Ich als Spiegel. Katharina Sieverding in Bonn

Ich als Spiegel. Katharina Sieverding in Bonn

Von Thomas Köster

Mit ihren ungewöhnlichen Selbstporträts gehört Katharina Sieverding aus Düsseldorf zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Dass das eigene Gesicht dabei stets als Projektionsfläche für die Welt funktioniert, zeigt jetzt eine Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn.

Katharina Sieverding. Kunst und Kapital, Bundeskunsthalle, Bonn 2017 (Ausstellungsansicht)

"Das Gesicht erschien mir als naheliegendstes Medium der Selbstreflexion", sagt Katharina Sieverding. Mit verfremdeten, teils mit der Unschärfe spielenden Großformaten, die zum überwiegenden Teil auf Polaroids und Passbildern aus ihrer Frühzeit als Künstlerin in Düsseldorf basieren, schaffte sie es an die internationale Spitze. In der Bonner Bundeskunsthalle zeigt eine umfassende Retrospektive mit Arbeiten aus 50 Jahren, warum.

"Das Gesicht erschien mir als naheliegendstes Medium der Selbstreflexion", sagt Katharina Sieverding. Mit verfremdeten, teils mit der Unschärfe spielenden Großformaten, die zum überwiegenden Teil auf Polaroids und Passbildern aus ihrer Frühzeit als Künstlerin in Düsseldorf basieren, schaffte sie es an die internationale Spitze. In der Bonner Bundeskunsthalle zeigt eine umfassende Retrospektive mit Arbeiten aus 50 Jahren, warum.

Für ihren berühmt-berüchtigten, 16-teiligen "Stauffenberg-Block" (1969) etwa nahm die 1944 in Prag geborene Meisterschülerin von Joseph Beuys eigene Passfotos und rückte sie durch den Titel in die Nähe des Widerstands gegen Adolf Hitler. Viele Kritiker nahmen ihr diese vereinnahmende Bespiegelung des wohl unrühmlichsten Kapitels deutscher Geschichte im vermeintlich Privaten übel.

Sie habe die Fotos verwendet, weil sie "darin etwas erkannt hatte, was mit meiner Elterngeneration zu tun hat", gab Sieverding 2016 im Gespräch mit der Fotografin Herlinde Koelb, den "Stauffenberg-Block" betreffend, an. In vielen Arbeiten geht es um derlei mitunter schwer zu entziffernde Bezüge und vielschichtige Reflexionen, die auch der Ausstellungstitel "Kunst und Kapital" assoziiert. ("Maton", 1969-1972)

Ob diese Strategie aufgeht, kann jetzt jeder in Bonn für sich selbst entscheiden. Auf jeden Fall offenbart sie das Verfahren der Künstlerin, ihr Gesicht und ihren Körper nicht als Ausdruck einer narzistischen Persönlichkeit zu verwenden, sondern, im Gegenteil, durch diverse Verfremdungen zur abstrahierten Projektionsfläche von Politik, Geschichte und Gesellschaft zu machen. ("Kontinentalkern", 1983-1990)

"Ich wollte Dokumentaristin, Zeitzeugin sein", sagt Sieverding dementsprechend. Vor allem aber geht es ihr immer wieder auch um sozial bedingte Geschlechterrollen – um die Differenz von Weiblichem und Männlichem, die sie in der Totalen ihrer Kunst aber immer wieder auch zu überwinden sucht. Die Wirklichkeit ist eben immer unterschiedlich. ("Großfotos", 1975-1979)

In der Bundeskunsthalle sind auch die eindrucksvollen "Steigbilder I-IX" zu sehen, die Sieverding 1997 im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig präsentierte. Röntgenaufnahmen menschlicher Schädel und wissenschaftlichen Tomografien sind hier gekoppelt mit Fotos aus den Massenmedien, um die Vielschichtigkeit des "Menschenbildes" in der Gesamtschau künstlerisch auszuloten.

"Kein Bild ist denkbar ohne die Gesamtheit aller Bilder, die in der Welt sind", sagt Sieverding. Dass dieser Satz durchaus auch im Sinne einer privaten Mythologie funktioniert, verdeutlicht in Bonn nicht zuletzt das aus 336 Schwarzweißfotografien komponierte Stakkato der Fotoarbeit "Motorkamera" (1973/74), das mit Selbstauslöser entstand und die Künstlerin mit ihrem Lebensgefährten Klaus Metting zeigt.

Dabei geht es Sieverding nach eigener Aussage darum, inmitten der inzwischen digitalen Fotoflut "den Wahrheitsgehalt der Bilder" aufzuspüren. Ihr Verfahren der Reihung und Verfremdung zielt darauf ab, "klare Bilder zu machen" - auch vom Verborgenen der Wirklichkeit. Wie auf den "Kristallisationsbildern" von 1992, die Kristallisationsprozesse mit kapillarem Blut durch den Zusatz von Kupferchlorid zeigen.

Besonders eindrucksvoll sind Sieverdings Fotografien in Kombination mit ihren Videoarbeiten, die in der Ausstellung großflächig an die Wand geworfen werden. Die Idee der Künstlerin, dass sich der Betrachter wie bei ihren Großformaten "in den Raum projizieren" solle, ist hier am besten umgesetzt. So bei der Arbeit "Maton", die zwischen 1969 und 1972 entstand …

… von der zwei Fotoserien zu sehen ist. Hier wird in der schier unendlich wirkenden Modifikation von Bildern, die ursprünglich in der anonymen Atmosphäre des Fotoautomaten (französisch "Photomaton") entstanden, in der Art von Filmstreifen eine Chronologie, Bewegung und Dramaturgie suggeriert, die der Betrachter selbst schaffen muss.

Eher beruhigend ist der Raum, in dem Sieverding ihre Arbeit "Die Sonne um Mitternacht schauen" zeigt, die die suggestive Strahlkraft des Werks generell illustriert. Hier griff Sieverding auf frei zugängliches Material der Nasa zurück. In der Bundeskunsthalle kann der Betrachter so in die sich langsam verändernde Sonnenoberfläche tauchen. Einmal hochaufgelöst in Rot …

… und einmal auf der gegenüberliegenden Seite, verschwommen-neblig, in befremdlich erdähnlichem Blau, über dem der Projektor wie eine zweite Sonne aufgeht. So öffnet sich "Die Sonne um Mitternacht schauen" buchstäblich zum kontemplativen Reflexionsraum, in dem man über das Leben und die Welt meditieren kann.

"Katharina Sieverding. Kunst und Kapital. Werke von 1967 bis 2017" ist noch bis zum 16. Juni 2017 in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Der begleitende Katalog glänzt durch viele Abbildungen, schreckt aber durch teils schwer zugängliche Beiträge ab, die Sieverdings brisante Kunst beizeiten leider noch mehr verklären. ("Life-Death", 1969)

Stand: 10.03.2017, 15:03 Uhr