Teller von Teller: "Enjoy Your Life!" in Bonn

Teller von Teller: "Enjoy Your Life!" in Bonn

Von Thomas Köster

Kim Kardashians Hinterteil und greise Modells: Jürgen Teller gehört zu den provokantesten und gefragtesten Mode- und Promifotografen der Welt. Sein Oeuvre zeigt jetzt die Bundeskunsthalle. Mit älteren Werken, mit neueren Teller-Fotos im doppelten Wortsinn - und mit einer Einstimmung auf die EM.

Jürgen Teller, Enjoy Your Life!, Bundeskunsthalle Bonn 2016 (Ausstellungsansicht)

Bekannt wurde Jürgen Teller 1991 mit seinen Tour-Fotos einer damals noch unbekannten Grunge-Band namens Nirvana und ihres Sängers Kurt Cobain. Inzwischen gehört er zu den gefragtesten Modefotografen der Welt. Kommerz, Kunst, Kitsch und inszenierter Dilettantismus feiern auf seinen Bildern fröhliche Urstände. Wie man jetzt in Bonn anhand von frühen und aktuellen Werken bestaunen kann.

Bekannt wurde Jürgen Teller 1991 mit seinen Tour-Fotos einer damals noch unbekannten Grunge-Band namens Nirvana und ihres Sängers Kurt Cobain. Inzwischen gehört er zu den gefragtesten Modefotografen der Welt. Kommerz, Kunst, Kitsch und inszenierter Dilettantismus feiern auf seinen Bildern fröhliche Urstände. Wie man jetzt in Bonn anhand von frühen und aktuellen Werken bestaunen kann.

Dabei wird deutlich, wie viel künstlerische Freiheit Teller auch bei Auftragsarbeiten hat. Möglich wird dies durch die oft jahrelange Freundschaft, die ihn mit Modells wie Kate Moss oder Modedesignern wie Vivienne Westwood verbindet. Das schafft offenbar Vertrauen, mit längst etablierten und bewährt erscheinenden Klischees der Modefotografie zu brechen. Im Bild: Die "Kampagne für das Pariser Label "Celine" von 2015.

Die Fotos in Bonn stammen aus verschiedenen Phasen des in London lebenden Künstlers. Erstaunlich, wie sich die Modelle von ihm buchstäblich zum Affen machen lassen. Auch hier ist das vermeintlich Banale, im Grunde aber Verstörende das Ergebnis einer intensiven Arbeit mit dem Porträtierten, der Umgebung und den Requisiten. Unterstützt durch die Collage mehrerer Motive.

Heute ist Teller vor allem aber auch für seine freien Arbeiten bekannt, die er für Zeitschriftenserien oder Ausstellungen oftmals in Serien gruppiert. Mit aggressivem Blitzlicht oder aus vermeintlich unglücklichem Schnappschusswinkel geschossen, stellen sie Klischees unserer Bildwahrnehmung bloß. Und entwickeln gerade daraus ihre Kraft.

So hinterfragt er nicht nur Sehgewohnheiten, sondern durch die verblüffende, unerwartete Sicht auf Prominenz auch das allgemeine Verständnis von Ästhetik, Schönheit und Präsentation, Distanz und Nähe. Und bringt auch sich immer wieder ein. Hier als Teller-Puppe. Und als realen Teller - ein Wortspiel, dass seine neue Werkgruppe und die Bonner Ausstellung wie ein roter Faden durchzieht.

"Mode", sagt Teller. "Ich liebe und ich hasse sie. Brauchen tue ich sie auf jeden Fall." Wie die Berühmten, wobei in der Auseinandersetzung Humor eine wesentliche Rolle spielt. Kim Kardashians längst kultigen Hintern zeigt er so, wie ihn selbst die 72,1 Millionen Instagram-Follower des Reality-Soap-Sternchens noch nicht sahen.

Zärtlich und liebevoll hingegen erscheinen die Porträts von Mutter Inge, die im heimatlichen Bubenreuth in Mittelfranken entstanden. In Bonn ist unter anderem die Serie "Irene im Wald" zu sehen, die 2012 als Beilage der Zeitschrift "The Journal" erschien. Das Provinzielle spielt bei Teller immer eine Rolle.

Zu den privaten Momenten in seinem Werk gehört auch der Fußball: Eine Leidenschaft, die ihn mit seiner Mutter und seinem Sohn verbindet. Und dieser Chinesin, die dem Bayernspieler Thomas Müller auf "FC Bayern Munich No. 17, China 2015" ihre Liebe gesteht. Wie die meisten Fotos und Collagen ist es einfach mit Stecknadeln an die Wand gepinnt.

In Bonn ist "Siegerflieger" zu sehen: eine Serie von Bildern, die Teller an jenen Orten ablichtete, wo er die WM-Spiele 2014 sah. Und eine riesige Fototapete, die ihn mit seinem Sohn im Kreis von Freunden beim Bejubeln deutscher Siege zeigt. Privatsphäre im Public-Viewing-Format.

Tatsächlich gehört die scham- und schonungslose Selbstinszenierung zu seinem Werk seit eh und je dazu. Auslöser für dieses Bild aus der neuen Serie "Plates" war laut seinen Angaben nicht zuletzt die versuchte Vergewaltigung eines Eseltreibers, der ihm bei einem Türkeibesuch in den 80er Jahren an der syrischen Grenze zu Leibe rückte.

Ein Leben auf dem "Präsentierteller" - da verwundert es nicht, dass er für zwei neue Serien nicht nur Teller ablichtet, sondern auch zu Bildträgern früherer Motive macht - und danach teils selbst wieder fotografisch in Szene setzt. Dass es ihm dabei abermals gelingt, aus einem banalen Wortspiel verstörende Kunst zu machen, versteht sich fast von selbst.

So kann man auch Tellers Klassiker auf Tellern neu entdecken. Auf eine etwas platte, aber auch sehr witzige Art. Hier der Kinderteller, der den Titel der Ausstellung "Enjoy Your Life!" wohl am besten zum Ausdruck bringt, als Serviervorschlag.

"Jürgen Teller. Enjoy Your Life!" ist noch bis zum 25. September 2016 in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen, danach in Prag und Berlin. Zur Ausstellung ist auch ein umfangreich bebilderter Katalog erschienen, in dem nicht zuletzt die leider viel zu wenigen Stellungnahmen von Freunden und Wegbegleitern Tellers lesenswert sind.

Stand: 09.06.2016, 08:00 Uhr