Gurlitt und der Verdacht der NS-Raubkunst

Gurlitt und der Verdacht der NS-Raubkunst

Von Sabine Tenta

Als Schwabinger Kunstfund hat die Sammlung Gurlitt für Aufsehen gesorgt. Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt 250 der über 1.500 Werke. Der Fokus liegt auf NS-Raubkunst.

Übersicht mit Werken der Sammlung Gurlitt im Eingangsbereich der Ausstellung

In einer Doppelausstellung zeigen die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern erstmals Werke aus der Sammlung Gurlitt. In zwei Wohnungen von Cornelius Gurlitt waren 2012 mehr als 1.500 Kunstwerke beschlagnahmt worden. Es bestand der Verdacht, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Cornelius Gurlitt (1932-2014) war Sohn und Erbe des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956).

In einer Doppelausstellung zeigen die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern erstmals Werke aus der Sammlung Gurlitt. In zwei Wohnungen von Cornelius Gurlitt waren 2012 mehr als 1.500 Kunstwerke beschlagnahmt worden. Es bestand der Verdacht, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Cornelius Gurlitt (1932-2014) war Sohn und Erbe des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956).

Am Anfang der Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt - Der NS-Kunstraub und die Folgen" in der Bundeskunsthalle in Bonn steht ein Geldkoffer und eine Wand mit Zeitungsausschnitten. Sie erinnern an den Paukenschlag, mit dem der "Schwabinger Kunstfund" 2013 publik wurde. "Es gab eine unglaublich emotionale Berichterstattung", sagt Kuratorin Agnieszka Lulinska. "All das bewegte sich in absoluten Superlativen." Eine "Versachlichung" sei dringend nötig.

Die Bonner Ausstellung zeigt in erster Linie "Werke, deren Provenienz ungeklärt ist oder die stark raubkunstverdächtig sind", erklärt Kuratorin Lulinska. Dargestellt wird unter anderem die Biografie Hildebrand Gurlitts. Seine Lebensgeschichte wird kontrastiert mit Fallbeispielen von Opfern, deren Kunst enteignet wurde. Handelt es sich bei den beschlagnahmten Werken der Sammlung Gurlitt um NS-Raubkunst? Oder war der Erbe Cornelius Gurlitt ganz legal im Besitz des Kunstschatzes? Gefördert mit Mitteln des Bundes versuchen Provenienzforscher diese Frage zu klären.

Bislang konnte nur bei wenigen Kunstwerken die Herkunft zweifelsfrei geklärt werden. Lediglich sechs Werke konnten an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden. Im Oktober 2017 lösten die Forscher den Fall dieses Damenporträts des französischen Meisters Thomas Couture (1815-1879): Der entscheidende Hinweis war ein winziges, bei einer Restaurierung geschlossenes Loch im Bild. Es konnte dadurch als Teil der Sammlung Mandel identifiziert werden. Georges Mandel (1885-1944), Mitglied der Résistance, war als politischer Gefangener im KZ Buchenwald inhaftiert.

Bei der Sammlung Gurlitt handelt es sich um einen "sehr heterogenen Bestand", wie Kuratorin Agnieszka Lulinska betont. Es sei auch "eindeutig der Bestand eines Kunsthändlers". Nur ein Teil der 1.500 Werke steht im Verdacht, NS-Raubkunst zu sein.

Zu sehen sind in Bonn auch Bilder, die bei Adolf Hitler hoch im Kurs standen, wie "Alpental mit Sennerin" von Carl Spitzweg (1808-1885), der zu den Lieblingsmalern des NS-Diktators gehörte.

Der Kunstgeschmack der NS-Elite ließ auch das Werk von Heinrich Louis Theodor Gurlitt (1812-1897) im Ansehen steigen. Der Großvater von Hildebrand Gurlitt hatte sich auf harmonische Landschaftsbilder spezialisiert.

Ganz anders erging es Max Beckmann (1884-1950), dessen Kunst für die Nazis als "entartet" galt - also eigentlich hätte konfisziert und ins Ausland verkauft oder zerstört werden müssen. Mehrere Zeichnungen und Aquarelle Beckmanns sind zu sehen wie "Zandvoort Strandcafé" aus dem Jahr 1934.

Zu den Highlights der Ausstellung in Bonn gehört "Waterloo Bridge" von Claude Monet. Es steht auch exemplarisch für die akribische Arbeit der Restauratoren: Ein Großteil der Sammlung Gurlitt war geradezu nachlässig gelagert. Ein Wasserschaden hatte bei vielen Bildern zu einem Schimmelbefall geführt. Doch Waterloo Bridge konnte wie viele andere Werke von diesen Schäden befreit werden.

Schätzungsweise 80 Prozent der Gurlitt-Sammlung besteht aus Kunst auf Papier, also Zeichnungen, Aquarellen, Grafiken. Wie zum Beispiel Edvard Munchs (1863-1944) Kaltnadelradierung "Mädchen auf der Brücke".

Zu den wenigen Skulpturen der Gurlitt-Sammlung gehört "Die Kauernde" von Auguste Rodin (1840-1917).

In Vitrinen zu schauen, sei bei dieser Ausstellung "eine wichtige Aktivität", sagt der Intendant der Bundeskunsthalle Rein Wolfs. Viele Exponate wie Rechnungsbücher oder Schriftstücke und viel erläuternder Text verbinden die Kunstgeschichte mit der Geschichte der NS-Diktatur. So wird der Kontext erhellt, in dem die Sammlung Gurlitt zu verstehen ist.

Rein Wolfs betont, dass man bei der Erforschung der Herkunft der Gurlitt-Sammlung erst am Anfang stehe. Darum sei auch bereits für den Herbst 2018 eine weitere Ausstellung zum Thema im Martin-Gropius-Bau in Berlin geplant. Aber zunächst einmal sind die beiden Schauplätze in Bonn und Bern: Beide Gurlitt-Ausstellungen sind vom 03.11.2017 bis zum 11.03.2018 zu sehen.

Stand: 02.11.2017, 19:24 Uhr