldenen Locken" 1933 als eine Art ägyptische Mona Lisa.

Ganz anders stellt Hassan El-Telmisani die Stadtfrau 1940 dar: als geschundenen, vom Krieg in einen Torso verwandelten Körper nämlich, dessen in der Manier Dalís gestützter Schleierkopf weniger als Symbol der Religion, sondern als Ausdruck melancholischer Trauer funktioniert. Die Leinwand ist doppelt bemalt; auf der anderen Seite trägt die Frauenfigur statt eines Gesichts ein Ziffernblatt.

Der antifaschistische und damit vor allem gegen Deutschland und Italien gerichtete Impuls der ägyptischen Künstlerszene schlug sich direkt in Karikaturen nieder, von denen einige in Düsseldorf zu sehen sind. Treffender als hier zum Beispiel kann man den Weltenbrand, den das angebliche Volk der Dichter und Denker als "Volk der Richter und Henker" (Erich Kästner) offenbarte, kaum illustrieren.

Wie elementar die Auseinandersetzung mit dem faschistischen Welt- und Kunstverständnis für die ägyptischen Surrealisten war, zeigt das unscheinbare Gründungspamphlet der Gruppe "Art et liberté" von 1938, auf dessen Rückseite Picassos "Guernica" (1937) abgebildet ist. Vorne wirbt es dezidiert für die von den Nazis 1937 in einer großen Abschreckungsausstellung diffamierte "Entartete Kunst".

Für die ägyptischen Künstler war der europäische und amerikanische Surrealismus in der Krise. Ihr "subjektiver Realismus" verstand sich auch als selbstbewusstes Modell für die Gründungskollegen im Ausland. Wohl auch deshalb hat Mayo sein Gemälde, das wie ein vorweggenommenes Filmstill aus Hitchcocks "Die Vögel" aussieht "Ein Abend in Cannes" (1948) genannt (hier ein Detail).

Ein zentrales künstlerisches Mittel des ägyptischen Surrealismus war die Fotografie, der die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Dass dort unter anderem auch Fotos der Amerikanerin Lee Miller zu sehen sind, die mit ihrem Mann Man Ray die surrealistische Solarisation etablierte und ab 1935 in Kairo lebte, zeigt auch die internationale Vernetzung vor Ort. ("Portrait Of Space, Al Bulwayeb", 1935)

Die ägyptischen Beispiele von Mohammad Abdel Latif, Ida Kar oder Van Leo, der viele seiner in Verkleidung abgelichteten Selbstporträts und Aktfotos aus Angst vor islamistischen Repressionen verbrannte, wirken indes noch weitaus magischer, frischer, suggestiver. Hier Van Leos dunkles Selbstporträt, das sein poetisches Lebensmotto: "Ob Prinz oder Bettler, am Ende wartet der Tod" dramatisch in Szene setzt.

Eine Entdeckung sind auch die Arbeiten der "Groupe de l’art contemporain", die sich teils aus dem Surrealismus entwickelte, aber eine dezidiert "ägyptische Kunst" etablieren wollte. Dem entsprechend bedienten sich die Künstler der Strömung, wie Maher Ra'ef, vor allem auch der Motive einer heimatlichen Bilderwelt und Mythologie.

Bewusst vom Internationalismus ihrer Kollegen abgesetzt und deshalb auch als nationalistisch kritisiert, entstanden so Werke, die denen der "Art et liberté" an Suggestionskraft in nichts nachstehen. Hier Abdel Hadi el-Gazzars Gemälde "Der grüne Narr" von 1951, das, wie viele der gezeigten Werke, nicht auf Leinwand, sondern auf günstigerem Karton entstand .

"Art et liberté. Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938-1948)" ist noch bis zum 15.10.2017 in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Danach wandert die Schau, die schon in Paris und Madrid zu sehen war, in die Tate Liverpool und ins Moderna Museet nach Stockholm weiter. Dies zeigt, dass die Abkehr vom Eurozentrismus in der Kunst inzwischen europaweit ein Thema ist. (Abdel Hadi el-Gazzar, "Die Glücklichen von Sayyidah", 1953)

Gleichzeitig fällt diese Abkehr bei "Art et liberté" notgedrungen halbherzig aus. Immerhin orientierte sich die ägyptische Surrealistengruppe bei allem Sinn für Neugestaltung eben an Europa. Und so wirken manche Werke, als habe ein Deutscher, ein Franzose oder ein Spanier sie gemalt (hier ein titelloses Gemälde von Ramses Younane aus dem Jahr 1939). Aber vielleicht ist das ebenfalls wieder ein eurozentrischer Blick.

Lobenswert ist neben der großen Auswahl herausragender Werke vor allem auch das dokumentarische Begleitprogramm der Schau, das sich aus Fotografien, zeitgenössischen Dokumenten und Filmen zusammensetzt, die einen Eindruck vermitteln vom künstlerischen und gesellschaftlichen Leben im Kairo der Zeit. (Zeitung mit Fotos nationalliberaler Blauhemden, die sich in den 1930er Jahren Schlachten mit den faschistischen Grünhemden lieferten)

Zur Ausstellung ist auch ein umfangreicher und reich bebilderter Katalog erschienen, der im gut sortierten Museumsshop sowie im Buchhandel erhältlich ist. In Düsseldorf gibt es zudem das hübsche Ausstellungsposter zu kaufen.

Stand: 14.07.2017, 12:33 Uhr