Kunst und Scham im Marta Herford

Kunst und Scham im Marta Herford

Von Thomas Köster

Verschüchterte Kartoffelhelden, Männer mit aufgesetzten Brustimplantaten und krawallige Kuscheltiere aus Kanada: Im Marta Herford dreht sich alles um die Scham und Schamlosigkeit in der Kunst. Eine mehr als öffentliche Toilette inklusive.

Die innere Haut, Marta Herford 2016 (Ausstellungsansicht)

"Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar." Dieses Bonmot des Wiener Dichters Hugo von Hofmannsthal ist das Motto der Herforder Schau. Künstlerinnen und Künstler scheinen die Schamgrenzen weiter auszuweiten, aber was provoziert heute eigentlich noch? - Die verstörend verletzliche, wächsern wirkende Skulptur der Belgierin Berlinde De Bruyckere jedenfalls ist nur ein Torso.

"Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar." Dieses Bonmot des Wiener Dichters Hugo von Hofmannsthal ist das Motto der Herforder Schau. Künstlerinnen und Künstler scheinen die Schamgrenzen weiter auszuweiten, aber was provoziert heute eigentlich noch? - Die verstörend verletzliche, wächsern wirkende Skulptur der Belgierin Berlinde De Bruyckere jedenfalls ist nur ein Torso.

Versammelt sind über 50 Positionen, die zeigen, wie auf unterschiedliche Art und Weise sich Künstler der unbeholfenen Verlegenheit, der beklemmenden Bloßstellung oder der Verletzung der Intimsphäre nähern. Wer vor Scham im Boden versinken könnte, kommt dabei im Marta auch schon einmal als unendlich einsamer Kartoffelheld wieder aus der Erde zurück.

Tatsächlich findet die Ausstellung für ihr Thema eindringliche, überraschende und sogar lebendige Bilder. Der französische Schlafkünstler Virgile Novarina (hier nach drei Tagen Schlafentzug) schafft eines davon. Er geht zu bestimmten Öffnungszeiten mitten im Marta zu Bett – und lässt sich dabei beobachten, wie er, mit Schlafbrille und Ohropax bewaffnet, das intime Reich der inneren Nacht erkundet, das vielleicht noch unerforschter als die Tiefsee ist.

Wenn Novarina wach ist, zeugt sein Bett schamvoll von seiner Präsenz. Ebenso wie rund 500 Seiten Aufzeichnungen seiner Schlafphasen. Zettel, auf denen der Künstler festhielt, was ihm im Schwebezustand zwischen Träumen und Erwachen spontan in den Sinn kam. Oder die Schlafbrillen aus 22 Jahren Schlafperformances, von denen einige im Marta aufgereiht sind.

Den klassischen Weg über Zeichnung und Skulptur geht Ulrike Lienbacher aus Wien. In ihren filigranen Strichen geht der menschliche Körper fast vollständig in der eigenen Errötung unter. Da können selbst Fingerspitzen peinlich berührt sein. In der Skulptur hingegen arbeitet Lienbacher mit einer Ambivalenz aus Lust und Scham, ...

... die sich erst langsam offenbart. Ihre haptisch äußerst ansprechenden Figuren möchte man sofort in die Hand nehmen - um dann, teils angewidert, festzustellen, dass es sich dabei auch um verfremdete Anspielungen an Geschlechtsteile, Kothaufen oder Gesäßöffnungen handelt.

Manches entpuppt sich dabei auch erst auf den zweiten Blick als schamvolle Geste. So assoziiert diese poetische Arbeit des britischen Künstlers John Isaacs, der eigentlich mit fettleibigen deformierten Figuren von sich reden machte, zunächst die Füße des Gekreuzigten. Bei näherer Betrachtung zeichnet sie aber etwas nach, dass als alltägliche Reaktion auf einen als peinlich empfundenen Vorfall gedeutet werden kann.

"Die innere Haut" ist die Ausstellung betitelt, und wer wissen will, wie das gemeint ist, muss nur das "Selbstporträt als Kind" (2017) des Österreichers Clemens Krauss betrachten. Dessen Abdruck liegt im Marta hyperrealistisch aus Silikon und Echthaar auf dem Boden. Derart geschält, kann man sich vorstellen, kommt die ungeschützte innere Haut nackt und bloß zum Vorschein.

Kindheit und Pubertät - hier bildet sich Schambewusstsein aus, das für Ausgrenzungsgefühle ebenso sorgt wie für soziale Integration. Bruce Gilden hat das Gesicht dieses Schwebezustands auf den Straßen New Yorks brutal direkt festgehalten. Bei "Jamie" (2014) betont der Blitz jeden Pickel. Jamie hält unserem Blick auf die hässliche Seite des Erwachsenwerdens trotzdem selbstbewusst stand.

Er verstehe, dass die Menschen Schwierigkeiten hätten, seine Fotos anzuschauen, sagt Bruce Gilden. "Aber ich verstehe nicht, warum." Dieses Diktum illustriert einen weiteren Aspekt der Herforder Schau, der auf die Scham im Auge des Betrachters abzielt. Erröten wir selbst, wenn wir Errötendes, Aufregendes, sexuell Stimulierendes oder Abstoßendes sehen? (Julian Rosefeldt, "Deep Gold", 2013/2014)

Und trauen wir uns im öffentlichen Raum, unsere Scham gänzlich zu überwinden – und im Museum, vor allen Leuten, sagen wir: aufs Klo zu gehen? Als Vertreterin der auf Schock gebürsteten "Young British Artists" lädt Sarah Lucas alle Besucher dazu ein. Zumindest theoretisch. Denn das Marta hat sich entschlossen, "The Great Flood" (1996) nicht an die Kanalisation anzuschließen.

Überraschend ist die Herforder Schau vor allem dort, wo im Privaten das Politische durchscheint. Dadurch, dass Miriam Cahn ihr großformatiges Gemälde "Mare Nostrum" (2015) nennt, verortet sie die schutzlos nackten Leiber bewusst im Umfeld der Flüchtlingskatastrophe: "Ich möchte, dass die Menschen darüber nachdenken, was gerade abläuft, dass sie meine Kunst persönlich nehmen", sagt die Schweizer Künstlerin.

Subtiler verfährt Oksana Pasaiko in "Short Sad Text" (2004/2005). Die auf ihrer Seife klebenden Haare symbolisieren die Grenzen von 14 Ländern des ehemaligen Ostblocks. Melancholie über Verlorenes schwingt ebenso mit wie das Gefühl über die schmutzigen Geschäfte der Regime, die so schnell nicht wegzuwaschen sind – oder eben viel zu schnell weggewaschen wurden.

So stellt die Ausstellung ganz nebenbei die eigentlich provokante Frage: Lassen wird und angesichts einer pornographisierten Medienwelt, angesichts der Bilderflut von Nacktheit und Elend und Gewalt im Kunstraum überhaupt noch zur Scham verführen? Oft klappt es gut, wie bei Bojan Šarčevićs Silikonzwittermännern. In manchen Fällen lautet die Antwort aber wohl, leider, nein.

So ist es bei Tracey Emin, der vom "Spiegel" gekrönten britischen "Queen of Schamlos", die 1999 ihr stark benutztes Bett samt Kondomen und blutverschmierten Slips in der Londoner Tate ausstellte: "Verpiss dich und stirb, du Schlampe."

Zugegeben: Schön schamvoll im Sinne Hofmannsthals ist das nicht. Trotzdem ist die Herforder Schau gelungen. Denn sie zwingt auf sehr eindringliche – und sehr unaufdringliche – Art und Weise dazu, über persönliche, gesellschaftliche und politische Grenzen und Grenzüberschreitungen nachzudenken. Und ist, wie bei den kotzenden und krawalligen Kuscheltieren des Kanadiers Jon Pylypchuk, beizeiten auch noch hübsch ironisch.

"Die innere Haut. Kunst und Scham" ist noch bis zum 4. Juni 2017 im Museum Marta in Herford zu sehen. Zur Ausstellung ist in inzwischen guter alter Marta-Tradition ein schönes, leider nicht durchgängig illustriertes Booklet erschienen, das die 54 gezeigten Positionen kurz, aber markant erläutert (im Bild: Ulf Aminde, "Lust", 2007).

Stand: 06.03.2017, 11:13 Uhr