Kunst durch die Blume

Kunst durch die Blume

Von Thomas Köster

Blumen sagen ja bekanntlich mehr als tausend Worte. Auch in der Kunst. Das Museum Schloss Moyland zeigt deshalb ab Sonntag eine kleine Blütenlese von den 60er Jahren bis in die Gegenwart. Mit echten Blumen. Aber auch mit welchen aus Öl, Plastik, Fleisch und Tierfell.

Lasst Blumen sprechen, Museum Schloss Moyland 2016 (Ausstellungsansicht)

"Lasst Blumen sprechen" versammelt 75 oft mehrteilige Installationen, Gemälde, Zeichnungen und Videoarbeiten von 39 Künstlern, die sich mit dem seit Jahrtausenden in der Kunst beliebten Sujet des Floralen auseinandersetzen." Ganz konkret bei Vera Lossau, die in "Milles Fleurs" die Üppigkeit eines barocken Stilllebens analytisch zerlegt – und damit in die Gegenwart hinüber gerettet hat.

"Lasst Blumen sprechen" versammelt 75 oft mehrteilige Installationen, Gemälde, Zeichnungen und Videoarbeiten von 39 Künstlern, die sich mit dem seit Jahrtausenden in der Kunst beliebten Sujet des Floralen auseinandersetzen." Ganz konkret bei Vera Lossau, die in "Milles Fleurs" die Üppigkeit eines barocken Stilllebens analytisch zerlegt – und damit in die Gegenwart hinüber gerettet hat.

Wie aktuell Blumenkunst sein kann, zeigt die US-Künstlerin und Landschaftsplanerin Alexandra Toland, zu deren Installation neben einem Urban Gardening-Bereich auch vier Mikroskope gehören. Unter ihnen können die Besucher sehen, wie viel Verkehrsstaub Blumen an vielbefahrenen Straßen aus der Luft filtern. Ökologische Wissenschaft und Blütenlese berühren sich.

Dem entsprechend bestehen die offenen Blüten und Pusteblumen in Tolands Garten auch gar nicht aus Biomasse, sondern aus Putztuchstreifen, Draht, Mikrofasern und Reinigungsbürsten. An den Wänden hängen, neben Fotos von einem wissenschaftlichen Projekt zum gleichen Thema, auch Digitaldrucke von Pflanzenzeichnungen, die mit Hilfe von Staubpigmenten entstanden.

Historisch beginnt "Lasst Blumen sprechen" mit der Pop-Art, namentlich mit Andy Warhol, der sich das durch die Abstraktion verpönte Motiv wieder aneignete. Auf Schloss Moyland ist ein Siebdruck-Zyklus von Warhol zu sehen – und, ganz konsequent, ein Abklatsch des Abklatsches als Tapete. Daneben: Peter Voigts "00/7" (2000).

Ausgehend von der Pop-Art, setzt sich Voigt vor allem mit formalen Darstellungen des Floralen in verschiedenen Medien auseinander. Das hat er mit Gerhard Richter gemein, der ebenfalls nicht nach der Natur malt, sondern nach fotografischen Vorlagen. Die Ausstellung präsentiert das allererste Bild, in dem sich Richter mit dem Blumenmotiv auseinandersetzte.

Von hier aus führt ein direkter Weg zu Richters Meisterschülerin Karin Kneffel, die inzwischen an der Münchner Kunstakademie selbst eine Meisterklasse hat. Auch sie spielt mit unserer Reflexion und Wahrnehmung, vor allem durch die verwirrende Spiegelung von Innen- und Außenräumen. Wo dieser hyperrealistische Blumenstrauß letztendlich "steht", ist völlig unklar.

Klar ist, wo die Iris und Calla standen, die Norbert Tadeusz auf die Leinwand brachte: In der Vase in seinem Atelier nämlich, und vor dessen Fenstern. Aber das ist eigentlich belanglos. Imposant ist vielmehr, wie Tadeusz, dem die Ausstellung einen ganzen Raum widmet, die Natur im überdimensionierten Großformat in Kunst überführt – und dabei doch alles in der Schwebe hält.  

Auf die hehren Klischees, die die Blume als Ausdruck von Liebe, Leben und Schönheit in den Himmel heben. zielt Jörg Immendorfs frühe Mixed-Media-Arbeit "Für alle Liebenden in der Welt" (1967): Sie erdet diese Vorstellungen wieder. Ebenso wie der Ausstellungstitel "Lasst Blumen sprechen". So heißt ein Multiple von Beuys, aber auch ein Werbespruch von "Fleurop" aus den 70ern.

Peter Dreher hat seine Kleeblumen im Glas sicher nicht nur an Mutter- und Valentinstagen gemalt, dafür aber konsequent über Jahrzehnte, immer wieder. Dutzende seiner fast identischen Bilder hängen in der Ausstellung. Mit seiner Serie illustriert Dreher die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens, spielt aber hintergründig auch mit den Begriffen von Zeit und Dauer.

Dem Spiel mit Natur und Zeit ist auch Hiroyuki Masuyama mit seinen imposanten Leuchttableaus verpflichtet. In der Ausstellung hängen zwei davon, eine fast zehn Meter lange Blumenwiese schuf der Japaner 2016 speziell für Schloss Moyland. "Komponierte" wäre vielleicht das bessere Wort. Denn die hier simultan gezeigten Pflanzen blühen eigentlich über das Jahr verteilt.

Weder blühen noch vergehen können die Rosen, die Ottmar Hoerl ebenfalls für "Lasst Blumen sprechen" schuf: Sie sind aus Plastik. Und damit leicht genug für Kinderhände. Die im Kutschenrondell vor Schloss Moyland platzierte Installation wurde von Kindern einer Grundschule aus Kleve gelegt. Ganz ohne sich einen Kopf zu machen über eine "optimale" räumliche Verteilung.

Unschuld und Verfremdung, freie Natur und menschlicher Zwang: Für dieses Changieren findet Marijke van Warmerdam ein eindringliches, rätselhaft bleibendes Bild. In ihrer Videoinstallation "Rrrolle-red" und "Rrrolle-blue" von 2011 schlagen zwei Papageien auf der Stange endlos ihre Kapriolen. Bezeichnenderweise über einem Tulpenfeld, wie sich das bei einer Künstlerin aus Amsterdam gehört.

Überhaupt, der Gegensatz von Tier und Pflanze – gilt es den nicht endlich aufzuheben? In ihrem "Golden Still Life" (2016) hat Chiara Lecca diesen Gedanken speziell für Schloss Moyland aufgegriffen: Ihr ausladender Blumenstrauß steht auf einem barocken Tisch. Seine Blüten bestehen allerdings aus Tierfell. Auch Exkremente sollen verarbeitet sein. Riechen tut man glücklicherweise nichts. Aber eben auch keinen Duft.

An der Wand daneben hängen die Tierpflanzen-Doppelwesen Leccas wie in einer großbürgerlichen guten Stube. Die vom Menschen domestizierte Natur ist in jeder nur erdenklichen Form eben schon zum häuslichen Schmuck verkommen. Vermeindliche Wildheit wird repräsentativ hinter Glas gerahmt.

Aber was ist heute noch Natur? Anja Ciupka stellt diese Frage in einer Installation, die echte Blumen aus dem Baumarkt auf einem Styroporgestell präsentiert. Spätestens nach dem Gang durch die Ausstellung wird deutlich: Die Schönheit dieser Blumen ist in unseren Tagen kein Verdienst der Evolution, sondern Ausdruck von Züchtung, exotischer Sehnsucht und Geschmack.

Fast schamhaft verstecken sich dem entsprechend Luc Tuymans "Flowers" (1993) hinter Ciupkas Baumarkt-Blumen-Styropor-Bouquet: ein zarter Hinweis darauf, dass der Maler der allgegenwärtigen Bilderblumen-Flut, die Warhol noch reizte, eine ausschnitthafte Verschleierungstaktik entgegensetzt. Entgegen dem Titel ist eben das nicht zu sehen, was unserer Meinung nach die Blumen ausmacht: ihre Blüte.

So zeigt Tuymans auf seine zurückhaltende – und durch die Kuratoren genauso präsentierte – Art, was uns "Lasst Blumen sprechen" sagen will: Dass über Blumen auch in der Gegenwartskunst das letzte Wort immer noch nicht gesprochen ist. Hier "Hortus Consciusus" (2003), Blumensprachen-Selbstporträts von Marion Schmückle.

"Lasst Blumen sprechen! Blumen und künstliche Natur seit 1960" ist noch bis zum 23. Oktober 2016 im Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau bei Kleve zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog erschienen. Im Bild: Klaus Staecks Edition von Joseph Beuys‘ Multiple "Lasst Blumen sprechen". Für 80 Cent pro Stück im Museumsshop zu haben.

Stand: 24.06.2016, 12:07 Uhr