In bester Fotografen-Gesellschaft

Heinz Held: Renate und L. Fritz Gruber auf dem Markusplatz in Venedig, 1961, © Museum Ludwig, Köln

In bester Fotografen-Gesellschaft

Cecil Beaton, Henri Cartier Bresson, Chargesheimer - Renate Gruber kannte sie alle. Mit ihrem Mann L. Fritz Gruber sammelte sie die Bilder berühmter Fotografen und gab sie ans Museum Ludwig. Jetzt wird sie 80 Jahre alt. Berit Hempel hat sie zu Hause in Köln besucht und sich Dinge erzählen lassen, die nicht in Büchern stehen.

Ein Gründerzeithaus in Köln. Renate Gruber sitzt am schwarzen Esstisch in ihrer Wohnung auf einem dunklen Stuhl mit gelbem Kissen. Zeichnungen, Drucke und Fotos hängen an den Wänden und über einem gelben Sofa. Gruber, die am 18. Juli 80 Jahre alt wird, trägt helles Rosa. Die braunen Haare fallen der schlanken Frau in Wellen auf die Schultern, zurückgehalten von der Sonnenbrille, die sie auf den Kopf geschoben hat. So wie jetzt hat sie schon oft hier gesessen, zusammen mit ihrem 2005 verstorbenen Mann, dem Sammler L. Fritz Gruber. Und mit Fotografen aus vielen Ländern, von denen nicht wenige in die Geschichte eingegangen sind.

"Fotografen essen gerne"

Ulrich Tillmann: Renate und L. Fritz Gruber, 2.1.1981

Renate und L. Fritz Gruber im Jahr 1981

"Wir haben immer gerne eingeladen", erzählt Gruber. "Ich koche gerne, Fotografen essen gerne. Ich habe mich auch immer gefreut, wenn wir auf Reisen irgendwo zu Hause eingeladen waren. Man kommt sich näher und es ist viel persönlicher. Wenn man sich über Bücher oder Bilder unterhält, kann man die schnell holen und zeigen."

Besonders intensiv war der Kontakt zu Henri Cartier-Bresson, einem französischen Fotografen, der als Wegbereiter des Fotojournalismus gilt und 1947 Mit-Begründer der legendären Foto-Agentur Magnum war. Cartier-Bresson war öfters zu Gast und saß bei den Grubers am Esstisch, als er zum Beispiel den Kölner Karneval fotografierte oder den Rhein von der Quelle bis zur Mündung. Berühmt geworden ist er durch Bilder, in denen er den entscheidenden Augenblick festhält: den französischen Jungen, der mit stolzem Blick zwei Weinflaschen durch die Straßen Paris trägt. Oder die Gruppe Franzosen beim Picknick am Fluss – von hinten fotografiert.

Henri Cartier-Bresson, Meister der kleinen Geschichten

Der Fotograf Henri Cartier Bresson auf einer Ausstellung 1955

Henri Cartier Bresson auf einer Ausstellung 1955

"Bresson ist immer noch der ungekrönte Meister der kleinen Geschichten, die ein Bild erzählt", findet Renate Gruber. Zwei Jahre vor seinem Tod sei er noch einmal hier gewesen: "Er hatte immer eine kleine schwarze, leicht verbeulte Leica umhängen, aber er fotografierte nicht mehr, er zeichnete. Er hatte einen kleinen Zeichenblock dabei und hat auch bei diesem letzten Besuch vier, fünf Porträts vom Gruber gezeichnet in so einer kritzeligen kleinen Bleistiftzeichnung. Ich hätte gerne eins davon gehabt, aber irgendwie mochte ich ihn auch nicht fragen."

Die High Society der Fotografie

Renate Gruber war Anfang 20, als ihr knapp 30 Jahre älterer Mann sie mit den berühmten Fotografen des 20. Jahrhunderts zusammenbrachte. Auch als er Cecil Beaton traf, war seine Frau dabei. Beaton war der Glamourfotograf schlechthin. Er hatte das Image von Stars wie Audrey Hepburn, Marilyn Monroe und Grace Kelly geprägt und war Hoffotograf der britischen Königsfamilie.

Society-Fotograf Cecil Beaton in seinem Londoner Studio

Society-Fotograf Cecil Beaton in seinem Londoner Studio

Einmal besuchten die Grubers ihn in London - "in Pellham Place, einem sehr schönen schwarzen, sehr englischen Haus von 1900", erinnert sich Gruber. "Als wir wieder gingen, hörten wir den Butler Ray hinter uns sagen: 'Darf ich Ihnen etwas ausrichten? Sir Cecil lässt Ihnen sagen, dass Sie auch beim Rausgehen sehr elegant von rückwärts aussehen'. Er hatte eine sehr schmeichelnde noble Art."

"Ein bisschen Angst vor Chargesheimer"

Chargesheimer: Kinder tanzen neben der Loggia vom Rathaus Köln

Chargesheimer: Kinder tanzen neben der Loggia vom Rathaus Köln

Ein ganz anderer Typ war der Kölner Fotograf Chargesheimer, der in den 50er Jahren einen nüchternen, ungeschönten Blick auf das Ruhrgebiet und auf Köln warf und damit für Skandale sorgte. Als ganz junge Frau habe sie ein bisschen Angst vor ihm gehabt, erzählt Gruber. "Er provozierte gerne, dabei war er innen drin ein ganz feinfühliger Mann. Ich dachte immer, 'hoffentlich errege ich nicht seinen Unwillen, und er sagt irgendetwas Spitzes oder Freches'. Aber das hat er natürlich nie getan und meine anfängliche Scheu hat sich schnell gelegt."

Hunderte Fotografen prägten ihr Leben

Als Ausgleich zur Fotografie schuf Chargesheimer Bühnenbilder, gestaltete seine Ausstellungen und baute Skulpturen aus Zahnrädern, Drähten und bunten Glühbirnen. Bei Renate Gruber im Esszimmer, zwischen Fenster und gelbem Sofa, steht so eine Skulptur. Gruber kann viele Geschichten erzählen. Auch von dem Menschen, dessen Bild aus dem Jahr 1912 zu einer Ikone der Fotografie wurde, zu einem Synonym für Geschwindigkeit und Fortschritt: Das Foto eines vorbeisausenden Rennwagens mit verzerrten Reifen von Jacques-Henri Lartigue. "Noch als er 90 war, wollte Jacques-Henri Lartigue immer zeigen, wie beweglich und jugendlich er ist", erzählt Gruber. "Er sagte immer 'Lassen Sie uns doch rausgehen, dort auf den Rasen!', und dann machte er einen Purzelbaum, stand strahlend wieder auf und wackelte gar nicht."

Renate Gruber hat hunderte Fotografen kennengelernt - und die haben ihr Leben geprägt. "Die Vielfalt ist ein wunderbarer Cocktail, weil sie dadurch jede Facette des menschlichen Lebens kennenlernen", so Gruber. "Diese vielen Facetten bereichern ungemein und ergeben dann ein komplettes Bild."

Die Sammlerin Renate Gruber wird 80 Jahre

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 06.07.2016 | 13:44 Min.

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Das Kölner Museum Ludwig plant eine Interviewreihe mit Renate Gruber, die ab Freitag (08.07.2016) ins Netz gestellt werden soll.

Stand: 06.07.2016, 11:21