Ein Kunstpalast wird Schnäppchenmarkt

Ein Kunstpalast wird Schnäppchenmarkt

Von Thomas Köster

Zum 111. Mal kann man im Düsseldorfer Museum Kunstpalast an den Galerien vorbei aktuelle Werke aus NRW erstehen. Die "Große Kunstausstellung NRW 2016" ist Deutschlands größte von Künstlern für Künstler organisierte Verkaufsmesse. Und eine Überblicksschau über die hiesige Kunstszene.

Blick in die "Große Kunstausstellung NRW 2016"

Von 1900 bis 1902 erbaute der "Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e.V." das Museum Kunstpalast – und erwarb sich damit das Recht zu einer jährlichen Verkaufsschau für regionale und internationale Werke. 110 Jahre hat die dadurch entstandene Messe inzwischen schon auf dem Buckel. Und wirkt 2016 trotzdem frischer denn je.

Von 1900 bis 1902 erbaute der "Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e.V." das Museum Kunstpalast – und erwarb sich damit das Recht zu einer jährlichen Verkaufsschau für regionale und internationale Werke. 110 Jahre hat die dadurch entstandene Messe inzwischen schon auf dem Buckel. Und wirkt 2016 trotzdem frischer denn je.

Aus 600 Bewerbungen hat eine Künstler-Jury 118 Kollegen vorwiegend aus NRW ausgewählt, die auf der inzwischen selbstbewusst "Die Große" benannten Schau insgesamt fast 190 Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Installationen präsentieren. Mit dabei ist auch „Schlaf_Mutter“ (2015) von Klaus Hilsbecher aus Wuppertal, der in surrealer Manier eine gefundene Federkernmatratze mit geblasenem Glas zu einem Fakirfetischobjekt kombiniert.

Vis-à-vis hängt Julia Kröpelins Arbeit "Ohne Titel", die durch die Bearbeitung von Karton mit Polyethan und Acryllack einen verwirrenden optischen Effekt erzielt. Und einen Trend von aktuell in NRW arbeitenden Bildhauern illustriert: Den Hang zu Skulpturen für die Wand nämlich, der in der Düsseldorfer Verkaufsschau deutlich zu bemerken ist.

Natascha Borowsky aus Düsseldorf stellt zum ersten Mal auf der "Großen" aus. 2012 war die Becher-Schülerin mit einem Stipendium der Kunststiftung NRW in Mumbai. Dort entstanden Fotos von Mangrovenbäumen, auf denen die Flut vor allem Tuchfetzen zurückließ: "Fertige, vom Wasser arrangierte Installationsräume, die bei der nächsten Flut schon wieder ganz anders aussehen. Das hatte eine ganz eigene Atmosphäre."

Apropos Atmosphäre: Das Besondere der Düsseldorfer Verkaufsschau ist das museale Ambiente. Aber auch der Umstand, dass beim Verkauf der Bilder und Objekte kein Galerist mitverdient. „Kunst ab Werk“ sozusagen. Von 450 bis 48.000 Euro ist für jeden Geldbeutel etwas dabei. In einer Nebenausstellung werden sogar Grafiken bis maximal 400 Euro angeboten. Im unteren Bereich liegt mit 6.000 Euro Andreas Theins eisige "Gefriertruhe" (2012), deren Wände den Rahmen bilden.

Eher hochpreisig hingegen ist die Wandinstallation "Flug" (2013-2015) von Beate Höing, die in Coesfeld und Münster lebt. Sie fertigt ihre Tonvögel "raum- und ortsbezogen" an, also ganz nach dem Ambiente ihrer Installation. Bei den 53 in Düsseldorf an die Wand geworfenen Vögeln muss man 20.000 Euro hinblättern, bei kleineren Räumen entsprechend weniger. Für Einzimmerappartements gibt es (vielleicht) auch Einzelstücke.

Auguste Rodin, Paul Cezanne, K.O. Goetz und Neo Rauch: Sie alle waren auf der Kunstausstellung bereits vertreten. Ob man die in Bergisch-Gladbach geborene Anne Henning dereinst auch in einem Atemzug mit den Heroen der Kunstgeschichte nennen wird? Mit 27 Jahren ist sie die jüngste Teilnehmerin. Und knüpft in "Comb" mit Filz und Eisen an gute alte Düsseldorfer Beuys-Traditionen an.

Für Kunstpalast-Direktor Beat Wismer ist "Die Große" vor allem eine "Entdeckerschau". Das gilt auch für den Bereich der Fotografie, der 2016 einmal mehr zu einem starken Segment der Überblicksausstellung gehört. Beeindruckend sind dabei vor allem die Fotos der 1970 im westfälischen Gladbeck geborenen Künstlerin Judith Samen, die die Einsamkeit und Problematiken des Kindseins atmosphärisch dicht wiederspiegeln.

Buchstäblich atemberaubend – und auch ein wenig unheimlich – sind die niedlichen Monsterwuschel von Günter Weseler, die in Düsseldorf aus einem Brunnen quellen oder dank eines integrierten Motors rätselhaftes Leben auf den Spiegeltisch zaubern. Der Titel dieser Arbeit, "Dreams beyond the clouds of a past time ago" (2015) ist nicht weniger geheimnisvoll.

In Düsseldorf korrespondieren Weselers wuschelige Atemobjekte auf überraschende Weise mit dieser aus Kunstharz, Steinmehl und Acryl- und Ölfarbe auf Leinwand komponierten "Skriptur VII" (2014). Geschaffen hat sie Frank Hinrichs aus Mülheim an der Ruhr. Sein Gemälde bringt den ganzen Raum zum Flirren.

Im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten hat die Malerei in der aktuellen Kunstszene NRWs wieder an Bedeutung gewonnen. Dementsprechend reicht das Spektrum der Verkaufsschau von realistisch über abstrakt bis zu grafisch im Manga-Look. Wie auf "Irrational Symmetry" des Südkoreaners Hyun-Ju Ahn, der in Düsseldorf lebt und arbeitet. Das ins Bild ragende Ruder ...

… gehört zur mit Abstand größten Installation der Schau: Johannes Lenharts Kulturkritikkanu "Erweiterte Hoffung", das 2013 schon im "Raum für vollendete Tatsachen", einer Ausstellungsfläche der äußerst umtriebigen freien Düsseldorfer Kunstszene, zu sehen war. Tatsache ist auch, dass man für Lenhardts neun mal elf Meter messendes Objekt hohe Wände braucht.

Jedes Jahr verleiht "Die Große" einen Förderpreis. 2016 geht er an den 31-jährigen Andrej Wilhelms, der an der Kunstakademie Münster studierte. Er konfrontiert das klassische Format des Stilllebens mit der Abstraktion. "Utopische Architekturen, die aus dem Prozess entstehen", sagt Wilhelms. "Dabei bin ich einer bestimmten Atmosphäre auf der Spur, die ich über die Farbe und das Material in meinen Halbgegenständen entdecken will."

Der auf der Verkaufsschau ebenfalls verliehene Kunstpreis der Künstler geht in diesem Jahr an den Fotografen Benjamin Katz, dem das Museum Kunstpalast den Aufbau seines "Archivs künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene"(AFORK) mit seinen rund 1.700 Fotos wesentlich mitverdankt. Von Katz' oft magischen Künstlerporträts (hier Gerhard Richter) gibt es in Düsseldorf eine offene Edition zu erstehen.

Auch der letztjährige Künstlerkunstpreisträger Felix Droese aus Mettmann ist wieder mit einer Arbeit vertreten. Seine auf einem Parolen-Banner thronende Holzskulptur "Standbein" (2015) war beim Fototermin allerdings noch nicht aufgebaut. Interessenten müssen sich hier also mit dem Ausdruck für den Aufbau begnügen. Oder nach Düsseldorf zur lohnenden Ausstellung fahren.

Und manchmal eröffnet die Verkaufsschau in Düsseldorf auch überraschende Perspektiven, die eher unbeabsichtigt sind. Dies hier zum Beispiel ist keine Szene aus "Star Wars VII". Vielmehr trifft der "Orient IV" (2015) von Wolfgang Kliege aus Jüchem-Wallrath auf deutsche Sauberkeit und Sicherheit. Und das, obwohl in der Ausstellung alles Kunst ist und nichts weg kann.

"Die Große 2016. Kunstausstellung NRW" ist noch bis zum 13. März 2016 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

Stand: 19.02.2016, 12:00 Uhr