Sex and Crime und Poesie. Jürgen Klauke in Brühl

Sex and Crime und Poesie. Jürgen Klauke in Brühl

Von Thomas Köster

Jürgen Klauke kennt man vor allem als Foto-Inszenierer seiner selbst. Im Max Ernst Museum in Brühl sind jetzt die Zeichnungen des Kölner Künstlers aus 40 Jahren zu entdecken. Großartig, witzig, poetisch - und ein bisschen mit Schockfaktor.

Jürgen Klauke. Selbstgespräche, Max Ernst Museum, Brühl 2017 (Ausstellungsansicht)

Bekannt wurde Jürgen Klauke vor allem als Wegbereiter der inszenierten Fotografie und Pionier der Body-Art. Dabei ist es eigentlich die von ihm so genannte "Zeichnerei", die als Hinterfragung des eigenen Ichs sein gesamtes Wirken überspannt. Dies kann man jetzt in der frisch aufgebauten Retrospektive "Selbstgespräche" im Max Ernst Museum eindrücklich nachvollziehen.

Bekannt wurde Jürgen Klauke vor allem als Wegbereiter der inszenierten Fotografie und Pionier der Body-Art. Dabei ist es eigentlich die von ihm so genannte "Zeichnerei", die als Hinterfragung des eigenen Ichs sein gesamtes Wirken überspannt. Dies kann man jetzt in der frisch aufgebauten Retrospektive "Selbstgespräche" im Max Ernst Museum eindrücklich nachvollziehen.

"Zeichnen scheint mir die autonomste, freieste und unmittelbarste künstlerische Handlungsform neben dem experimentellen Denken", sagt der 1943 geborene Künstler, der heute in Köln lebt. "Ich allein im Raum und vor mir nur das Papier. Vorstellungskraft, Einbildungskräfte, verschwommene Wahrnehmungsfelder des Unterbewusstseins werden abgerufen." Vielleicht hält diese Gouache, die den Besucher der Schau empfängt, den Gedanken am schönsten fest.

In Brühl sind nun 444 Arbeiten Klaukes aus 40 Jahren zu sehen, die sich wie die Fotos kritisch mit - nicht zuletzt sozial bedingten - Geschlechteridentitäten auseinandersetzen - und diese auch auszuhebeln versuchen. Oder, in den Worten des Künstlers: "Ich sehe die Kunst als Ausdruck von Freiheit, dem Leben zugewandt." Entsprechend "offen" ist die Ausstellungsarchitektur.

Dass "Leben" dabei vor allem auch Freizügigkeit und Sexualität bedeutet, illustrieren schon Klaukes frühe "Tageszeichnungen" aus den 1970er Jahren, bei denen sich erotisch-pornografische Vorstellungen mit vergleichsweise verhaltenen Gewaltphantasien mischen. Hier ein Beispiel aus der Serie "Sekunden" (1975/76).

Offen und verschlüsselt findet sich Erotisches und Homoerotisches auch in der Serie "Entlang der Cioran-Linien" wieder. Hier versucht Klauke, das aphoristische Prinzip des rumänischen Pessimisten E.M. Cioran ("das Gerüst des 'Wirklichen' untergraben") in freie, energetische "Zeichnerei" zu überführen.

"Ein Buch muss Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen", zitiert Klauke auf einem seiner Bilder einen Aphorismus Ciorans. "Ein Buch muss eine Gefahr sein." Das gleiche Selbstverständnis steht hinter Klaukes eigenen Künstlerbüchern, von denen in Brühl als aktuellestes Beispiel "Körperzeichen / Zeichenkörper" von 2013 an die Wand geworfen ist.

Hier spiegelt sich das Beengende, aber auch die Freiheit des Geschlechtlichen in stark reduzierten, betont flächig und fließend komponierten Grafiken, die einen stilistisch ganz anderen, ein wenig an Tomi Ungerer erinnernden Klauke zeigen. Wie das Frühwerk, so irritieren sie in ihrer Drastik auch heute noch. Getreu dem Motto, dass Kunst "beim Betrachter zu Bewusstseinskrisen führen" solle.

So schlägt die Brühler Schau über die Erotik einen thematisch geklammerten Bogen über vier Jahrzehnte. Motivisch wird sogar eine Brücke zu den zwar ausgesparten, aber doch immer mitzudenkenden Fotos des Künstlers geschlagen. Tische, Stühle, Hüte, Tücher: Die Accessoires von Klaukes Fotoinszenierungen sind in der Gouachenreihe "Stottern + Stammeln / Länglich" (1992/93) alle da.

Neben den Gouachen sind die großformatigen Tuschezeichnungen Klaukes - im Hintergrund ein Beispiel aus "Ein Moment wie ein Zungenschlag" - der eigentliche Star. In ihnen geht die Schrift in fast unleserliche Ornamentik über und der zeichnerische Strich wird zur Bilderschrift. Das ist schon ziemlich großartig gemacht.

"Mit den unauflöslichen Konflikten mit uns selbst und dem damit verbundenen 'schönen Scheitern'" wolle sich seine Kunst beschäftigen, sagt Klauke. In den Tageszeichnungen der Rubrik "Philosophie der Sinnlosigkeit" (1975/76) wird dieses immergleiche Scheitern wild-melancholisch in gezeichneten Text überführt. Das für Klaukes gesamte "Zeichnerei" so typische Changieren von Schrift und Bild schlägt hier ins andere Extrem.

Und dann gibt es noch einen Aspekt in Klaukes Werk, der in Brühl immer wieder durchscheint: sein auch mit rheinländischen Einsprengseln durchmischter Humor. Am deutlichsten wird dies in der Serie "Kappes-Köppe nach allen Regeln der Kunst" (1978), die mit oft deftigen Texten illustriert ist. Subtiler ist es anderswo.

"Ich kann nicht übersehen, dass wir in einer Welt voller Gewalt, Zynismus und Mittelmäßigkeit leben", sagt Klauke. "Gleichzeitig erfahre ich auch die andere Seite. Von beiden Teilen lassen meine Arbeiten hoffentlich etwas ahnen, von der grotesken Unzulänglichkeit des Daseins." In Brühl lässt sich anhand der Zeichnungen beurteilen, wie gut ihm diese ambivalente Darstellung gelungen ist.

"Jürgen Klauke. Selbstgespräche. Zeichnungen 1970-2016" ist noch bis zum 16. Juli 2017 im Max Ernst Museum in Brühl zu sehen. Zur Ausstellung ist nicht nur ein Katalog, sondern auch eine sehr poetische Heliogravur-Edition nach einem Motiv der Serie "Körperzeichen / Zeichenkörper III" in kleiner Auflage erschienen.

Stand: 24.03.2017, 16:18 Uhr