Zu Gast bei Mary Bauermeister

Zu Gast bei Mary Bauermeister

Von Thomas Köster

Momentan hat Mary Bauermeister, die Mutter der Fluxus-Bewegung, eine große Ausstellung in Solingen. Aber ihr eigentliches Museum ist ihr Atelierhaus mit riesigem Garten in Rösrath. Wir haben sie dort besucht.

Mary Bauermeister

Ein wenig sei ihre Arbeit wie das Werk von Insekten, sagt Mary Bauermeister: "Zwar mache ich keine Ameisenhügel oder Bienenwaben, sondern Kunst. Aber das hat auch viel mit Nestbau zu tun." In diesem Sinn hat sich die 82-Jährige nach Stationen in Köln und New York in Rösrath ein Nest gebaut. Und mit Bildern und Objekten ausstaffiert.

Ein wenig sei ihre Arbeit wie das Werk von Insekten, sagt Mary Bauermeister: "Zwar mache ich keine Ameisenhügel oder Bienenwaben, sondern Kunst. Aber das hat auch viel mit Nestbau zu tun." In diesem Sinn hat sich die 82-Jährige nach Stationen in Köln und New York in Rösrath ein Nest gebaut. Und mit Bildern und Objekten ausstaffiert.

Anfang der 70er Jahre ließ sie das lichte Gebäude bauen, vier Kinder zog sie hier alleine groß. Zwei sind von ihrer großen Liebe Karlheinz Stockhausen, mit dem sie 14 Jahre lang zusammengelebt hat: zunächst in einer von Doris Stockhausen komplettierten Ménage à Trois, von 1967 bis zur Scheidung 1973 als Ehefrau.

Architekt Erich Schneider-Wessling hatte das Atelierhaus ursprünglich vollkommen offen konzipiert. "Meine Kinder wollten dann für ihre Zimmer Türen." Als die Kinder ausgezogen waren, habe sie "die Räume selbst gefüllt". Mit eigener Kunst wie ihren Phosphor- und Strohhalmbildern - und mit sammelndem Bienenfleiß, quer durch die Kulturen.

Herausgekommen ist eine individuelle Wunderkammer, die assoziativ-strukturierenden Mustern folgt und fast wie ein persönliches Museum wirkt. Tatsächlich hat sich Bauermeister mit Dingen umgeben, die ihr wichtig sind. Und gefallen, aufbauen. Denn: "Kunst darf wieder schön sein."

Das Schöne findet Bauermeister aber nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Natur. "Das sind für mich aber ohnehin dieselben Dinge", wie sie sagt. "Das sind meine beiden Kraftquellen. Horte der Glückseligkeit. Wenn ich krank bin, muss ich arbeiten, in der Kunst, in der Natur. Dann werde ich gesund."

Kunst als verlängerter Arm der Natur: Nirgends wird dies eindrücklicher als in Bauermeisters dreidimensionalen Steinbildern. Ihr vielleicht schönstes hängt im "Wohnzimmer". An Museen ausgeliehen wird es nicht mehr. "Viel zu schwer. Und dann geht ständig beim Transport etwas kaputt. Dann muss man rätseln, wo die abgefallenen Steine hingehören."

"Meine Werke sind Tagebücher meines Weltverstehens, meines Welterlebens", sagt Bauermeister. Insofern ist das glasgeprägte Haus der ungemein sprachgewandten und wachen Künstlerin eine Art Bücherschrank ihrer immer weiter fortzuschreibenden Biografie. Und tatsächlich birgt es Erinnerungen an fast alle Phasen ihres Lebens.

Etwa an Köln, wo ihr Atelier 1960/61 mit „Prä-Fluxus-Veranstaltungen“ Treffpunkt von Beuys, Cage, Christo oder Nam June Paik war. Oder Stockhausen (links), von dem gerade wenig im Hause ist: Originalpartituren sind an ein Museum in Oldenburg verliehen. Im Bild: Aufführung von Stockhausens Komposition "Kontakte", an der Bauermeister beteiligt war. "Ich war seine Muse", schreibt sie in ihrer Autobiografie, "und er mein Muserich".

"Paik mochte ich besonders gern", sagt Bauermeister. "Der hatte so etwas Asiatisch-Friedliches. Und einen Humor, den ich grandios finde." Ein wundervolles Spruchbeispiel steht auf dem Klavier: "When too perfect / lieber Gott böse". Die Paik-Arbeit im Bild ist ein Geschenk, Paiks Kölner Studienbuch gehört zu Bauermeisters Archiv.

"Die Kölner Zeit mit den Multimedia-Aufführungen in meinem Atelier war für die Kunstgeschichte spannend", sagt Bauermeister. "Wenn ich da geblieben wäre, wäre ich Kunstorganisator geworden und heute vielleicht Kultusminister a.D." Die Kölner Zeit ist in einem Buch (vorne) gut abgedeckt, Bauermeisters Werkverzeichnis wird gerade erarbeitet.

Wichtig ist Bauermeister vor allem New York, wohin sie 1962 ging, um "mit meiner eigenen Arbeit weiterzukommen". Das seien die spannendsten Jahre gewesen, sagt Bauermeister, mit Freundschaften zu Jasper Johns oder Niki de Saint Phalle: "Eine inspirierende Atmosphäre, es gab noch kein Geld, unsere bewusstseinserweiternde Droge war der Hunger." Der Kruzifixstuhl stammt aus dieser "wunderschönen Zeit".

Tagebücher sind vor allem Bauermeisters Linsenkästen, die typisch sind für ihr Werk, mit denen das Geld kam und sie international berühmt geworden ist. "Da schaue ich hinein und sehe und lese ein wenig darin herum. Und dann sage ich: Hach, das war die Phase, das war der Punkt, wo man damals gesteckt hat im Leben."

Dann schaut das Leben aus den Linsenkästen zurück: "Das Leben ist ja viel vieldeutiger als wir denken. Das habe ich ein bisschen versucht in diesen Kästen." Auf die Idee sei sie gekommen, als sie bei einem Antiquitätenhändler die Uhrengläser eines Uhrmachers erstand. "Die Entdeckerfreude, die ich beim Spiel mit diesen Gläsern empfand, will ich an die Betrachter meiner Kästen weitergeben."

"Für mich ist schön, wenn ich Dinge, auch meine eigene Kunst, relativieren kann", sagt Bauermeister. "Wenn ich Linse über Linse schichte und die eine vergrößert etwas, und die andere stellt es auf den Kopf. Alles, was festgelegt ist, ist für mich Staub und Tod. Dinge sind aber in Bewegung." So wie bei dieser Linsen-Steine-Formation in einem Holzhaus in Bauermeisters Garten.

Überhaupt: Der Garten. Immer mehr Land hat Bauermeister über die Jahre hinzugekauft, kleine Häuschen und Zirkuswagen hineingestellt. In ersten wohnen manchmal andere Künstler, in letzteren ihre Bücher, verborgen hinter weißem Tuch. Aus ästhetischen Gründen: "Wenn ich ein Bild habe, wo ein kleiner roter Punkt ist, und daneben ist eine Gesamtausgabe von Sartre in pink - das geht nicht!"

"Ich bin ein absoluter Buchmensch", sagt Bauermeister. "Ich schaue nicht Fernsehen, ich gehe selten ins Kino. Ich lese." Irgendwann, als das Haus aus allen Nähten zu platzen drohte, habe sie die Literatur ausgelagert: "Erst die Philosophie, dann den Garten, die Ökonomie, die Ökologie." Jeder Zirkuswagen hat ein Thema, bei dem Bücher auf fremde und eigene Werke treffen. Thema hier: die Heilkunst.

Als die Kinder noch im Haus lebten, gehörten auch noch Tiere zum Anwesen. Kaninchen zum Beispiel. Bienen. Und Ziegen. Von letzteren zeugt nur noch ein leerer Stall. Und die Hörner auf Bauermeisters Kultstätte. "Antennen", wie die Künstlerin sagt. Wohl zu einem anderen Dasein.

Die geheimnisvollste Architektur im Garten ist aber zweifellos der Wohnturm, den Bauermeister um eine Treppe aus dem abgerissenen Haus ihrer verstorbenen Schwester herumgebaut hat. "Eigentlich wollte ich eine Himmelsleiter bauen", sagt die Künstlerin. Aber dann habe das Gestell mit seinen Stützbalken so unfragil ausgesehen, "dass ich es lieber eingekleidet habe“.

Drinnen ist der Turm mit Kleidern und Steinen Bauermeisters vollgehangen. Und mit Kästen präparierter Insekten, die die Künstlerin wegen ihrer Schönheit auf Mineralienmessen ersteht, wegen des Morbiden aber nicht im Haus haben will. Am oberen Ende der Treppe wartet eine Hängematte mit Ausblick über das ganze Terrain.

"Ich gehe sehr sparsam mit Farbe um in meiner Kunst", sagt Bauermeister. Abends wird es dann doch bunt auf ihren Werken. Dann bricht die Sonne durch ihre Prismen und wirft Strahlen von Rot und Blau und Gelb auf Wabenstrukturen oder Steinkreise. Eigentlich ist das im Haus die schönste Zeit.

"Früher haben mich ästhetische Fragen interessiert", sagt Bauermeister. "Politik hat mich eher abgeschreckt. Heute geht das nicht mehr. Heute muss man einschreiten." Bald werde sie in Trumps USA fahren und alle ihre Werke aus den dortigen Galerien sammeln: "Das hole ich alles zurück in den deutschen Wald." Die Arbeit "Fuck the System", die in den 1960er Jahren in New York entstand, ist schon zu Hause.

Politischen und ästhetischen Fragen widmet sich auch Bauermeisters aktuelle Arbeit. "Ich will die deutsche Flagge wieder auf den Kopf stellen. Das erdige Schwarz gehört nach unten, das transzendente Gold nach oben." Für ihre Entstaubungsaktion sammelt sie Unterschriften. Und schenkt Gemeinden umgestaltete Fahnen, die in einem eigens zusätzlich angemieteten Atelier entstehen.

Wer Bauermeisters Atelier bestaunen will, der kann das jeden Monat an einem speziellen Sonntag tun. Dann öffnet die Künstlerin ihr Haus und ihren Garten. Und kredenzt vermutlich wieder ihre berühmte Kürbissuppe mit Ingwer. Gemacht aus Kürbissen aus dem eigenen Garten.

"Mary Bauermeister und Christian Jendreiko: Pli Score Pli" ist noch bis zum 26. März 2017 im Kunstmuseum Solingen zu sehen. Am 10. Dezember 2017 eröffnet die Ausstellung "Ortstermin: Mary Bauermeister" im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach.

Stand: 16.02.2017, 10:10 Uhr