Sale, Sale, Sale! "Let's buy it!" in Oberhausen

Sale, Sale, Sale! "Let's buy it!" in Oberhausen

Von Thomas Köster

In der Oberhausener Ludwiggalerie sind Werke zu sehen, die die Verführungen der Konsumwelt inszenieren. Eine Geschichte der Käuflichkeit vom Judaskuss bis zum Containerterminal.

Let's buy it! Kunst und Einkauf, Ludwigsgalerie Schloss Oberhausen 2016 (Ausstellungsansicht)

Kunst ist schön, kostet aber auch viel Geld. In Zeiten, in denen sie zum schmückenden Luxusgut und zum verlockenden Spekulationsobjekt geworden ist, tut eine Ausstellung wie "Let's buy it!" dringend Not. Die hier gezeigten Werke setzen sich sehr unterschiedlich mit den Verführungen der Warenwelt auseinander. Und schwanken oft zwischen Faszination und kritischer Distanz (im Bild: Gudrun Kemsa, "57th Street (Louis Vuitton)", 2016) .

Kunst ist schön, kostet aber auch viel Geld. In Zeiten, in denen sie zum schmückenden Luxusgut und zum verlockenden Spekulationsobjekt geworden ist, tut eine Ausstellung wie "Let's buy it!" dringend Not. Die hier gezeigten Werke setzen sich sehr unterschiedlich mit den Verführungen der Warenwelt auseinander. Und schwanken oft zwischen Faszination und kritischer Distanz (im Bild: Gudrun Kemsa, "57th Street (Louis Vuitton)", 2016) .

Dass Kunst und Kommerz zusammengehören, macht diese von Barbara Kruger bedruckte Einkaufstüte deutlich. Sie wurde 1990 in einer massenkonsumgerechten Auflage von 9.000 Exemplaren vom Kölnischen Kunstverein vertrieben – und dichtet das rationale "Cogito, ergo sum" von René Descartes in den zeitgemäßen Slogan des bauchgesteuerten Kaufrauschs um.

"Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter" heißt es im Untertitel der Schau, und das ist natürlich auch Reklame. Denn nach Richter kommt hier noch vieles, was gut und sogar teuer ist. Von Axel Brandt, Jahrgang 1962, sind gleich mehrere Arbeiten zu sehen, darunter verzerrte Konterfeis einer Miele-Waschmaschine und einer Aldi-Tüte. Und, als Ausdruck totaler Globalisierung,"Container" (2006).

Kunst und Kommerz in Personalunion war zweifellos Andy Warhol. In seiner Factory druckte der Ex-Schaufensterdekorateur buchstäblich Dollarnoten und machte nicht nur sich zur Marke, sondern auch eine Fertigsuppendosenfirma zur Kunst-Ikone. In Oberhausen sind die schmackhaften Originale aufs Podest gehoben. An den Wänden hängen mehrere von Warhols Glamour-Marilyns. Geldscheine gibt es auch zuhauf von anderen Künstlern zu sehen.

Von Warhol führt ein direkter Weg zu Pop-Art-Stars wie Mel Ramos,. In immer gleichen Motiven setzt der US-Amerikaner bis heute die auch für ihn sehr lukrative Idee der Werbebranche in Szene, dass sich Produkte mit der Haut attraktiver Frauen besser verkaufen lassen. Nur geht Ramos weiter: Seine Frauen sind völlig nackt und die Objekte der Begierde nicht Autos oder Trockenrasierer, sondern Zahnpastatuben, Schokoriegel oder eben Campbells – respektive Warhols – Fertigsuppen.

Schön ist, dass die Schau in Oberhausen aber nicht bei Warhol & Co beginnt, sondern früher, im gläubigen Mittelalter. Dort kostete ja vor allem der Himmel, im Idealfall das Leben. Als pfeildurchbohrter Märtyrer war Sebastian der einzige Heilige, der als Halb-Akt dargestellt werden durfte. Sicher schon damals ein Kaufargument, mutmaßt die Schau, die den sich räkelnden Nackten (links) unter dem Motto "Sex sells" präsentiert.

Die Verknüpfung von Seelenheil und Kaufkraft hat sich in manchen Ritualen bis in die Gegenwart hinübergerettet. Heute sitzt der Weihnachtsmann als Whistleblower im Kaufhaus und verrät die ihm ins Ohr geflüsterten Wünsche der lieben Kleinen an die erwachsene Kundschaft: marktwirtschaftlich eine höchst profane Win-win-Situation. 2012 spielte Künstler Martin Gensheimer den Weihnachtsmann – und führt die Verlogenheit der Situation in Serie vor Augen.

Aber nicht nur der Himmel, auch die Hölle hat ihren Preis. Albrecht Dürer macht dies deutlich, indem er Judas, der sich am Anfang der Passionsgeschichte bekanntlich mit einem Kuss prostituierte, den Beutel mit den 30 Silberlingen schon vor dem Verrat in die gierige Faust sticht. Heute trägt der Teufel ja bekanntlich Prada. Die Investition in den Judaskuss hat sich für ihn also offenbar ausgezahlt.

Ob Brigit Bardot auch Prada getragen hat? Gerhard Richter jedenfalls malte sie 1965 nach einem Paparazzo-Foto mit ihrer Mutter beim Shoppen. Damals hing Richter noch dem "kapitalistischen Realismus" an, heute ist er einer der teuersten Maler der Welt. Und damit Teil einer Investitionsblase, die Kunst für Otto Normalverbraucher größtenteils unerschwinglich macht. Rechts trinkt Louise Bourgeois Coca Cola. Und die (nicht Bourgeois, die Cola!) kann sich nun wirklich jeder leisten.

"Let’s buy it!" zeigt aber auch Beispiele von Künstlern, die ihre Werke bewusst als Schnäppchen konzipierten. Felix Droese etwa, der 2003 zwei Grafiken bei Aldi Süd verkaufte, darunter diesen "Silberfinger", der in Oberhausen inzwischen an der Wand hängt. Die 10.000er-Auflage war sofort ausverkauft. Dieses Exemplar erstand Museumsdirektorin Christine Vogt über Ebay Kleinanzeigen. Für die damaligen 12,99 Euro war es aber nicht mehr zu haben.

Dafür, dass Günter Frühtrunk 1970 das Logo für Aldi Nord geschaffen hat, hat er sich später bei seinen Studenten entschuldigt. Und als der gebürtige Gelsenkirchener Anton Stankowski 1974 das Logo für die Deutsche Bank entwarf, titelte die Bild-Zeitung: "Maler verdient mit fünf Strichen 100.000 Mark". Also 20.000 Mark pro Strich. Auch diesen Zusammenhang von Kunst und Kommerz macht "Let’s buy it!" deutlich. Und die Schwierigkeit, den "Wert" von Kunst zu beziffern.

Wer sich die Discountertüte oder das Bankenlogo an die Wand nagelt, hat sein Heim also billig mit Kunst verschönert. In Oberhausen gibt Laas Abendroth aus Mülheim an der Ruhr kostenlos auch andere Tipps, die man leicht nachmachen kann. Und die offenbar schwer verkäuflich sind: Die meisten dieser Werke sind noch im Besitz des Künstlers.

Überhaupt ist Abendroth vielleicht die Entdeckung von "Let’s buy it!". Weil seine Bilder Fragen zum Wert von Kunst generell aufwerfen und man über bewusst lieblos auf Leinwand gemalte Sätze wie "Reich ins Heim" oder "Kunst lieb. Kaufen böse" lange nachdenken – und auch streiten – kann.

Die subversivste Arbeit der Schau ist zweifellos die von Christin Lahr. Sie überweist seit Mai 2009 jeden Tag einen Cent an das Bundesministerium für Finanzen, wobei sie jeweils 108 Zeichen aus dem "Kapital" von Karl Marx in die Betreffzeile schreibt: "So wird nach und nach der gesamte Text des Buches per Online-Banking auf das zentrale Konto des Staates übertragen", sagt die Künstlerin.

Zu Lahrs Installation gehören auch fünf Postkarten und ein Überweisungsträger mit einem Cent als vorgedruckter Spende. Diesen Teil des Kunstwerks darf man als Schnäppchen mit nach Hause nehmen. Und danach kann man mit dem gesparten Geld ja immer noch im "Centro" in der Nähe teuer shoppen gehen.

"Let's buy it! Kunst und Einkauf. Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter" ist noch bis zum 14. Mai 2017 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Einen opulent bebilderten Katalog gibt's auch zu kaufen. Im Buchhandel oder im Museumsshop. Kosten: 50 Euro (im Bild: Gunhild Söhn, Museum Folkwang Essen, 1995).

Stand: 20.01.2017, 08:51 Uhr