Der Kunstpoet: Broodthaers in Düsseldorf

Der Kunstpoet: Broodthaers in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Muscheln als Wandskulpturen, Mannequin-Augen in Einmachgläsern und Gemälde unter Palmen: Der Belgier Marcel Broodthaers war Kunstclown, Poet und Philosoph in Personalunion. Eine Retrospektive in Düsseldorf entdeckt sein bezauberndes Werk neu.

Marcel Broodthaers, Kunstsammlung NRW 2016 (Ausstellungsansicht)

Im Wirken des 1924 in Brüssel geborenen und 1976 in Köln gestorbenen Marcel Broodthaers war Düsseldorf von herausragender Bedeutung. Im Umfeld der rheinischen Kunstszene entwickelte er hier Anfang der 70er Jahre seine  künstlerischen Positionen. Die Ausstellung im Ständehaus der Kunstsammlung NRW, die Samstag (04.03.2017) beginnt, tut deshalb dringend Not.

Im Wirken des 1924 in Brüssel geborenen und 1976 in Köln gestorbenen Marcel Broodthaers war Düsseldorf von herausragender Bedeutung. Im Umfeld der rheinischen Kunstszene entwickelte er hier Anfang der 70er Jahre seine  künstlerischen Positionen. Die Ausstellung im Ständehaus der Kunstsammlung NRW, die Samstag (04.03.2017) beginnt, tut deshalb dringend Not.

Rund 200 Arbeiten sind versammelt, die chronologisch einen umfassenden Überblick geben über Broodthaers’ vielfältiges, poetisches, humorvolles Werk. Darunter sind Künstlerbücher ebenso wie begehbare Installationen, Filmprojektionen oder Teile eines Museumsprojekts.

Nach einer erfolglosen Zeit als Gelegenheitsjournalist und dadaistisch-surrealistischer Dichter kam Broodthaers erst relativ spät – 1964, mit 40 Jahren – zur bildenden Kunst. Letztendlich aber blieb die Text-Bild-Klammer für den Künstlerpoeten Zeit seines Lebens zentral. Auch das ist in Düsseldorf schön zu sehen. Auch im kleinsten Objekt der Schau, dem "Atlas für den Gebrauch durch Künstler und Militär" (1975).

1968 gründete der belesene Künstler in seiner Brüsseler Wohnung das "Musée d’Art Moderne", das zum Teil aus Kisten bestand, erklärte sich zu dessen Direktor und setzte danach verschiedene Sektionen des Projekts in insgesamt zwölf Ausstellungen als Installationen um. 1970 siedelte er nach Düsseldorf um, wo er zwei Jahre später auch ausstellte.

Mit der "Section Publicité" von 1972 besitzt Düsseldorf auch die einzige überlieferte Installation aus diesem Großprojekt. 1999 wurde das Werk, das aus Adlerabbildungen besteht, angekauft. Und markiert im Verbund mit Nam June Paiks "TV Garden" die Erweiterung des Sammlungsbestands auf Werke der Gegenwartskunst.

Eine wichtige Funktion hatten motivische Archetypen wie Adler, Kanone oder Palme. Dies wird bereits zu Beginn des Düsseldorfer Ausstellungsparcours deutlich, der in einleuchtender Weise mit "L’Entrée de l´expostion" (1974) aus Palmen, Grafiken, Fotos und einem Gemälde eröffnet.

Mit dem aus Hochkunst, Kunstgewerbe und Werbung stammenden Motiv des Adlers unterwandere Broodthaers die auch symbolisch aufgeladene Bedeutung von Zeichen und verweise mehrfach auf sein Vorbild von René Magritte, so Kuratorin Doris Krystof. Broodthaers bespiegelt diesen Gedanken auf äußerst illustrative Weise.

Tatsächlich ist Broodthaers’ belgischer Landsmann Magritte, der schon früh die Kluft zwischen (sprachlichen) Zeichen und der mit ihnen bezeichneten Wirklichkeit thematisierte, auch in Düsseldorf überall präsent. Vor allem dessen programmatisches Bild "Dies ist keine Pfeife" (1929) wird von Broodthaers gern - und überaus doppelbödig - zitiert. Das hier IST nämlich eine Pfeife.

Ohnehin wäre Broodthaers nicht Broodthaers, hätte er Magrittes vordergründig eher plattes Bonmot vom Bild der Pfeife, das keine Pfeife ist, nicht weiter humorvoll radikalisiert. Zumindest setzt seine auf die Kunst bezogene Variante – hier die Dokumentation der Plaketten zu seiner Schau in Düsseldorf 1972 – viel komplexere Denkprozesse in Gang.

Der Ansatz, das Zeichen von seiner Bedeutung zu lösen, erlaubte Broodthaers nicht nur, sein Konzept einer künstlerischen "Störung der Weltordnung" umzusetzen, sondern auch, diese Welt assoziativ wieder neu zusammenzusetzen. Mit der Konsequenz, (fast) jedwede Lesart seines Werks zuzulassen - selbst wenn es wieder um Systematisierungen und Neu-Ordnungen geht.

Anspielungen an Bedeutung waren in dieser radikal offen konzipierten Art und Weise trotzdem inklusive. Wie bei den zerbrochenen Eierschalen, denen gerade alles Leben entschlüpft zu sein scheint.

Oder bei der immer wieder verwendeten Muschel, die im Französischen "moule" heißt, was zugleich auch "Form" bedeutet. Klar, dass sich die Anspielung bei Broodthaers in einem sehr barocken Sinne üppig-"unförmig" gestaltet.

Das freie, an Magritte geschulte Spiel mit assoziativem Sinn wird auch deutlich in Broodthaers' 1972 entwickelter, innovativer "poetischer Malerei", für die er Worte auf die Leinwand druckte oder einen Schildermaler den reinen Produktionsakt vollführen ließ. Die Idee des Werkes rückt so ins Zentrum ("yz", 1973).

Nach seinem spektakulären Auftritt auf der documenta 5 im Jahr 1972 widmete sich Broodthaers bis zu seinem Tod an seinem 52. Geburtstag mit Ausstellungen in Berlin, Basel oder London mit neuen Arbeiten und geliehenen Objekten dem Thema "Décor", das zwischen Kitsch und Kunst, Banalität und höherer Bedeutung pendelt. Auch diese Phase ist in Düsseldorf nachgebaut.

Im Grunde hinterfragt Broodthaers mit seinem Werk vor allem auch den ökonomischen und institutionellen Rahmen von Kunst im Museum: eine Rolle, die er Zeit seines Lebens, vielleicht noch radikaler als Marcel Duchamp, mit neuen, beliebig wirkenden Raumordnungen zu unterwandern suchte ("Raum der Nuancen", 1970).  

Wie in Düsseldorf zu sehen, funktioniert das bis heute: auch wenn Broodthaers mit seinen rund 60 Einzelausstellungen zu Lebzeiten – das spiegelt sich in dieser "Retrospektive" – längst auch zum musealen Kanon gehört. Das liegt vielleicht auch daran, dass Broodthaers erst 40-jährig Teil des Kunstbetriebes wurde und sich so den distanzierten Blick bewahren konnte ("Die Kamera, die beobachtet", 1966).

Vor allem aber zeigt die Düsseldorfer Schau, wie stark Broodthaers den Weg für all jene Künstler geebnet hat, die sich dem weiten Feld der raumgreifend präsentierten Installation verschrieben haben. Vielleicht wäre das, was Künstler wie Mark Dion oder Heike Weber heute machen, ohne Broodthaers gar nicht denkbar ("Raum des 20. Jahrhunderts", 1975).

Und dann scheint auch noch auf, dass Broodthaers nicht nur durch das Subversive, sondern auch durch das Konkrete seiner Kunst ungemein politisch war. Wie in "Das schwarze Problem von Belgien" (1963, oben), das Bezug nimmt auf die koloniale Vergangenheit seiner Heimat.

Düsseldorf ist die einzige Station der Ausstellung in Deutschland – sie kommt aus dem MoMa in New York und dem Museo Nacional Centro de Arte Reina in Sofia. Noch bis zum 11. Juni 2017 ist "Marcel Broodthaers. Eine Retrospektive" im Ständehaus der Kunstsammlung NRW zu sehen.

Zur Ausstellung ist ein opulenter, unbedingt empfehlenswerter Katalog erschienen, der im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich ist. Den Besuch dieser überaus gelungenen Retrospektive ersetzt er trotzdem nicht.

Stand: 04.03.2017, 08:00 Uhr