Tanz der Sammlungen. "Pas de Deux" im Kölner Kolumba

Tanz der Sammlungen. "Pas de Deux" im Kölner Kolumba

Von Thomas Köster

Zum 10. Jahrestag seiner Gründung hat sich das Kölner Kolumba ein besonderes Geschenk gemacht: Die eigene Sammlung tritt in spielerischen Dialog zu Werken aus dem Römisch-Germanischen Museum. Die Begegnung gelingt - mit tänzerischer Sicherheit.

Pas de Deux. Römisch-Germanisches Kolumba, Diözesanmuseum Kolumba, Köln 2017 (Ausstellungsansicht)

Seit genau zehn Jahren gehören die Ausstellungen im Kölner Kolumba zu den Höhepunkten des Kunstjahres in NRW. Das hat vor allem damit zu tun, dass der großartige Architekt Peter Zumthor gemeinsam mit Rainer Weitschies mit seinem verschachtelten Betonbau 2007 eigentlich kein Museum, sondern eine Entdeckerbühne für Kunst geschaffen hat - wobei das Spektakel zumeist schon im Foyer beginnt ("Medusa Wallraf", um 137 n. Chr.).

Seit genau zehn Jahren gehören die Ausstellungen im Kölner Kolumba zu den Höhepunkten des Kunstjahres in NRW. Das hat vor allem damit zu tun, dass der großartige Architekt Peter Zumthor gemeinsam mit Rainer Weitschies mit seinem verschachtelten Betonbau 2007 eigentlich kein Museum, sondern eine Entdeckerbühne für Kunst geschaffen hat - wobei das Spektakel zumeist schon im Foyer beginnt ("Medusa Wallraf", um 137 n. Chr.).

Diese Kunstbühne gestattet den Machern der Jahresschauen, die Exponate nicht einfach zu präsentieren, sondern zu inszenieren – und dabei unter einem oft poetischen Motto in einen Dialog treten zu lassen. "Pas de Deux" ist diesmal die Devise – ein Begriff des klassischen Balletts, der als Duett einer Tänzerin mit einem Tänzer den emotionalen und dramaturgischen Höhepunkt der Aufführung markiert (Konrad Klapheck, "Der Wille zur Macht", 1959).

Tatsächlich ist der Titel einmal mehr Programm. Denn im Jubiläumsjahr zeigen die Kuratoren eigene Werke aus dem Bestand des Diözesanmuseums im Duett mit Exponaten aus dem Römisch-Germanischen Museum, das generalsaniert und neu organisiert werden muss. "Römisch-Germanisches Kolumba" lautet demnach auch der Untertitel der Schau. Hier Töpfereien aus dem römischen Köln im Mix mit Tafelgeschirr, Spruchbecherkeramik sowie Schalen und Kannen der Gegenwart.

So ergänzen die römischen Herrscherporträts aus dem ersten bis dritten Jahrhundert, mit denen die Könige und Kaiser ihre Macht präsentieren wollten, ...

... das fest im Raum verankerte Herzstück des Kolumba: die grandiose Installation "Bürgerliche Tragödie" (1975), die gerade in der Abwesenheit des "Bürgers" auf sehr melancholische, sehr poetische Art und Weise vom Scheitern humanistischer Revolutionen erzählt. (Die Büste in der Kiste rechts steht inzwischen auf ihrem Sockel.)

"Dadurch ergibt sich die Gelegenheit, zwei unterschiedliche Sammlungen auf ihr gemeinsames Potential hin zu befragen", betonen denn auch die Macher. Der Ort sei "keineswegs beliebig: „Mit seiner archäologischen Ausgrabung, die von beiden Häusern gemeinsam verantwortet wird, blickt Kolumba auf eine 2.000-jährige Geschichte als städtische Kulturlandschaft." Manches sieht natürlich auch nur wie ausgegraben aus (Joseph Beuys, "Ohne Titel", 1953).

In den Ausstellungsräumen blickt "Pas de Deux" noch weiter zurück – und bleibt dabei doch der Gegenwart verbunden. Gezeigt werden Arbeiten, die eine Zeitspanne von etwa 500.000 vor Christus bis ins Jahr 2016 überbrücken. Und was soll man sagen? Sie tun dies mit schlafwandlerischer, oder eben: tänzerischer Sicherheit (links: Kruzifix, 12. Jahrhundert; rechts: Anna und Bernhard Blume, "Vasenextase", 1987).

"Die Idee des Tanzes beschreibt das spielerische Moment im Hin und Her zwischen Antike, Mittelalter und Gegenwart sowie die Zusammenhänge durch die Konstanten kultureller Prägung", sagen die Macher. Dabei ergeben sich erstaunliche Zusammenhänge, die teils motivisch, teils thematisch, teils formal motiviert sind. Oder einfach assoziativ sein wollen und zum Nachdenken anregen.

In einem dreiährigen Prozess wurde die Ausstellung von den acht Kuratoren beider Häuser erarbeitet und um Leihgaben aus einer Schweizer Privatsammlung erweitert. Herausgekommen ist eine Schau, bei der auch der Besucher eingeladen ist, sich im Reflexionsraum des Museums – und im Duett mit den Kunstwerken – selbst zu hinterfragen (Joseph Marioni, "Red Painting", 2000, und drei Graburnen, erstes Jahrhundert n.Chr.).

"Wir sind in die Depots hinabgesteigen, haben jeden Schrank aufgemacht und uns gegenseitig unsere Sammlungen erklärt", sagt der Chef-Kurator des Kolumba, Stefan Kraus. Offenbar wurden da Schätze gehoben, die vielleicht sogar ein wenig in Vergessenheit geraten waren. Und mit Highlights aus der jeweils gezeigten Sammlung ergänzt, die sonst für die Dauer der Generalsanierung ins Depot des Römisch-Germanischen Museums gewandert wären (Wildschwein aus blauem Glas, drittes Jahrhundert).

Themen wie Mythos und Gegenwart, Zeit und Raum, Kostbarkeit und Transzendenz, Selbstwahrnehmung und kollektives Handeln, aber auch Erfahrungen von Endlichkeit und Gelassenheit stehen im Zentrum der Schau, die das "allgemein Menschliche" im Künstlerischen herauszuarbeiten sucht (Duane Michals, "Dr. Heisenberg's Magic Mirror of Uncertainty", 1998).

"Pas de Deux" will "in einer zunehmend bedrohlicher werdenden Welt die vielfältigen Aspekte des Menschseins präsent halten". Und das ist rundum gelungen (im Bild: Annamaria und Marzio salas Overhead-Projektion "Chrohnhomme 1" (1987).

Da passen dann plötzlich die unmöglichsten Dinge. Das filigrane Prunkstück des Römisch-Germanischen Museums , das Diatretglas aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, das die Trinkfreude feiert, korrespondiert mit den bis zu fünf Meter langen und drei Meter hohen Vanitas-Gemälden Dieter Kriegs, in denen Farbe aus kippenden Gläsern als Erinnerung an die Vergänglichkeit verschüttet wird.

Und die riesigen groben "Drie naakte vrouwen" (1983-1985) von Felix Droesde finden ihr zartes Pendant in einem winzigen, 1.800 Jahre alten Bernsteinschiffchen in einer Vitrine nebenan, in dem drei Eroten umrahmt von Seepferd, Fisch und Muscheln das Leben feiern. Das kann man nicht zeigen, das muss man gesehen haben.

Und dann tauchen Dinge aus dem Depot auf, die man gerne öfter sehen möchte. So wie die Tag- und Nachtgläser Peter Drehers: Drei von rund 6.000 nahezu völlig identischen Porträts immer desselben Glases in immer derselben Ateliersituation, mit denen der Künstler nichts weniger als die Zeit aufgehoben hat. Die Meditation überträgt sich auf den Betrachter - nicht zuletzt dank der Kolumba-Architektur. Ein "Pas de Deux" zwischen Kunstwerk und Gebäude.

Manchmal aber ist dieses "Pas de Deux" ein ungleicher Kampf. Dann verliert das Kunstwerk gegen die Übermacht des von Peter Zumthor geschaffenen Komplexes. Warum das Kuratorenteam etwa Edward von Steinles "Die Neueste Renaissance in der Kunst" (1856) ins fulminante Treppenhaus gehängt hat, bleibt ein Rätsel; hier ist deshalb nur der Rahmen (rechts unten) zu sehen. Im letzten Jahr wurde diese Spielwiese besser genutzt. Aber das ist nur ein kleiner Makel.

Besonders charmant ist in der Jahresausstellung im Kolumba einmal mehr, dass die Exponate ihren Schöpfer und ihren Titel nicht verraten: Kein Hinweisschildchen verdirbt den unbefangenen Zugang. Die Werke sollen für sich sprechen – wie auf der Bühne eben.

Wer sich die kunstgeschichtlich relevante Erzählung hinter den Arbeiten soufflieren lassen will, der kann im kostenlosen "Taschenbuch #1" nachschlagen, das den bisherigen Kurzführer ersetzt.

Als "musealen Paukenschlag" will das Kuratorenteam seinen Tanz der Sammlungen verstanden wissen. Und das ist er, im Rahmen der eher ruhigen Inszenierungspraxis des Kolumba natürlich, auch geworden. So bleibt das Kolumba auch im zehnten Jahr seiner Gründung seinem Grundsatz treu, Kunst jenseits aller wissenschaftlichen Kategorien unbefangen und zeitnah zu vermitteln. Herzlichen Glückwunsch.

"Pas de Deux. Römisch-Germanisches Kolumba" ist noch bis zum 20. August 2018 im Kölner Kolumba zu sehen. Unbedingt hingegen. Und mittanzen.

Stand: 14.09.2017, 10:15 Uhr