Mirós Monster in Brühl

Mirós Monster in Brühl

Von Thomas Köster

Als buntester, fröhlichster Maler des Surrealismus ist der Spanier Joan Miró der Nachwelt überliefert. Aber er war auch ein politischer Pessimist. Und ein begnadeter Bildhauer. Das zeigt die wundervolle Schau zu Mirós "Welt der Monster" im Max-Ernst-Museum.

Miró. Welt der Monster, Max Ernst Museum, Brühl 2017 (Ausstellungsansicht)

In seinen Gemälden arbeite er eher konventionell, notierte Joan Miró (1893-1983) bereits 1941/42 in sein Arbeitsbuch. In der Plastik aber "erschaffe ich eine wahrhaft traumhafte Welt lebender Monster." Die Ausstellung in Brühl nimmt diese Notiz zum Anlass, um einen eher unbekannten Aspekt im Werk des katalanischen Künstlers auszuloten.

In seinen Gemälden arbeite er eher konventionell, notierte Joan Miró (1893-1983) bereits 1941/42 in sein Arbeitsbuch. In der Plastik aber "erschaffe ich eine wahrhaft traumhafte Welt lebender Monster." Die Ausstellung in Brühl nimmt diese Notiz zum Anlass, um einen eher unbekannten Aspekt im Werk des katalanischen Künstlers auszuloten.

Im Max-Ernst-Museum sind rund 40 bis zu drei Meter hohe Bronzeplastiken aus den 1960er und 1970er Jahren zu sehen. Zwar begann Miró schon dreißig Jahre zuvor, seine Malereien durch eine Collage mit Gegenständen dreidimensional auszuweiten und auch "echte" Skulpturen herzustellen. Trotzdem sind so die wichtigsten zwei Jahrzehnte abgedeckt.

Viele der Werke stammen aus der Fondation Maeght nahe Nizza, die über die größte Sammlung Miró'scher Skulpturen verfügt. Für das Privatmuseum arbeitete Miró neben Georges Braque am Gebäudekomplex mit und schuf für einen Labyrinthgarten unter anderem ein monumentales Monsterbogentor. Sein Modell ist ebenfalls in Brühl zu sehen.

Besonders eindrucksvoll sind jene Bronzeplastiken, die Miró, einem Ratschlag des befreundeten Bildhauers Alberto Giacometti folgend, mit intensiv deckenden Farben übertünchte, um so die Qualität des Materials zu vertuschen. So hob er im Gesamtbild die einzelnen Teile wieder besonders hervor.

Unglaublich frisch und zeitgenössisch wirken diese für den Außenraum konzipierten Skulpturen, die sich dank der hinterlassenen Farbangaben Mirós problemlos restaurieren ließen - und wie magisch aus den Gemälden des Künstlers herausgefallen. "Frau und Vogel" (1967) zitiert dabei ein besonders beliebtes Motiv Mirós, das auch in der Ausstellung häufiger auftaucht.

Kombiniert werden die in Brühl gezeigten Skulpturen mit circa 30 Grafiken und Gemälden, die zeigen, wie Miró bestimmte Motive immer wieder aufgriff. Darunter sind keine Skizzen oder Vorstudien, denn für Miró war die Zeichnung nie Ausgangspunkt der Plastik: "Ich fertige niemals Entwurfszeichnungen an. Ich stelle einfach die Objekte zusammen."

Tatsächlich nahm Miró auf seinen Streifzügen durch die Landschaft und am Strand in Montroig und auf Mallorca Nägel und Eisenteile, Knochen und Kalebassen, Äste und Bretter, Scherbensplitter und Topfdeckel mit ins Atelier. Es war Material, um es im Bedarfsfall zu "Monstern" zu kombinieren und nach einer Zwischenphase im Wachsmodell in Bronze abzugießen. Auch Kinderspielzeuge und Löffel waren dabei.

Durch die "surrealistische" Kombination der Fundstücke in einem neuen Sinnzusammenhang wollte Miró im Betrachter nicht zuletzt mehr oder weniger offene Assoziationen wecken. "Mit dieser neuen Anmut versehen", schrieb der Schriftsteller und Freund Michel Leiris, "öffnen sich die Pforten der Poesie". Gelenkt wird dieses Gedankenspiel bisweilen durch "lyrische" Titel. Diese Skulptur heißt allerdings schlicht und ergreifend "Frau" (1970).

Vor allem aber zeigt die Brühler Schau, wie unrecht die Nachwelt Miró mit dem Image des ausschließlich humorvoll-bunten, fröhlichen Künstlers tat – und warum sich Miró selbst als misanthropischen Tragiker charakterisierte, der immer an den schlechtmöglichsten Ausgang im absurden Spiel des Lebens glaubte. Bei allem Humor blitzt dieses Pessimistische in den Monstern immer wieder auf.

Liebenswert und freundlich treten die Monster auf jener Bühne auf, die die Brühler Ausstellung ihnen bietet: Aber eben auch in ihre Einzelteile zerrissen und bedrohlich. Die von Miró betriebene "Ermordung der Malerei" durch die Skulptur ist eben alles andere als harmlos. Vor allem beinhaltet sie einen dezidiert politischen Impuls.

Wie Patrick Blümel (Foto) in seinem Katalogtext herausstellt, verdanken sich die Ungeheuer Mirós nicht zuletzt dem Schlaf der Vernunft im politischen Spanien seiner Zeit, die im Aufstieg des Diktators Francisco Franco kulminierte. Getreu dem engagierten Motto Mirós, dass der Künstler "inmitten des Schweigens der anderen seine Stimme gebraucht, um etwas zu sagen".

Als Mahnmale sind die in Brühl gezeigten Figuren der wütende Reflex des pessimistischen Künstlers auf die Brutalität des Spanischen Bürgerkriegs und die sich anschließende Regentschaft des konservativ-monarchistischen Militärs, die die Menschenrechte mit Füßen trat: "Als ich über den Tod nachdachte, kam ich dazu, die Monster zu schaffen, die mich gleichzeitig anzogen und abstießen. ("Frau und Vögel", 1972).

Schon spiegelt sich diese Ambivalenz etwa in der klug ausgeleuchteten Skulptur "Kopf mit Vogel" (1966): Im Dialog mit dem Gemälde "Figur, Vogel" (1972) blickt sie fast schon melancholisch-verzweifelt in ihr tief schwarzes Spiegelbild ...

Von vorne betrachtet hat sie aber durchaus auch grimmig-aggressiv und kämpferisch wirkende Züge. Dem Besucher kommt für solche Erkenntnisse die wundervolle Ausstellungsarchitektur entgegen, dank derer sich die Objekte zum Großteil umschreiten lassen.

So zeigen sich gerade im Rundumblick immer wieder neue Facetten des mit kleinen Spitzen und Stacheln durchsetzten Oeuvres, die die ganze Künstlerpersönlichkeit in einem anderen Schlaglicht zeigen. Diese Spitzen liegen manchmal offen da, sind meistens aber im teils irritierend illusionistisch, teils wundervoll rau gefassten Material der Bronze verborgen.

Tatsächlich ist selbst die Formung der Skulpturen auf der Grundlage von eigentlich wertlosen Fundstücken der Natur und der katalanischen Alltagskultur nicht zuletzt ein Protest gegen die repräsentative Herrscherkunst, die auch Franco für sich instrumentalisierte. Dieser mal traurig, mal trotzig formulierte Aspekt ist die eigentliche Überraschung der Ausstellung.  

Aber auch künstlerisch ist die "Welt der Monster" eine Offenbarung. "Die Farbe war für mich kein Problem", gab Miró einmal über seine Anfangsjahre an der Kunstschule in Barcelona 1912-1915 zu Protokoll. "Aber mit der Form hatte ich große Schwierigkeiten." Die Brühler Schau zeigt auch, wie souverän er diese Schwierigkeiten in der letzten Phase seines Lebens überwand ("Figur", 1967).

Und natürlich geht es nicht nur um Krieg und Zerstörung in der Brühler Schau. Auch der Geschlechterkampf bekommt eine Bühne. Und es gibt Werke, die gänzlich befreit scheinen von aller Schwere der Zeit. Und aus nichts zu bestehen scheinen außer aus Humor und Poesie ("Herr und Dame", 1969).

Und auch der Schönheit des Materials ist bei genauerer Betrachtung der Oberflächen genügend Raum gelassen. Auch hier zeugt sich der Surrealist Miró, der im Experiment mit Chemikalien beim Prozess der Patinierung bewusst den Zufall mit einbezog. Schon das ist große Kunst.

Schade ist dabei eigentlich nur, dass in der Ausstellung keine Keramiken zu sehen sind: ein Material, mit dem Miró ab 1953 mit Erfolg in der Werkstatt seines Freundes Joseph Llorens Artigas in Gallifa bei Barcelona experimentierte – und das ihn eigentlich zum Bildhauer machte. Sie hätten das Bild noch komplettiert. Aber angesichts der anderen gezeigten Werke – hier ein monumentaler, unbetitelter Wandteppich von 1980 – ist dieser Verlust leicht zu verschmerzen.

"Miró ging es um eine 'Kunst für alle' mit einer direkten und offenen Bildsprache", betonen die Ausstellungsmacher. Deshalb kann man sich mit seinem Smartphone dank einer an der TH Köln entwickelten "Puzzle-App" in der Schau sein eigenes Monster zusammenstellen und ein Selfie machen. Und im Katalog sind elf Plastiken mit einer anderen App zu 360-Grad-Ansichten animierbar. Im Museum kann man schon mal am Tablet üben.

"Miró – Welt der Monster" ist noch bis zum 28. Januar 2018 im Max-Ernst-Museum in Brühl zu sehen.

Stand: 01.09.2017, 09:00 Uhr