"Beuys liebte Kleve" - Valentina Vlašić im Gespräch

Das Atelier von Joseph Beuys im Kurhaus in Kleve, 1959

"Beuys liebte Kleve" - Valentina Vlašić im Gespräch

Ab Sonntag (01.05.2016) zeichnet das Museum Kurhaus Kleve Joseph Beuys' "Werklinien" in seinem ehemaligen Atelier nach. WDR 3 sprach mit Kuratorin Valentina Vlašić über die Beziehung des Künstlers zu Kleve, das Atelier als Mythos – und einen großen Coup.

WDR 3: Frau Vlašić, Beuys und Kleve: Was war das für eine Beziehung?

 Valentina Vlašić

Vlašić: Beuys liebte Kleve. Obwohl er 1921 in Krefeld geboren worden war, verlagerte er in seinem selbst verfassten Lebenslauf sogar seinen Geburtsort hierhin. Kleve war bis zu seinem 40. Lebensjahr sein Lebensmittelpunkt.

In seinen Werken hat er sich immer wieder auf die imposante Stadtgeschichte bezogen: sei es beim Motiv des Schwans als Kleves Symboltier, sei es beim Umgang mit berühmten Klever Persönlichkeiten wie dem revolutionären Schriftsteller und Freigeist Anacharsis Cloots, den er in einem der bei uns gezeigten Werke, der "Straßenbahnhaltestelle", für die Biennale in Venedig adaptierte.

WDR 3: "Joseph Beuys – Werklinien" stellt erstmals das Atelier des Künstlers im Klever Kurhaus ins Zentrum. Welche Bedeutung hatte es für Beuys?

Vlašić: Beuys bezog das Atelier, nachdem er sich drei Monate lang auf dem Hof der Brüder van der Grinten in Kranenburg von einer schweren inneren Krise erholt hatte. Etwa zeitgleich hatte er den Zuschlag für seine Monumentalplastik "Büdericher Ehrenmal" erhalten. Der Bezug erfolgte also zu einem beruflich wie persönlich wichtigen Zeitpunkt.

Joseph Beuys im Atelier (Links) und das Kreuz des Büdericher Ehrenmals

Beuys im Atelier, Kreuz des "Ehrenmals" im Alten Kirchturm in Büderich

Im Klever Atelier präsentierte Beuys das nahezu fertige Ehrenmal dem Büdericher Gemeindedirektor und dem Oberbauamtsleiter als seinen Auftraggebern, aber auch den Fotografen Willy Maywald und Fritz Getlinger, die ikonische Aufnahmen vom Künstler im Atelier anfertigten. Interessant ist, dass diese Fotos den Eindruck einer regen Arbeitsatmosphäre vermitteln.

Beuys beugt sich über das rund drei Meter hohe und auf einer Holzkiste kopfüber abgestellte Eichenholzkreuz, das er mit beiden Händen berührt. Davor steht aufrecht eine Axt, so, als hätte er die Arbeit lediglich kurz für die Fotographen unterbrochen. Dabei ist das "Büdericher Ehrenmal" gar nicht im Atelier entstanden, sondern in den Werkstätten der beteiligten Handwerker nach seinen präzisen Studien.

Joseph Beuys, Sonnenkreuz, 1947/48 (links) und Ohne Titel (Hasenfrau), 1952

"Sonnenkreuz", 1947/48

Zwar war das Klever Atelier für Beuys tatsächlich eine Wirkungsstätte – aber eben nicht nur! Mithilfe seines Ateliers und der beiden Fotografen präsentiert Beuys eine Art visuelles Programm, ein Manifest. Er spielt mit dem Mythos des Ateliers und mit der Vorstellung, dass es sich dabei um ein mythisches Refugium handelt, um ein eigenes Universum außerhalb des Gewöhnlichen, in dem sich Werke stimmungsvoll inszenieren lassen.

WDR 3: Wie beziehen Sie das Atelier und dessen Inszenierung durch den Künstler ins Ausstellungskonzept ein?

Vlašić: Wir haben unsere gesamte Ausstellung rund um das Atelier herum aufgebaut. Dabei spannen die Werke einen Bogen von den studentischen Anfängen unter anderem bei Ewald Mataré an der Düsseldorfer Kunstakademie Ende der 1940er Jahre über die Arbeit als freier Künstler im Klever Kurhaus-Atelier ab 1958 bis hin zur Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie Anfang der 1960er, in der Beuys die Grundlagen für sein späteres Werk entwickelte.

Die Ausstellung präsentiert wichtige Werkgruppen, die entweder im Atelier entstanden sind oder dort ihren Ursprung genommen haben. Dabei werden jene "Werklinien" verfolgt, die eng mit dem Klever Umfeld jener Jahre verbunden sind und von den Anfängen bis zum Spätwerk reichen.

Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle Venedig 1976 (links) und Ohne Titel (Hasenfrau), 1952

"Straßenbahnhaltestelle", Venedig 1976, und" Ohne Tiel (Hasenfrau)", 1952

WDR 3: Worauf sind Sie besonders stolz?

Vlašić: Auf die Präsentation der beiden Monumentalplastiken "Straßenbahnhaltestelle" und "Büdericher Ehrenmal". Letzteres ist ja eigentlich ein fest installiertes Monument. Dass wir es ausleihen konnten, ist nur einer Restaurierungsmaßnahme zu verdanken. So wird es das erste und auch das einzige Mal sein, dass das "Büdericher Ehrenmal" an seinen Entstehungsort nach Kleve zurückkehren kann.

Joseph Beuys, Eiserner Mann, 1961

"Eiserner Mann", 1961

Stolz bin ich aber auch auf die anderen Skulpturen, Skizzenbücher, Zeichnungen, Fotografien und filmischen Aktionen. Insbesondere die Zeichnungen genossen bei Beuys einen ebenso hohen Stellenwert wie die skulpturalen Arbeiten. Für ihn waren sie eine "Verlängerung seines Gedankens": eine Art Reservoir, aus dem er zeitlebens neue Ideen schöpfen konnte. Insofern bin ich auf alle Werke stolz, da sie nur in der Wechselwirkung den inneren Zusammenhang von Beuys‘ künstlerischem Schaffen transportieren können.

Das Gespräch führte Thomas Köster.

Stand: 28.04.2016, 14:23