"Magische Natur" in Düsseldorf

"Magische Natur" in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Wie man der Banalität von Kohl und Pestwurz künstlerisch die ihnen innewohnende Poesie zurückgibt, zeigt jetzt eine Schau im Museum Kunstpalast. Vier Positionen, drei davon zeitgenössisch. Die älteste ist die größte Entdeckung.

Magische Natur, Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2017 (Ausstellungsansicht)

Wie blicken Künstler ganz unterschiedlicher Ausrichtung auf die Natur? Und: Wie blickt die Natur – oder das, was wir für dafür halten – auf ihren Bildern zurück? Diese Frage beantwortet die Ausstellung im Museum Kunstpalast mit 55 Radierungen, Zeichnungen und Fotografien von einem alten und drei zeitgenössischen Künstlern, von denen der alte die eigentliche Entdeckung ist.

Wie blicken Künstler ganz unterschiedlicher Ausrichtung auf die Natur? Und: Wie blickt die Natur – oder das, was wir für dafür halten – auf ihren Bildern zurück? Diese Frage beantwortet die Ausstellung im Museum Kunstpalast mit 55 Radierungen, Zeichnungen und Fotografien von einem alten und drei zeitgenössischen Künstlern, von denen der alte die eigentliche Entdeckung ist.

Ausgangspunkt ist das wahrhaft unglaubliche Werk des Dessauer Malers, Grafikers und Schriftstellers Carl Wilhelm Kolbe (1757-1835), der zu Lebzeiten vor allem durch seine Darstellungen übernatürlich knorriger Bäume berühmt war und deshalb den Beinamen "Eichen-Kolbe" erhielt, heutzutage aber nur noch selten ausgestellt wird. Das Museum Kunstpalast besitzt ein Konvolut von 45 Radierungen.

Rund 300 Radierungen hat Kolbe geschaffen, von denen 30 der von ihm geschaffenen Gattung des "Kräuterblatts" zugerechnet werden können. Sie zeigen wuchernde, überdimensionierte Blattkompositionen, die an Kohl erinnern, eigentlich aber völlig surreal im Raum stehen. Max Ernst war von ihnen begeistert, aber auch Georg Baselitz, aus dessen Besitz sich zwei Kolbes in der Schau befinden ("Die Kuh im Schilf", um 1801).

Hin und wieder setzt Kolbe auch Tiere oder Menschen in die Stiche. Zumeist verschwinden sie irgendwo im Hintergrund, oder werden von der Wucht der wie im Wind wallenden Bäume lieblos an den Bildrand gedrängt. So scheinen sie nur Staffage zu sein, um dem Betrachter zu illustrieren, wie grandios das überdimensionierte Pflanzliche auf den Bildern ist. Und wie phantastisch Kolbe es erfunden hat ("Liebespaar unter großem Kräuterwerk an einer Quelle sitzend", 1810).

In Düsseldorf werden die Arbeiten Kolbes mit drei zeitgenössischen Positionen konfrontiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und deren Bezüge zum Werk Kolbes durch die Präsentation eher assoziativ geschaffen werden. Das macht Arbeit, öffnet aber einen Reflexionsraum, den auch gedanklich zu durchschreiten sich lohnt (links: Natascha Borowsky, "O.T. 358 201214", 2012/14).

Zu den imposantesten Arbeiten gehören dabei zwei riesige Holzschnitte des Schweizer Künstlers und mehrmaligen Biennale-Teilnehmers Franz Gertsch, der die schon von Kolbe praktizierte Gigantomanie der Botanik auf die Spitze treibt. Gertschs "Ausblick" (2005) auf sein liebstes Motiv, die Pestwurz, ist schon aufgrund ihrer Größe aus Zeit und Raum der Wirklichkeit gefallen.

Gertsch, der seit seinem elften Lebensjahr Holzschnitte produziert, bezieht sich bei seiner Arbeit auf das berühmte Credo Albrecht Dürers von der in der Natur verborgenen Kunst: "wer sie heraus kann reißen, der hat sie". Schon sein Vater habe ihm diesen Satz gepredigt. "Bei mir heißt das vor allem, dass eine Balance zwischen Realismus und Abstraktion gefordert ist – und entsteht." Das ist auchd en kleinen Arbeiten eigen ("Kleiner Pestwurz", 1994).

Besonders deutlich wird dieser Hang zur Abstraktion in Gertschs seriellen Arbeiten, von denen in Düsseldorf die insgesamt sechs Blätter von "Gelber Enzian" (2003-2006) zu sehen sind. Durch die Reihung der unterschiedlich monochrom gefärbten Holzschnitte wird das an sich banale Motiv der Wirklichkeit entrückt und erhält eine Künstlichkeit, die durchaus eine ganz eigene, "magische" Aura hat.

Den Blick auf das Banale, Alltägliche hat Gertsch mit Simone Nieweg gemein. Während der Schweizer seine Motive seit 1976 in unmittelbarer Umgebung seines Hauses in Rüschegg findet, durchstreift Simone Nieweg die Ränder der Städte Europas, um die etwas aus der Mode gekommenen Nutzgärten zu fotografieren, wo "nichts zur reinen Repräsentation oder Erbauung gepflanzt wird" ("Erbsenfeld, Moussy-le-Vieux, Sein et Marne", 2006).

"Es geht um etwas viel Existentielleres", sagt Nieweg. Schließlich dienten die Nutzgärten, vor allem nach dem Krieg, der Bevölkerung zum nackten Überleben. Bei aller Dokumentation geht es Nieweg auf ihren langen Spaziergängen ästhetisch aber auch darum, "Situationen zu finden, in denen räumliche und farbliche Kompositionen verborgen sind". Also freizulegen, was Menschenhand unbewusst geschaffen hat ("Zucchini, Villetaneuse, Seine-Saint-Denis", 2005).

Natascha Borowsky aus Düsseldorf geht es um die zufällige Überwucherung der Natur mit den Relikten unserer Zivilisation. Anfang 2016 stellte sie ihre Werke zum ersten Mal in der "Großen Kunstausstellung NRW" aus, die jedes Jahr im Museum Kunstpalast stattfindet. Ihre beiden dort gezeigten Arbeiten aus der Serie "Transition" (2012/2014) – hier die damalige Hängung – wurden vom Museum angekauft …

… und hängen nun, inzwischen gerahmt, in der Ausstellung. 2012 reiste Borowsky, die wie Nieweg Becher-Schülerin war, mit einem Stipendium der Kunststiftung NRW in Mumbai. Dort entstanden Fotos von Mangrovenbäumen, auf denen die Ebbe vor allem Tuchfetzen zurückließ. Es sind Arrangements im Wechselspiel der Gezeiten: Die nächste Flut schafft ein neues Bild.

Für Borowsky sind die in Indien fotografierten Landschaftsorte "fertige, vom Wasser arrangierte Installationsräume, die bei der nächsten Flut schon wieder ganz anders aussehen. Das hatte eine ganz eigene Atmosphäre." Magisch könnte man sie nennen, und so lassen sich auch die Arbeiten von "Transition" problemlos unter dem Titel der Düsseldorfer Ausstellung subsumieren ("O.T. 407 201214", 2012/14).

"Magische Natur. Carl Wilhelm Kolbe d. Ä., Franz Gertsch, Simone Nieweg, Natascha Borowsky" ist noch bis zum 7. Januar 2018 in der Ständigen Sammlung des Museums Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Zum Rahmenprogramm gehört auch ein Rundgang durch die Ausstellung mit den beteiligten Künstlerinnen kurz vor Weihnachten.

Zur Ausstellung ist auch ein wundervoll gedruckter Katalog erschienen, der neben Abbildungen aller in der Ausstellung versammelter Werke auch einführende Texte sowie Interviews mit einem Teil der Künstler enthält. Er ist im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich.

Stand: 19.10.2017, 06:00 Uhr