Fotografie mit anderen Augen

Fotografie mit anderen Augen

Von Thomas Köster

Das Porträt gehört zu den ältesten Kunstformen überhaupt. Aber wie lichten Fotografen ihr Gegenüber in Zeiten des Selfies ab? Das illustriert eine Doppelausstellung aktueller Porträtfotografie in Bonn und Köln.

Fotos von Beat Streuli und Jan Paul Evers in der Ausstellung "Mit anderen Augen", Kunstmuseum Bonn 2016 (Ausstellungsansicht)

Im Kooperationsprojekt des Kunstmuseums Bonn und Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln sind Bilder von insgesamt rund 50 zeitgenössische Fotografen zu sehen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem menschlichen Abbild in der Lichtbildnerei auseinandersetzen. Hier blicken 2011 von Beat Streulis abgelichtete Passanten auf ein 2012 von Jan Paul Evers bearbeitetes Presseporträt des Kanzlers Kohl als glücklicher Ehemann.

Im Kooperationsprojekt des Kunstmuseums Bonn und Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln sind Bilder von insgesamt rund 50 zeitgenössische Fotografen zu sehen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem menschlichen Abbild in der Lichtbildnerei auseinandersetzen. Hier blicken 2011 von Beat Streulis abgelichtete Passanten auf ein 2012 von Jan Paul Evers bearbeitetes Presseporträt des Kanzlers Kohl als glücklicher Ehemann.

In Bonn liegt der Schwerpunkt eindeutig auf einer künstlerisch akzentuierten Auseinandersetzung mit dem Porträt. Am extremsten zeigt sich dies in den dreidimensionalen Abbildcollagen von Sabrina Jung, bei denen die Fotos Totenmasken übergestülpt sind. Hier stellt sich auch die Frage, was vom Porträtierten am Ende tatsächlich übrig bleibt.

Vor allem künstlerische Rollenbilder sind es, die im Kunstmuseum Bonn zu sehen sind. In ihrer Serie "A Portrait of the Artist as a Young Mother" inszenierte sich die Bielefelder Fotografin Katharina Bosse mit ihrem Nachwuchs: "Die Bilder entstanden aus dem Gefühl heraus, dass die Perspektive der Mütter selbst zu wenig Beachtung findet, auch in der Kunst."

In Bonn sind Bosses Mutterbilder mit vermeintlichen Hausfrauenfotos von Daniela Risch aus Essen konfrontiert. Tatsächlich schlüpfte Risch für die Fotos in die Kleidung ihrer Mutter und posierte vor deren Haus. Ein Generationen übergreifendes Spiel mit Frauenklischees: "Ich bin das Modell dieser Frauenbildnisse, bin gleichzeitig Subjekt und Objekt dieser Bilder, stelle mich aber nicht selbst dar."

Einen ganz anderen Frauentyp zeigt Katharina Mayer, die bei Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf studierte. Im Rahmen der "Familie Ruhland" (2012) nimmt die Mutter auf Mayers Foto eine selbstbewusst herausgestellte Rolle ein. Die Männer halten sich dezent im Hintergrund. Hier, glaubt der Betrachter, putzt sicher Papi.

Überhaupt: Bilder der Macht und die Macht der Bilder. Beides illustriert das lebensgroße "Gruppenporträt der Bundesminister" (2000) des Künstlerduos Clegg & Guttmann, das nicht zuletzt auf die repräsentativen Gildebilder der niederländischen Malerei anspielt. Dabei geht es Clegg & Guttmann nicht darum, konkrete Personen abzubilden, "sondern eher ihren Genotyp, die Ahnenreihe von Menschen ihrer Herkunft."

Ganz ohne Ahnenreihe präsentieren sich die spontan gemachten Straßenfotos Jugendlicher von Oliver Sieber, die von "Gruppenzugehörigkeiten und Identitätsbildung durch Musik und Style, Geschlechterzugehörigkeiten, dem Erwachsenwerden, Sich-zueinander-in-Beziehung-Setzen" erzählen. Die Bonner Schau inszeniert diese Arbeiten als Wimmelbild.

Überhaupt gehören jene Fotos, die das Heranwachsen thematisieren, zu den eindrucksvollsten von "Mit anderen Augen". Durch die Brille der Kölner Fotografin Ute Behrend beispielsweise ergeben sich immer wieder überraschende Bezüge, die vorrangig im Kopf des Betrachters entstehen. "Mich interessiert das, was die Abbildung der Person mit dem Betrachter macht, welche Gedanken angeregt und welche Gefühle ausgelöst werden", sagt Behrend.

Ursprünglich diente das Porträt dazu, sich seines Mitmenschen zu vergewissern. In Zeiten digitaler Manipulationen ist dieser Aspekt längst fragwürdig geworden. Das spiegeln Peter Pillers verschwommen gemachte Photoshop-Bearbeitungen von Suchmaschinenfunden aus dem Internet, die ihrerseits die offensichtliche Vorliebe von Frauen reflektieren, sich vor, neben oder hinter Bäumen ablichten zu lassen.

Die "Domestic Scene" (1991) von Wolfgang Tilmans meint dasselbe, zeigt es aber anders. Hier hat sich die in ihrem Zimmer in Remscheid Abgelichtete dem Abbild ihrer selbst durch Überstülpung einer schnöden Duschhaube entzogen. Einzig die historischen Porträts einer verstorbenen Generation im Goldrahmen schauen dem Betrachter unverwandt ins Gesicht.

Die Auseinandersetzung der Fotografen mit malerischen Porträtvorbildern scheint in Bonn immer wieder durch. Verhalten sichtbar wird dies in den Bildern der tschechischen Künstlerin Jitka Hanzlová, deren aus der Zeit gehobenen Bildnisse die oft stark assoziative Nähe zum Gemälde verraten. Hier zur Ikonografie Johannes des Täufers.

Vis-a-vis zu Jitka Hanzlová stellt Thomas Struth die Frage, wie sich der Fotograf dem historischen Porträt nähern kann. Das "Selbstporträt" (2000) von Albrecht Dürers berühmtem, genau 500 Jahre älterem "Selbstbildnis im Pelzrock" (1500) wirft einen "anderen Blick" nicht zuletzt auf die Stellung und das Selbstbewusstsein des Künstler in der Gesellschaft.

"Bei jeder künstlerischen Äußerung handelt es sich ja in einem allgemeineren Sinne um ein Abbild, ein Porträt des Zeitgenössischen", sagt Struth. In diesem Sinne handelt es sich bei den Fotos der wimmelnden Menschenmengen vor "Las Meninas" von Diego Velázquez im Prado in Madrid vor allem um ein Porträt unseres Umgangs mit der Kunst.

Dem gegenüber beschäftigt sich ein anderer Vertreter der "Düsseldorfer Schule" mit der Frage nach der Verlässlichkeit der fotografischen Abbildung. Thomas Ruffs schlicht "Porträt" genanntes Selbstporträt von 1991 blickt in seiner ironischen Doppelbelichtung ebenso skeptisch wie augenzwinkernd auf den Betrachter. Oder auf das eigene Werk?

Thomas Ruffs hypnotische Maharadschas aus der Serie "Negative" sind sowohl in Bonn als auch in Köln vertreten. Sie basieren auf Albuminabzügen aus dem 19. Jahrhundert, die Ruff mit blauer Farbigkeit in die Gegenwart hinüberrettet. Und auf fast schon gespenstische Art magisch auflädt. Allein schon für diese unglaublichen Bilder lohnt sich der Besuch.

Bei Ruff erhält das Einzelbild im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit seine Aura zurück. Andere Fotografen setzen ganz auf den dokumentarischen Reiz der Serie. Wie Mette Tronvoll aus Norwegen, die Vogelkundler, Geologen oder Meteorologen in der eisigen Atmosphäre von Spitzbergen festhielt.

In Tronvolls Bildern sind nicht nur Menschen, sondern auch landschaftliche Verweise wichtig. Gleiches gilt für die gebürtige Bulgarin Pepa Hristova, die Natur als Teil kultureller Identität begreift. Hristova porträtierte albanische "Sworn Virgins", die nach dem Tod männlicher Anwärter etwa durch Blutrache zum Familienoberhaupt werden – und lebenslange Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit schwören, um anerkannt zu werden.

Ansonsten liegt ein Fokus der Kölner Schau, dem eigenen Sammlungsschwerpunkt gemäß, auf der historischen Herleitung des zeitgenössischen Fotoporträts. Hier führt eine direkte Linie über Diane Arbus oder Gabriele und Helmut Nothhelfer zu den sozialen Fotodokumentationen von August Sanders Mammutprojet "Menschen des 20. Jahrhunderts".

Wie konsequent diese Anbindung ist, lässt sich aus den Statements der Fotografen erschließen. "Als ich 1972 Fotografien von August Sander in einer Zeitschrift gesehen habe, begann ich, über meine eigene Porträtarbeit nachzudenken", sagt etwa Jerry L. Thompson. 2013 begann er, in New York auffällig gekleidete Jugendliche mit Tätowierungen abzulichten. Menschen des 21. Jahrhunderts eben.

Auf August Sander beruft sich auch der japanische Fotograf Hiroh Kikai, der nach eigener Aussage "eine Vorliebe für charakteristische Persönlichkeiten" hat. "Unter charakteristisch verstehe ich eine individuelle, kraftvolle Energie – das ist genau das, was mich interessiert." In Kikais Porträt eines Butoh-Tänzers ist diese Intention großartig eingefangen.

Ganz anders als diese dokumentarisch agierenden Fotografen beschäftigt sich Charles Fréger mit dem sozialen Porträt. Seine in den traditionellen Trachten der Bretagne fotografierten Mädchen reisen nicht nur in die eigene kulturelle Vergangenheit, sondern durch Komposition und Farbigkeit auch in die Geschichte der zunächst eng mit der Malerei verknüpften Fotografie.

"Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie" läuft noch bis zum 8. Mai 2016 im Kunstmuseum Bonn sowie in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der auch im Buchhandel erhältlich ist.

Stand: 23.02.2016, 12:29 Uhr