Das All im Weltkunstzimmer

Das All im Weltkunstzimmer

Von Thomas Köster

Das Universum passt ja bekanntlich in eine Nussschale. Jetzt ist es in einer kleinen, aber feinen Ausstellung im Düsseldorfer "Weltkunstzimmer" zu Gast. Sechs ungewöhnliche künstlerische Sichten aufs All. Samt Ausblicken auf die Erde. Und einem Einblick in den Mikrokosmos.

Janine Blöß

"In unserer Ausstellung werden Bereiche des Mikro- und Makrokosmos von Künstlern neu interpretiert", sagt Kuratorin Janine Blöß. "Die Grenzen zwischen Wissen und Imagination verwischen." So wie auf Thomas Ruffs Bild vom Mars, vor dem sie steht. Auf der Grundlage von frei zugänglichem Nasa-Material stellt der berühmte Fotokünstler Krater, Risse und Erosionen in den Fokus. Und gibt dem Betrachter das Gefühl, gleich mit dem Raumschiff auf dem roten Planeten aufzusetzen.

"In unserer Ausstellung werden Bereiche des Mikro- und Makrokosmos von Künstlern neu interpretiert", sagt Kuratorin Janine Blöß. "Die Grenzen zwischen Wissen und Imagination verwischen." So wie auf Thomas Ruffs Bild vom Mars, vor dem sie steht. Auf der Grundlage von frei zugänglichem Nasa-Material stellt der berühmte Fotokünstler Krater, Risse und Erosionen in den Fokus. Und gibt dem Betrachter das Gefühl, gleich mit dem Raumschiff auf dem roten Planeten aufzusetzen.

Wer ins Unbekannte vorstoßen will, muss den Verstand ausschalten. Das war von Kolumbus bis Neil Armstrong so. "Loose your mind, so you have something to find" lautet denn auch das Motto von David Fried, der auf dem Gelände des Weltkunstzimmers sein Atelier hat. Auch eines seiner Fotos ist ausgestellt. Der Aufnäher der "Vereinigung schwereloser Künstler" auf seinem Arbeitsoverall stammt allerdings aus einem anderen Projekt.

Frieds Werk setzt sowohl das eigene Motto als auch den "In/Out"-Titel der Ausstellung adäquat in Szene. Mit unbewusstem Blick scheint auf dem Foto mit herabstürzenden Sternen die kosmische Apokalypse herangebrochen. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei "Rainscape No. 1" (2011) allerdings um Regentropfen, die vor Frieds Atelierfenster mit einem extrem starken Blitz aufgenommen wurden. Das will man aber gar nicht wissen.

Frieds Vater war übrigens Fotolaborant in jenem New Yorker Fotolabor, in dem die Nasa in den 1970er Jahren die Fotos ihrer Mondlandungen entwickeln ließ. Mit Bodyguards und mobilen Reißwölfen für Fehlfarbenprints bewaffnet seien die Vertreter der Luft- und Raumfahrtbehörde damals im Labor erschienen, berichtet Fried. In der Dunkelkammer aber sei sein Vater unbeobachtet gewesen – und habe für sich selbst einfach einen Abzug mitgemacht.

Versteckt in einer schwarzen Kiste wurden die belichteten Blätter dann nach Abzug der Nasa-Männer von Frieds Vater in der Dunkelkammer entwickelt. Eine große Auswahl dieser Raub-Abzüge ist in Düsseldorf zu sehen: Dokumente astronautischer Pioniertaten und himmelstürmender Visionen. Und mit hemdsärmelig eingestreuten Fotos, die die Verschwörungstheorie von der irdisch inszenierten Mondlandung zu befeuern scheinen.

Überhaupt: Die Nasa. Der Documenta-Künstler, Designer und Kultreklamefilmer ("Afri-Cola") Charles Wilp war wohl der exzessivste Bewunderer ihrer Taten. Im Weltkunstzimmer sind 20 seiner "Space Mails" zu sehen, die 1993 mit einer Space-Shuttle-Mission der "Columbia" im Orbit waren –  Collagen, geadelt durch die mit eingeschweißte, goldbedampfte Schutzfolie aus der Weltraumforschung.

Im Weltkunstzimmer kann man von einer mit Sesseln und Lichtwechsel-Tisch designten Lounge aus auf die Explosionstrümmer der Rakete "Ariane 5" und des Satelliten "Cluster" blicken. Charles Wilp hat sie 1996 zu einer Skulptur zusammengebracht. In den Augen des Raumfahrtfans hat eben selbst der aus dem All zur Erde zurückgespülte Weltraumschrott seine überirdischer Anmut behalten.

Tatsächlich bekommt aus der Vogel-, besser noch Satellitenperspektive selbst das Schmutzigste auf Erden einen Anhauch von ätherischer Schönheit. Wie bei den Exponaten der Kölner Künstlerin Vera Drebusch, die mit einem Foto des mit Öl verschmierten Meeres nach einer Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bedruckt sind. Gefüllt sind sie mit Federn – vielleicht von ölverseuchten Vögeln? Alles andere jedenfalls als ein sanftes Ruhekissen.

Auch Drebuschs Teppich will einem buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen. Seinem hübschen Farbfeldmuster liegt die Luftaufnahme eines Truppenübungsplatzes in Münster zugrunde, seine Wollfäden wurden per "Tafting"-Druckluftverfahren unter vollem Körpereinsatz pistolengleich in ein Netz geschossen. Der Prozess war laut und aggressiv, das Ergebnis zeigt die Ruhe nach oder vor dem nächsten Sturm. Daher offenbar der Titel: "Enjoy the Silence" (2016).

Ruhig und andächtig erhebt sich auch das nächstliche Las Vegas aus dem Schwarz der Nacht - eine Fotoarbeit des in Essen bei Bernhard Prinz ausgebildeten Künstlers Andreas Gefeller. Wie viele andere Arbeiten der Düsseldorfer Schau, so spielt auch diese mit dem In-Out-Kontrast von interesselosem Wohlgefallen und Zivilisationskritik . Aus der Distanz ergibt die vergnügungssuchtbedingte Lichtverschmutzung eine Struktur, die an Zellgewebe erinnert.

Konsequenterweise hängt gleich nebenan ein Arrangement von Nora Schattauer, die sich mit kleinsten Architekturen auseinandersetzt. In Düsseldorf hängen Pollenfotos aus dem Rasterelektronenmikroskop neben Zeichnungen, die sich dank eines aus der Analog-Fotografie übernommenen Silbernitritverfahrens im Entstehungsprozess eigenständig mitentwickelt haben. Komposition und Zufall, Analyse und Synthese, Wissenschaft und Kunst halten sich strukturell in Schwebe.

Grundlage für Schattauers Werke sind Werkbücher, die Beziehungen zwischen den Zeichen der Mikro- und der Bilderwelt schaffen und das Interesse der Kölner Künstlerin an innersten Zusammenhängen, aber auch an Leerstellen, Zwischenräumen, Verschiebungen und Grenzen illustrieren. Bedauerlicherweise sind sie in Düsseldorf nicht ausgestellt. Wer sie sehen will, muss zur Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Dort gibt es 50 von ihnen in einer gerade eröffneten Sonderschau.

"In/Out. The Universe" ist noch bis zum 12. März 2017 im Weltkunstzimmer der Hans Peter Zimmer Stiftung in Düsseldorf zu sehen. (Im Bild: Andreas Gefellers abstrahierend-überbelichtete Darstellung eines von oben fotografierten Müllbergs, "IP 21" von 2014.)

Stand: 31.01.2017, 09:00 Uhr