Simon Menner: "Terror ist ein mediales Problem"

Simon Menner: "Terror Komplex"

Simon Menner: "Terror ist ein mediales Problem"

Videos von Enthauptungen, Fotos von Selbstmordattentätern - der Berliner Fotograf Simon Menner nutzt die Propaganda-Bilder der Islamisten für seine Kunst. In der Ausstellung "Terror Komplex" zeigt er seit Freitag (18.11.2016) im NRW Forum Düsseldorf, wie die Kämpfer mediale PR betreiben.

WDR 3: Sie haben sich mit dem Bildmaterial islamistischer Terrorgruppen beschäftigt, Propaganda-Videos, Bilder von Hinrichtungen - für Sie sind auch die unsichtbaren Bilder interessant, was bedeutet das genau?

Simon Menner: Terror ist ein mediales Problem. In unserer Kultur findet Terror nur medial statt – anders als bei Menschen, die im Umfeld terroristischer Gruppen leben. In unserer westlichen Welt können die Terroristen nicht ohne weiteres Anschläge verüben und bedienen sich deswegen der Medien. Andererseits haben die Terroristen ein Problem, da in ihrer Lesart der Korans ein absolutes Bildverbot ausspricht. Vor einigen Jahren wurden Fotografen in Afghanistan noch verfolgt, jetzt ringen Terrorgruppen wie der "IS" und Al Qaida um die Bildhoheit in den Medien. Weil ihr Terror die Medien bedient, können sie ihre eigenen Regeln nicht mehr befolgen.

Simon Menner: "Terror Komplex"

In Werkzyklen zeigt Simon Menner die Inszenierung von Terrorkämpfern

Wenn man sich die Mittel des heutigen Krieges anschaut, eint viele das Unsichtbare. Drohnen, Scharfschützen, Selbstmordattentäter, alle wollen unsichtbar sein. Um richtig zu funktionieren, muss man aber davon erzählen, damit möglichst viele Leute wissen, dass es dieses Unsichtbare gibt. Dafür macht der IS seine Propaganda, um mitzuteilen, dass er im Verborgenen arbeitet. Dieser unsichtbare Krieg, getarnt mit medialem Element, wird dadurch viel größer wahrgenommen, als er eigentlich ist. 

WDR 3: Wie kommen Sie an die Bilder und wo recherchieren Sie?

Menner: Es sind größtenteils Videos, aber auch Fotos, die im Internet hochgeladen werden - das ist mein Ausgangsmaterial. Es gibt quasi offizielle Kanäle, die immer mal wieder verschwinden und wieder auftauchen, außerdem gibt es viele islamistische Foren. Es gibt zwei große Lager, die miteinander ringen: Gruppen um Al-Qaida und Gruppen um den "Islamischen Staat". Sie alle ringen um die Bildhoheit im Internet. Die Herkunft der Videos und Bilder lässt sich schwer überprüfen.

Simon Menner: "Terror Komplex"

Video eines Mannes, der kurz danach von IS-Terroristen getötet wird

WDR 3: Sie zeigen ganz bewusst das Material der Terroristen. Journalisten stellen sich oft die Frage, ob sie die Propagandavideos in den Medien zeigen oder nicht, um den Terroristen keine Plattform zu geben. Was sagen Sie?

Menner: Das ist ein Problem der Balance in dieser Frage. Wenn einer aus dem Westen hingerichtet wird, bekommt diese Person immer einen Namen. Auch beim "IS" ist das so. Wenn jemand aus dem Westen in die Hände des "IS" gerät und hingerichtet wird, dann kommt ihm die Ehre zuteil, dass er als Einzelperson total inszeniert wird. Wenn aber ein – überspitzt gesagt – "banaler Araber" hingerichtet wird, dann ist er nur ein Statist, sowohl beim "IS", als auch in den westlichen Medien.

Simon Menner: Collage "Terror Komplex"

Gegenüberstellung von IS-Propaganda und westlicher Propaganda

Der "IS" folgt dieser verschobenen Wahrnehmung der westlichen Medien und inszeniert demnach für unsere Medien. Es ist ein sehr komplexes Ding. Diese Propaganda- beziehungsweise Enthauptungs-Videos fallen bei uns in die gleiche Kategorie wie Kinderpornos, ganz nach dem Motto: Die darf man sich nicht angucken, die sind böse. Aber diejenigen, die mit diesen Propagandavideos angesprochen werden sollen, kommen auch an diese Videos. Das sind oft junge Männer, die rekrutiert werden sollen. Sie leben in einer Gesellschaft, die diese Videos verteufeln, und sind dann mit ihrer Rezeption alleine gelassen. Ein Verbot der Videos hilft unserer Gesellschaft nicht.

Ich bin Künstler, ich kann Dinge total politisch inkorrekt entscheiden, möchte aber kein Bildredakteur sein. In meiner Video-Präsentation zeige ich keine Hinrichtung, keine Erschießung, ich gehe nur bis zu dem Moment davor. Die Enthauptungen sind für mich gar nicht der interessante Teil. Mich interessiert mehr, wie der "IS" seine Propaganda inszeniert und welche Parallelen man zu westlicher Propaganda entdeckt. Wenn man sich immer und immer wieder die Videos anschaut, dann sieht man, wie der "IS" sich selbst zerstückelt, viele Dinge passen gar nicht richtig zusammen.

Simon Menner: Collage "Terror Komplex"

Typische Inszenierung eines Helden: zwei IS-Kämpfer umarmen sich, bevor einer zum Selbstmordattentäter wird

WDR 3: Das lässt sich beispielsweise an der Darstellung islamistischer Kämpfer feststellen, die sich brüderlich umarmen, bevor einer zum Selbstmordattentäter wird.  

Menner: Dieses ist nur eines von vielen Beispielen. Da wird ein brüderlicher Umgang mit dem Helden inszeniert. Wenn man sich das genauer umschaut, dann werden die zwar herzlich umarmt, man denkt, das sind wirklich zwei Freunde, die Abschied nehmen. Es gibt aber einen ganz großen Bruch zwischen denen, die umarmen und denen, die umarmt werden. Diejenigen, die umarmt werden, sind das Kanonenfutter, die braucht man nicht. Da steckt Rassismus hinter. Das ist ganz selten jemand, der wie ein stolzer Mullah aussieht. Sie sind oft verkrüppelt, klettern mit Krücken ins Fahrzeug oder sind noch ganz jung.

Simon Menner: "Terror Komplex"

Simon Menner hat sich auch mit Bartmoden islamistischer Terroristen beschäftigt

WDR 3: Machen Sie sich Sorgen, dass die Terroristen auf Sie aufmerksam werden?

Menner: Nein, wieso? Ich habe bereits ein sehr umfangreiches Projekt zum Thema "Überwachung" gemacht. Da geht es ganz stark um Paranoia, auch um unsere Paranoia, um die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, gut und vernünftig mit dieser Situation umzugehen. Je mehr ich mich mit dem Themen "Überwachung und Terror" befasse, ist es für mich immer weniger vernünftig, darauf mit Paranoia zu reagieren.

In Deutschland ist es nicht illegal, sich das "IS"-Propaganda-Material anzuschauen, es ist auch nicht illegal, es zu besitzen. Also lade ich es ganz regulär im Internet runter, ich verstecke meine Spuren überhaupt nicht. Warum sollte ich mich jetzt einschränken wollen, nur weil etwas passieren könnte, was immer passieren könnte? Auch das Museum hatte diese Fragen im Vorfeld der Ausstellung, aber der sich ernstnehmende Islamist sollte sich eher über andere Ausstellungen aufregen. Bei mir ist in ihrem Sinne nichts Verwerfliches. Ich kann nicht vorauseilend reagieren. Die Islamisten sind halt Wahnsinnige, Verrückte, klar gibt es auch einige Intelligente, aber als Gesellschaft sollte man nicht den Wahnsinnigen Gehör geben.

Das Interview führte Susanna Gutknecht.

Stand: 17.11.2016, 12:59