Selbstporträt als Alien. Maria Lassnig in Essen

Selbstporträt als Alien. Maria Lassnig in Essen

Von Thomas Köster

Malen, was der Körper spürt: Das machte Maria Lassnig bis zu ihrem Tod, über 60 Jahre lang. Das Museum Folkwang zeigt ab heute die ganze Bandbreite dieser Obsession. Und illustriert, warum die Österreicherin zu den wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gehört.

Maria Lassning, Museum Folkwang

Kann man das Bewusstsein für den eigenen Körper in Malerei oder Zeichnung überführen? Dieser Gedanke kam der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig angeblich während einer Trambahnfahrt im Jahr 1948: "Ich habe damals entdeckt, dass ich das malen möchte, was ich spüre." Mit welcher stilistischen Vielfalt Lassnig dies umsetzte, zeigt die Essener Retrospektive.

Kann man das Bewusstsein für den eigenen Körper in Malerei oder Zeichnung überführen? Dieser Gedanke kam der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig angeblich während einer Trambahnfahrt im Jahr 1948: "Ich habe damals entdeckt, dass ich das malen möchte, was ich spüre." Mit welcher stilistischen Vielfalt Lassnig dies umsetzte, zeigt die Essener Retrospektive.

Die Retrospektive im Museum Folkwang versammelt über 40 Gemälde aus allen Lebensphasen, die zum Teil im Liegen oder mit geschlossenen Augen entstanden: angefangen von der informellen Malerei der Frühzeit über die abstrakten Körperformen der 1960er Jahre bis hin zu jenen Werken, die Lassnig zu einer der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts werden ließen (im Bild: "Dame mit Hirn", um 1990).

Darunter ist Lassnigs erstes, 1945 in expressiver Manier gemaltes Selbstporträt, das noch sehr dem Zeitgeist verhaftet ist …

… sowie die letzte Arbeit, das "Selbstporträt mit Pinsel", an dem Lassnig bis 2013, ein Jahr vor ihrem Tod und gestützt von Helfern, in Wien gearbeitet hat. Neben dem Zeichenstift war der Pinsel das "Urzustandswerkzeug" der Künstlerin. Hier ist er aber eher ein bedrohlicher Dolch.

Sie habe nach einer Realität gesucht, die "mehr in meinem Besitz wäre als die Außenwelt", gab Lassnig einmal an, "und fand als solche das von mir bewohnte Körpergehäuse". In ihrer Zeit in Paris in den 50er Jahren war dieser Prozess so stark vom Informel geprägt, dass sich das Motiv bei diesem "Körpergehäuse" (1951) erst einmal nur durch den Titel erschließt.

In New York, wo Lassnig von 1968 bis 1980 lebte, kultivierte sie einen eher klassischen, von ihr als "amerikanischer Realismus" bezeichneten Stil, der weg von den Deformationen der vorangegangenen Periode führte. Grund war wohl auch, dass ihre frühen Werke in der US-Kunstszene kaum auf Gegenliebe stießen ("Doppelselbstportät mit Kamera", 1974).

In New York entstanden auch einige der selten gezeigten Trick- und Realfilme Lassnigs aus den frühen 70er Jahren, von denen in Essen einige auf Leinwänden und Fernsehschirmen zu sehen sind. Dort verwandeln sich Stühle in lebendige Wesen und Menschen verschmelzen mit Sesseln - ein Motiv, das auch in Lassnigs Gemälden wiederkehrt.

Mitte der 90er Jahre kehrte Lassnig wieder zu den Abstraktionen der Frühzeit zurück, ohne auf den eigenen Körper zu verzichten. Da war sie längst Professorin für Malerei an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst, hatte zweimal auf der Documenta ausgestellt und war mit Einzelausstellungen in Düsseldorf, Paris New York und Zürich gewürdigt worden. Das "Sesselselbstporträt" (1963) hängt inzwischen in Essen an der Wand.

Überhaupt gehört es zu Lassnigs stilistischen Eigenheiten, markante Momente etwa des Gesichts, die in der Malerei gemeinhin Porträtähnlichkeit schaffen, völlig zu ignorieren und das Emotionale auf andere Körperteile zu reduzieren. "Ha, ha, das sollen Sie sein?", spottete dem entsprechend Otto Mauerer, in dessen Wiener Galerie Lassnig 1956 trotzdem ausstellen durfte ("Selbstporträt mit Nervenlinien", 1996).

So malte Lassnig sich auf ihren "Körperbewusstseinsbildern" selbst unter anderem als Knödel, Alien, Zitrone oder, wie hier, als "Käsereibe"(1988) - wobei ihr Körper eben nicht durch seine wirklichkeitsgetreue Abbildung, sondern durch den unverwechselbaren Stil der Malerin identifizierbar ist.

"Ich war sicher keine Aktionistin und keine Feministin", wehrte sich Lassnig einmal gegen ideologische Vereinnahmungen. "Das ist beides Politik, und ich war nie eine Politikerin. Ich habe nie irgendwo dazugehalten." Trotzdem gibt es Gemälde, in denen das Politische als Moment der Bedrohung durchscheint. Wie bei der in Essen gezeigten "Kriegsfurie", die 1991 unter dem Eindruck des ersten Golfkriegs entstand.

Im Grunde aber sind die Gemälde Lassnigs als Projektionen des Körpers der Künstlerin zu sehen, in denen sie ihre momentane Lage verbildlicht. Dieser Aspekt wird in jenen Gemälden thematisiert, die konkret die Leinwand mit ins Motiv aufnehmen. Das Ich verschmilzt mit dem Bildträger - wie bei "Innerhalb und außerhalb der Leinwand IV" (1984/85), hier während des Ausstellungsaufbaus.

Die großartige Retrospektive "Maria Lassnig" ist aus der Londoner Tate nach Essen gekommen und dort noch bis zum 21. Mai 2017 im Museum Folkwang zu sehen. Den von der Tate übernommenen Katalog, dem ein deutschsprachiger Einleger beiliegt, sollte man unbedingt auch mit nach Hause nehmen ("Zwei Arten zu sein / Doppelselbstporträt", 2000).

Stand: 10.03.2017, 11:00 Uhr