"Geheimes Museum" im Kreis Unna entdeckt

"Geheimes Museum" im Kreis Unna entdeckt

Im Kreis Unna ist das Lebenswerk eines bislang völlig unbekannten Künstlers entdeckt worden.

Erwin Hapke schuf Tausende von Faltfiguren aus Papier und Metall, die er in seinem Haus wie in einem Museum arrangierte. Entdeckt wurden die Kunstwerke erst jetzt, nachdem Erwin Hapke im Alter von 79 Jahren gestorben war. Der Künstler, der ursprünglich Biologe war, hatte vier Jahrzehnte in völliger Abgeschiedenheit gelebt. Sein Neffe, der Kölner Philosoph Matthias Burchardt, sagte im WDR, er wolle den Nachlass seines Onkels nun gemeinsam mit einem Team aus Künstlern und Kunsthistorikern sichten, dokumentieren und für die Nachwelt aufbereiten.

Die gefaltete Welt des Erwin Hapke

Von Thomas Köster

Er lebte 40 Jahre völlig einsam und faltete sich seine eigene Welt: Erwin Hapke schuf hunderttausende Faltfiguren aus Papier und Metall und arrangierte sie in seinem Haus bei Unna wie in einem Museum. Erst jetzt, nach seinem Tod, wurde seine Kunst entdeckt - ein exklusiver Fotorundgang.

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

Hinter dieser unscheinbaren Haustür einer ehemaligen Schule in einem kleinen Dorf im Kreis Unna lagert ein unglaublicher Kunstschatz. Er konnte in dieser Fülle nur entstehen, weil sich der Bewohner des Hauses, der jetzt mit 79 Jahren gestorben ist, über 40 Jahre konsequent der Außenwelt verweigerte. Der zugeklebte Briefkasten zeigt es schon draußen, drinnen entfaltet sich eine eigene Welt.

Hinter dieser unscheinbaren Haustür einer ehemaligen Schule in einem kleinen Dorf im Kreis Unna lagert ein unglaublicher Kunstschatz. Er konnte in dieser Fülle nur entstehen, weil sich der Bewohner des Hauses, der jetzt mit 79 Jahren gestorben ist, über 40 Jahre konsequent der Außenwelt verweigerte. Der zugeklebte Briefkasten zeigt es schon draußen, drinnen entfaltet sich eine eigene Welt.

Schon im Hausflur hängen Unmengen an gefalteten und geschnittenen Figuren, die teils mit simplen Klebestreifen auf Karton an die Wand geklebt sind: Variierte Grundformen von rätselhaften Mustern, deren Ordnung man auch nach längerer Betrachtung nicht richtig durchschauen kann.

Vom Erdgeschoss über die erste Etage bis zum Dachboden haben diese einfarbigen oder bunten Objekte das Schulhaus seit den frühen 1980er Jahren in Besitz genommen und so die Räume zu einer riesigen Installation gemacht. Zugleich sind sie Dokumente einer Lebensgeschichte, die vermeintliches biografisches Scheitern in überaus lebendige Kunst verwandelt. Dabei ist alles noch so, wie der Verstorbene es hinterlassen hat.

Geschaffen wurden die Objekte von Erwin Hapke, einem promovierten Genetiker, der wohl an der Entschlüsselung der DNA beteiligt war, in den 1970er Jahren seinen Job verlor und sich, völlig verarmt, ins elterliche Haus bei Unna zurückzog. Versorgt wurde er schließlich von der Schwester aus dem Nachbarort, die ihm Lebensmittel brachte. Und über das Telefon erreichbar blieb. (Nur das Porträt ist hier fürs Foto arrangiert.)

Entdeckt wurde der Werkkomplex nach der Beerdigung Hapkes im April 2016 von seinem Neffen, dem Kölner Philosophen Matthias Burchardt. Auch von ihm hatte sich der Künstler vor vielen Jahren aus unerfindlichen Gründen zurückgezogen. "Bestürzend und faszinierend zugleich" sei es gewesen, sagt Burchardt, "ein ganzes Außenseiterleben als gefaltete Zeit vorzufinden".

Seinen Onkel beschreibt Burchardt als Universalgelehrten, der zeitweise einen Raben auf der Schulter trug und mit dem er über alles Erdenkliche habe reden können. "Als es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, hat er sich auch medizinisch versorgt, wie er es in Büchern gelesen hatte. Weil er weder sozial- noch krankenversichert war."

In der Hausbibliothek des Onkels finden sich auch Bücher auf Japanisch. Vielleicht hat er sich auch die klassische Sprache der Papierfaltkunst in den Tagen des Alleinseins selbst beigebracht. Mit traditioneller Origami hat dies alles nur bedingt zu tun. Schon alleine, weil Schere, Schachtelungen und Stecknadeln in seinem Werk nicht verboten waren.

Vielmehr ging es Hapke offensichtlich darum, aus einem Repertoire möglicher Faltungen Grundformen herauszubilden, die dann in immer neuen Varianten genutzt und in immer neuen Serien zusammengestellt werden konnten. Eine Arbeit mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch, die den Biologen und Künstler Hapke zusammenbrachte.

Auslöser der Kunstproduktion war neben der Arbeitslosigkeit Ende der 70er Jahre auch der Rückzug des ebenso charmanten wie jähzornigen Charakters in die selbstgewählte Isolation. Wobei sich der Wunsch nach Familie durch Bilder vor allem der geliebten Großeltern, die in die Arrangements oft mit einbezogen werden, deutlich widerspiegelt.

Nur einmal habe sein Onkel das Haus noch verlassen, sagt Burchardt: Beim Tod seiner Mutter, im Jahr 1996. Da sei er mit dem Rad zu einem letzten Besuch nach Dortmund gefahren. Das Rad steht immer noch auf dem Speicher, ein stummer Zeuge eines einsamen Lebens. Natürlich umgeben von Falt- und Schnittkunst.

Überhaupt sind viele Inszenierungen im Hause biografischer Natur. Wie die zahlreichen Dorfarchitekturen aus Papier, in denen sich der 1937 geborene Hapke die Kindheit jenes Hofs in Ostpreußen gleichsam zurückerfaltete, von dem er mit der Mutter und den drei jüngeren Geschwistern 1945 vor der Roten Armee geflohen war.

Als Außenseiter und Flüchtling muss sich Hapke auch später empfunden haben. Mit Steinen beworfen und als "Russen" beschimpft, lebte die Familie noch lange in Flüchtlingsunterkünften etwa in Süddeutschland, bis sich die Eltern Wilhelm und Erna Hapke 1965 das ehemalige Schulhaus im Kreis Unna – und damit ein erstes Stück neuer Heimat – kaufte.

Und zeigen nicht viele der gefalteten Szenen Menschen auf der Flucht? So jedenfalls hätte es die Frau eines Dokumentarfilmers, selbst Flüchtling vom Balkan, dies gesehen, sagt Burchardt, der nach der Beerdigung einigen Freunden das Haus zeigte. "Mit jedem Menschen, mit dem ich durch die Räume gehe, entdecke ich noch einmal andere Sachen, was für mich den Wert des Werkes unterstreicht."

Andererseits entziehen sich die Faltfiguren, die zum Teil wie Zinnsoldaten auf einem imaginären Schlachtfeld in riesigen Wimmeltableaus gruppiert sind, einer eindeutigen Interpretation. Nicht alles ist biografisch zu manifestieren. Letztendlich ist es dem Betrachter selbst überlassen, hier Ordnung und Sinn zu schaffen.

Das gilt auch für jene seltsamen Mischwesen aus Metall, die in der Werkstatt des Vaters im Garten entstanden und nun den Dachboden bevölkern. Kraftvolle, dynamische, teils monströse Figuren, die davon zeugen, dass Hapke, der vor seinem Biologiestudium eine Schlosserlehre machte, auch die nicht gerade triviale Blechfaltung beherrschte.

Andere Figuren, die mit ihren Kopftüchern an ostpreußische Bäuerinnen oder Ordensschwestern erinnern, scheinen der verlorenen Zeit buchstäblich hinterher zu trauern. Oder sind das nur willkürliche Deutungen, die sich im vom traurigen Schicksal ihres Schöpfers ergriffenen Auge des Betrachters widerspiegeln? Wer weiß das schon.

Mindestens ebenso faszinierend wie die Faltobjekte aus Papier und Metall sind die filigranen Zeichnungen, auf denen Hapke abstrakte Muster und seltsame Roboterwesen festhielt. Auch sie sind, auf Papier oder Folie, zu Hunderten in über das Haus verteilten Stapeln zu finden. Ob sie sich nachfalten ließen, müsste sich noch erweisen.

Zu einigen Exemplaren seiner Faltkunst hat Hapke detaillierte Gebrauchsanweisungen gezeichnet, die offenbar auch zur Veröffentlichung bestimmt waren. Darüber hinaus findet sich im Haus ein großer Bestand an Blättern, die in allen nur erdenklichen Weisen "vorgefaltet" sind. Für Faltkunst-Schüler, zu Übungszwecken?

Vielleicht plante Hapke ja sogar, sein Einsiedlerdasein irgendwann einmal auf- und sein Wohnhaus als Museum der Öffentlichkeit preiszugeben? Als Künstler verstand er sich offensichtlich allemal, wie sich an seinen roten Initialen in einem Meer weißer Faltbuchstaben ablesen lässt.

Und dann sind die Spitzen mancher Metallmonster unter dem Dach auch noch mit Korken versehen. Hörner? Oder vielleicht doch Schutz für Besucher, die Zeit seines Lebens nie kamen?

"Auf jeden Fall erkennen wir in der thematischen und formalen Anordnung eine klare museale Ordnung", sagt auch Matthias Burchardt. Für ihn gibt es auch Ansätze einer Besucherführung durch Beschilderungen, die, wie sorgfältig drapierte Blätter mit Bonmots oder angeklebte Zettel, eigentlich wirklich nur für die Nachwelt gemacht sein können.

Überhaupt ist Hapkes Haus bei aller durch die Umstände bewirkten Melancholie jenseits der überwuchernden Installationen sehr aufgeräumt. Der überwältigende Eindruck des Chaotischen entsteht einzig und allein durch die als überbordend und unübersichtlich empfundenen Ordnungen des Werks. Ein Messie jedenfalls war Erwin Hapke nicht.

Gemeinsam mit einem Team aus Künstlern und Kunsthistorikern will Burchardt den "wunderbaren Nachlass" seines Onkels nun sichten, dokumentieren und für die Nachwelt aufbereiten. In welcher Form, steht noch nicht fest. Denn eigentlich gehört ja alles irgendwie zusammen. Und muss gerettet werden, bevor es zerfällt oder ein Windstoß kommt.

Vielleicht wäre deshalb der scherzhafte Vorschlag der an der Dokumentation des Nachlasses beteiligten Künstlerin Dea Bohde aus Köln die einzige reale Möglichkeit. "Bohde hat vorgeschlagen, das ganze Haus abzubauen und Eins zu Eins auf der Documenta wieder aufzubauen", sagt Burchardt.

Erwin Hapke kann das Engagement nicht mehr miterleben. Er erfror im April 2016 nach einem Sturz im eigenen Haus. Weil er aus Sparsamkeit darauf verzichtete, die vom Vater selbst entwickelte Heizung mit Pressholz in Gang zu setzen. Ihr skulpturaler Körper ist ein kleines Indiz dafür, woher Hapkes Einfallsreichtum kam.

Fest steht, dass die Aufbereitung von Hapkes vor zwei Monaten erst entdecktem Gesamtkunstwerk noch ganz am Anfang steht. Den Beteiligten ist zu wünschen, dass es in einer Weise geschieht, die diesem schillernden, einsamen, völlig "unnormal" getakteten und in seiner künstlerischen Entfaltung unglaublich konsequenten Leben angemessen ist.

Stand: 07.06.2016, 13:47