Graffiti, Stadtleben und der Zeitgeist

Graffiti, Stadtleben und der Zeitgeist

Von Ulrike Westhoff

Das WDR 5 Kulturmagazin Scala sucht für eine Sommerreihe die Kunst draußen. Und findet Graffiti in ganz NRW. Orte, an denen die Bilder das Stadtleben, die Welt, den Zeitgeist kommentieren: bemalte Züge, Gemälde an Stromkästen und arabische Kalligrafie.

Graffiti an Hauswand, Bild eines jungen syrischen Rosenverkäufers

Dortmund und der lächelnde Junge auf der Nordstädter Hauswand
"Für viele im Viertel war Farez wie ein Talisman." So erinnert sich der libanesische Street-Artist Yazan Halwani an den kleinen Rosenverkäufer. Beim Versuch von Beirut in sein syrisches Dorf zurückzukehren, wurde er von Bomben getötet. Jetzt lächelt er freundlich von der Hauswand in der Dortmunder Nordstadt den Menschen und Geschäftsleuten zu. Yazan Halwani hat ihn an der Münsterstraße / Ecke Westhoffstraße verewigt.

Dortmund und der lächelnde Junge auf der Nordstädter Hauswand
"Für viele im Viertel war Farez wie ein Talisman." So erinnert sich der libanesische Street-Artist Yazan Halwani an den kleinen Rosenverkäufer. Beim Versuch von Beirut in sein syrisches Dorf zurückzukehren, wurde er von Bomben getötet. Jetzt lächelt er freundlich von der Hauswand in der Dortmunder Nordstadt den Menschen und Geschäftsleuten zu. Yazan Halwani hat ihn an der Münsterstraße / Ecke Westhoffstraße verewigt.

Weltweite Aufmerksamkeit bekommt der 23-jährige Yazan Halwani, seitdem er sich vom klassischen Graffiti verabschiedet hat. An prominenten Plätzen erschafft er riesige Wandgemälde von beliebten kulturellen Größen oder besonderen Menschen, die die Gesellschaft positiv vereinen. Hier malt er in seinem beeindruckenden Stil aus Streetart und arabischer Kalligrafie für ein späteres Porträt der libanesischen Sängerin Fairouz in Beirut.

Köln und seine neuen Maschen
Zwei Augen, die einen aus einem Baum anstarren? In den Städten tobt der Aufstand gegen die Kälte des Betons: mit wärmender Strickkunst. Die Zeiten, in denen Stricken nur was für Oma war, sind vorbei. Beim Guerilla-Knitting klappert die Subkultur mit der Stricknadel. Das soll die Stadt bunter machen und die Welt kommentieren. Ein Strick-Statement zur Massenüberwachung, gefunden an der Zülpicher Straße in Köln.

In Köln kommt in fast jedem Viertel stetig neuer Baum- und Laternenschmuck hinzu. Teil der Szene ist Daniela Johannsenova, Betreiberin des Wollgeschäfts "Maschenkunst" in der Innenstadt. Sie empfiehlt das belgische Viertel, um sich auf die Suche zu machen: "Umstrickte Lampen, Fahrräder, Bänke, Türklinken. Es gibt alles, und es verändert sich jeden Tag", sagt sie.

NRW und die bemalten Züge von Moses & Taps™
Die Polizei jagt sie, die Kunstszene verehrt sie: das unbekannte Sprayer-Duo hinter dem Pseudonym Moses & Taps. So sehr, dass ihre avantgardistische Arbeit international in Galerien und Museen ausgestellt wird. In der Bundeskunsthalle Bonn war im letzten Jahr eine Installation ihres berüchtigten"Bombings" aus Perspektive eines Zugfahrers mit Blick aus dem Fenster zu sehen. Die Künstler stechen dazu Sprühdosen auf und lassen Farben großflächig über den Zugwaggon explodieren.

Es sah aus wie das BILD-Logo, doch es kam aus den Sprühdosen von Moses & Taps, in ihren Markenfarben shock-blau und gelb. Die Künstler drehten auf einer Regionalbahn in Rheine den Spieß um und führten die Vereinnahmung von Graffiti durch die Werbung vor. Aktionen wie diese werden tausendfach im Netz geteilt. Die Künstler freut es. Ihre Arbeiten fahren meist maximal 48 Stunden lang durch die Stadt oder über Land, bevor die Bahn sie entfernt.

Bonn und die Kunst am Kasten
Die Stadtwerke Bonn beauftragen Graffiti-Künstler, um überall in der Stadt die grauen Stromkästen zu verschönern. Sie wollen sie so besser in das Stadtbild integrieren und hoffen zugleich, dass sie von illegalen Graffiti verschont bleiben. Am Hofgarten wurde unter anderem ein Kasten mit diesem Gemälde bemalt. Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters.

Auch die Telekom erlaubt Graffiti-Künstlern, ihre grauen Kabelverzweiger-Kästen zu verschönern. Im Netz wird gemeckert, dass der Bonner Konzern die Kästen für lau aufhübschen lässt. Ein Honorar zahlt die Telekom Graffiti-Künstlern nicht. Dafür spart es vielleicht Reinigungskosten. Das Duo hier sprayt legal und wird von den Stadtwerken bezahlt.

Düsseldorf und sein Lost Place
Graffiti-Künstler haben die alte Papierfabrik "Hermes" im Düsseldorfer Hafen in ein riesigen Gesamtkunstwerk verwandelt. Gesprayte Augen starren von den Wänden, Hunderte von Schriftzügen winden sich durch die Hallen. Selbst alte Tanks aus Beton sind zu kunstvoll gestalteten blauen Fischen geworden. Bis vor kurzem nutzten Fotografen und Filmcrews die verfallene Kulisse. Die in den 1910/11 Jahren gebaute Fabrik gehörte zu den modernsten Papierrecycling-Fabriken Europas. Ende 2016 wird sie abgerissen.

In Düsseldorf gibt es schon länger Halls wie die Papierfabrik. Das Sprayen dort ist aber nicht legal. Jetzt dürfen sich die Graffiti-Künstler auch offiziell austoben an den seitlichen Wandflächen der Unterführung Ellerstrasse am Mintrop-Platz. Die Motive wechseln. Unter anderem haben sich hier auch die MaJo-Brothers verewigt. Die beiden malen, was sie hinter den Hauswänden vermuten. In ihren Werken tauchen immer wieder gelbe Affen auf, ihr Markenzeichen.

Stand: 20.07.2016, 14:36 Uhr