"Singular / Plural" in der Kunsthalle Düsseldorf

"Singular / Plural" in der Kunsthalle Düsseldorf

Von Thomas Köster

Zum 50. Geburtstag beschenkt sich die Kunsthalle Düsseldorf selbst: Sie beleuchtet ihre eigene lebendige Kunstszene aus den Gründerzeiten. Darunter sind große Namen wie Sigmar Polke und Katharina Sieverding, aber auch echte Neuentdeckungen.

Singular / Plural, Kunsthalle Düsseldorf 2017 (Ausstellungsansicht)

Versammelt sind rund 160 Gemälde, Fotografien, Diaprojektionen und Performancedokumentationen von Künstlern, die das künstlerische Leben in Düsseldorf in den 1970er Jahren maßgeblich bestimmten. Dabei wurde offenbar vor allem auch gemeinsam gefeiert, wie die große Fotocollage "Kinder des Olymp" von Klaus vom Bruch illustriert. Das Original entstand 1974. Die Kunsthalle zeigt die "Konfetti-Version" von 2015.

Versammelt sind rund 160 Gemälde, Fotografien, Diaprojektionen und Performancedokumentationen von Künstlern, die das künstlerische Leben in Düsseldorf in den 1970er Jahren maßgeblich bestimmten. Dabei wurde offenbar vor allem auch gemeinsam gefeiert, wie die große Fotocollage "Kinder des Olymp" von Klaus vom Bruch illustriert. Das Original entstand 1974. Die Kunsthalle zeigt die "Konfetti-Version" von 2015.

In Düsseldorf bildeten viele der später auch international bekannten Künstler ihre Persönlichkeit aus – oftmals ganz bewusst in Auseinandersetzung mit dem Kollektiv. Ein Aspekt, auf den der Titel der Schau – "Singular / Plural" – verweist. Einige der gezeigten Exponate sind dem entsprechend echte Gemeinschaftsproduktionen. Wie dieses "Hochzeitsbild" (1977), an dem Memphis Schulze, Sigmar Polke und andere mitmalten.

Mit dem Namen von Polke und Schulze ist die ganze Bandbreite der Düsseldorfer Schau erfasst, die neben den ganz großen Düsseldorfern eben auch mit einigen Wiederentdeckungen aufwartet. Memphis Schulze ist in "Singular / Plural" besonders häufig vertreten. Er illustriert, dass die im Untertitel so genannte "Post-Pop-Polit-Arena" doch noch stark im Pop (und im Rock) verwurzelt war (hier Werke von 1973). Und welch wichtige Rolle Musik bei der Selbstfindung spielte.

Memphis Schulze war oft auf dem Gaspelshof am Niederrhein, wo Sigmar Polke eine Art Künstlerkommune unterhielt. Von 1972 bis 1978 lebte auch Achim Duchow dort, von dem in Düsseldorf der beeindruckende sechsteilige "Bormann Zyklus" (1976) zu sehen ist, ebenso wie eine mit "Martin Bormann" unterschriebene Arbeit zur NS-Vergangenheit der Bundesrepublik.

Viele der in Düsseldorf gezeigten Werke sind erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen, andere sind längst Ikonen der Avantgarde. Dazu gehören zweifellos die Coverentwürfe von Emil Schult für die Band "Kraftwerk", darunter "Autobahn" (1974) oder – hier noch am Boden stehend – "Radio-Aktivität" (1975). Schult, in den Anfangsjahren Gitarrist der Band, ist vielleicht noch am ehesten das, was man "Post-Pop" nennen könnte.

Gänzlich Pop sind auch noch die in Düsseldorf gezeigten, leicht dilettantisch und wirr wirkenden psychodelischen Comics von Christof Kohlhöfer, der auch mit einem gemeinsam mit Memphis Schulze gemalten Großformat und (wesentlich besseren) Plakaten für den "Ratinger Hof" vertreten ist – dem zentralen Treffpunkt des damaligen Düsseldorfer Undergrounds.

Insgesamt ist die Ausstellung so bunt und labyrinthisch und bisweilen chaotisch aufgebaut wie die Künstlerszene damals selbst. Das zeigt sich unter anderem an der so genannten Wonderwall. Auf ihr haben die Kuratoren Materialien zusammengetragen, die in der Düsseldorfer Gruppe zirkulierten – von internationalen Undergroundcomics über anarchistische Satiremagazine bis hin zu Masken, Witzblättern, Schallplattencovern und politischen Magazinen.

Hier zeigt sich noch einmal, wie stark sich die Düsseldorfer Szene gesellschaftskritisch und ästhetisch nicht nur vom Katholizismus absetzen wollte. Sondern auch von einer anbiedernden, häufig aus Italien importierten Trashkultur, die noch in den 1970er Jahren nationalsozialistische Elemente mit sadomasochistischer Erotik kombinierte. Und doch war der männliche Teil der Szene offenbar fasziniert davon (links oben: Karl Heinz Krüll Postkarte "Immer dabei" von 1968).

Ausgehend davon kultivierten die Frauen vor allem Gegenmodelle, wie in den zahlreichen Vitrinen zu sehen ist. Allen voran Ulrike Rosenbach, die es als bogenschießende Amazone sogar aufs Cover von Alice Schwarzers emanzipatorischer Zeitschrift "Emma" schaffte. Dieses Cover ist ebenso in "Singular / Plural" zu sehen wie Fotos von Rosenbachs Video-Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und Folter.

Zum weiblichen Themenkreis der Gewalt und Freiheitsberaubung gehörte auch der (deutsche) Kolonialismus, mit dem sich vor allem Astrid Heibach auseinander setzte. In einer Vitrine ist neben dem "Indianerbuch" (1979) ein Exemplar ihres "Neuen Dschungelbuchs" (1979) ausgestellt, das in Collageform im irgendwie auch schwarz-rot-goldenen Bastrock geliefert wurde.

Überhaupt hat die Ausstellung zum 50. Jubiläum der Kunsthalle in erster Linie dokumentarischen Charakter. Das macht Sinn: Immerhin wollen die Macher zeigen, welche Rolle das Museum von Anfang an in Düsseldorf spielte. Zwar zeigte die Kunsthalle zu Beginn vor allem Werke aus der Vorkriegszeit, doch waren die zeitgenössischen Künstler oft an der Konzeption beteiligt. Sigmar Polke durfte 1976 auch ausstellen, schleuste unbekanntere Kollegen ein – und provozierte mit einem Slogan in KZ-Manier.

Ganz vollständig ist natürlich auch "Singular / Plural" nicht. So fehlen Werke der Fotografin Verena Schündler, die immerhin als Porträt auf Katharia Sieverdings "Düsseldorfer Scene" zu sehen ist. Dafür war besagte "Düsseldorfer Scene" in den 1970er Jahren wohl zu groß, zu vielfältig, zu vielköpfig. Bei allen Lücken vermittelt die Schau trotzdem einen sehr lebendigen Eindruck davon.

"Singular / Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena, 1969-1980" ist noch bis zum 1. Oktober 2017 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. Im Bild: Kiffer-Porträt aus Klaus vom Bruchs "Kinder des Olymp" in der spaßgesellschaftskompatiblen "Konfetti-Version" (2015).

Stand: 08.07.2017, 06:00 Uhr