Schöne Bescherung: Polke und Richter auf Schloss Morsbroich

Schöne Bescherung: Polke und Richter auf Schloss Morsbroich

Von Thomas Köster

Über die immer noch drohende Schließung des Museums Morsbroich in Leverkusen darf und will die Direktion nicht sprechen. Da antwortet man lieber mit tollen Ausstellungen. Am Sonntag (13.03.2016) eröffnete wieder eine mit vorwiegend grafischen Werken zweier Künstler, die in den 1960er Jahren dicke Freunde waren: Sigmar Polke und Gerhard Richter.

Schöne Bescherung, Museum Morsbroich 2016 (Ausstellungsansicht)

Sigmar Polke und Gerhard Richter lernten sich 1962 auf der Kunstakademie Düsseldorf kennen und blieben sich bis in die 70er Jahre in rivalisierender Freundschaft verbunden. 1966 präsentierten sie sich gemeinsam als "polke/richter" in der neu eröffneten "galerie h". Hier posieren sie für den Galeriekatalog in der Badewanne, lassen aber nicht die Hosen runter. Zumindest lässt der außen baumelnde Wannenstöpsel dies vermuten.

Sigmar Polke und Gerhard Richter lernten sich 1962 auf der Kunstakademie Düsseldorf kennen und blieben sich bis in die 70er Jahre in rivalisierender Freundschaft verbunden. 1966 präsentierten sie sich gemeinsam als "polke/richter" in der neu eröffneten "galerie h". Hier posieren sie für den Galeriekatalog in der Badewanne, lassen aber nicht die Hosen runter. Zumindest lässt der außen baumelnde Wannenstöpsel dies vermuten.

Zum 50-jährigen Jubiläum von "polke/richter" lässt das Museum Morsbroich in rund 20 Werken und Werkgruppen diese ziemlich beste Freundschaft Revue passieren. Vor allem zeigt sie Ähnlichkeiten in der Kunstauffassung der beiden Künstler auf: Vom Pop-Art-Thema her könnte dieser relativ späte Polke von 2004 auch ein früher Richter sein.

Tatsächlich geht die großformatige Gouache auf einen italienischen Gangster-Comic namens "Diabolic" von 1979 zurück. Polke überarbeitete jede Seite über den Juwelendieb mit anderen (vorgefundenen und selbsterfundenen) Bildern und Texten. In der Vitrine lagern also 120 Polke-Collagen, von denen während der Ausstellungsdauer jede einmal zu sehen sein soll.

Wer nicht monatelang im Museum herumspazieren kann, um das Ergebnis zu betrachten, kann sich an den Wänden zweier Ausstellungsräume entlanghangeln. Dort hängt die ganze Story rund um den Edelschurken und seinen Gegenspieler Inspektor Ginko, aus der Polke eine witzige und anspielungsreiche deutsche Zeitgeschichte machte. Oben das billige Original, unten die wohl mehrere 100.000 Euro teure Kopie in Kopien.

Von hier aus ist es auch im Ausstellungsrundgang nur ein kurzer Weg zu den von Richter unscharf abfotografierten und verfremdeten Zeitungsbildern "Elisabeth II." (1966) und "Mao" (1968). Der Verwischungseffekt entstand übrigens dadurch, dass Richter das Motiv mit versetzten Druckplatten reproduzierte.

Das Verfremden von Bildern aus Massenmedien spielte also bei Richter wie bei Polke nicht nur in der Zeit ihrer Freundschaft die zentrale Rolle. Da ist es nur konsequent, dass sich auch der Ausstellungstitel aus Vorgefundenem bedient. Namentlich aus Polkes vielteiliger Collagen-Arbeit "Ohne Titel (Weihnachten 1985)", die den Gewinnspielschnipsel einer Kölner Boulevardzeitung mit Eigenfarbe zusammenkleckst.

Eine besonders schöne Bescherung ist "Schöne Bescherung" dort, wo sich die ähnlichen künstlerischen Denkweisen Polkes und Richters in einem einzigen Ausstellungsraum treffen. Die von Richter mit Vorder- und Rückseite als Kunstwerk konzipierten 54 Tintenbilder für "November 2013", die im Verbund von Original und gespiegeltem Faksimile funktionieren, schuf der Künstler lange nachdem sich die beiden Freunde entfremdet hatten.

Ihnen gegenüber hängen Polkes fast 30 Jahre früher entstandenen "Stenogramme" (1985), die nach dem gleichen Verfahren funktionieren: Auch hier ließ der Künstler Tinte vom Papier – hier einem Stenoblock – aufsaugen, sodass sich zweiseitige Muster ergaben. Kunst und Zufall sind bei Richter wie Polke eben zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Die in "Schöne Bescherung" gezeigten Arbeiten Sigmar Polkes sind größtenteils Leihgaben aus Privatbesitz. Die meisten Werke Richters indes stammen aus eigenen Beständen. Vor allem die Ölgemälde, die mit ihrer andächtigen Suche nach malerischen Lösungen doch etwas wegführen vom ironisch-experimentell agierenden Polke, wirken da fast schon wie eine Ausstellung in der Ausstellung (hier: "Teyde-Landschaft", 1971).

Zu den gezeigten Richter-Werken gehört auch das Prunkstück des Museums, der "Tiger" von 1965. Wenn er nicht gerade durch internationale Wechselausstellungen streift, hängt er üblicherweise – nein: nicht an der Museumswand oder in der Asservatenkammer, sondern in der Vorstandsetage der Sparkasse Leverkusen. Der hohen Versicherungssumme wegen.

Bezaubernd sind aber auch kleinere Arbeiten, die Einblick geben in Entstehungsprozesse. Dazu gehören vier Entwürfe Gerhard Richters zu seinem Künstlerbuch mit Grönland-Fotografien "Eis" (1981), die in gerahmtem Zustand wie eigenständige und für die Ewigkeit geschaffene Kunstwerke funktionieren.

Wer sich bis zum 24. April 2016 die "Schöne Bescherung" anschaut, der sollte unbedingt noch in den darunter liegenden Geschossen die Ausstellung "Aufschlussreiche Räume. Interieur als Porträt" besuchen, die das ursprüngliche Schloss in eine Wohnung für Kunst verwandelt: das beste Argument gegen den Einfall, ein auch vom Ambiente her einmaliges Museum aus Kostengründen zu schließen.

"Sigmar Polke – Gerhard Richter. Schöne Bescherung" ist noch bis zum 28. August 2016 in der Grafiketage des Museums Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein kleines Begleitheft erschienen, in dem die Geschichte einer Künstlerfreundschaft aufgerollt und jedes Werk beziehungsweise jede Werkgruppe verständlich erläutert werden.

Stand: 14.03.2016, 08:50 Uhr