Der Graffiti-Code

Wandmalerie liegender Buddha vom Künstlerkollektiv Captain Borderline in Köln-Ehrenfeld

Der Graffiti-Code

Graffiti verschönern die Stadt, sagen die Einen. Sie entwerten und verschmutzen die Stadt, sagen die Anderen. Fest steht: Graffiti sind vergänglich. Weil sie oft wieder entfernt werden. An der Uni Paderborn entsteht gerade ein Archiv für Graffiti, das sie dokumentiert. Die meisten Fotos kommen von der Polizei.

Prof. Doris Tophinke, Universität Paderborn

Prof. Doris Tophinke, Universität Paderborn

Wir sehen sie, auch wenn wir sie nicht immer beachten: "Tags". Schriftzeichen, Namen, Buchstabenkombis, so genannte Onyme im öffentlichen Raum. Manchmal mit Edding geschrieben, oft gesprüht. Ihrer Vergänglichkeit arbeitet Doris Tophinke von der Uni Paderborn entgegen. Unter ihrer Federführung entsteht ein Archiv für Graffiti.

Das Projekt heißt Ingrid: "Informationssystem Graffiti in Deutschland". Ziel ist laut Tophinke, "eine Forschungsdatenbank zu erarbeiten, die es anderen Wissenschaftlern ermöglicht Graffiti zu untersuchen".

Warum sprüht der Sprüher?

120.000 Fotos umfasst die Datenbank bislang. Die Bilder kommen aus ganz Deutschland. Von privaten Sammlern, hauptsächlich aber von der Polizei.  "Wenn die Verfahren abgeschlossen sind, dann werden die Daten in der Regel gelöscht", sagt Tophinke. "Und wir haben nachgefragt ob wir diese Daten bekommen können." Die Fotos werden geordnet und archivarisch erfasst. Für Tophinke steht dabei eine Kern-Frage im Vordergrund: "Welche Sinn machen diese Formen für die Akteure selbst? Also welche Sinn machen für die Szene diese Comments, oder welchen Sinn machen diese Namen, das versuchen wir zu verstehen."

Die Graffiti-Codes

Legale und illegale Beispiele aus Nordrhein-Westfalen

Wandmalereien vom Künstlerkollektiv Captain Borderline und von El Bocho auf einer Mauer, Köln-Ehrenfeld

Wandmalereien vom Künstlerkollektiv Captain Borderline und von El Bocho auf einer Mauer, Köln-Ehrenfeld

Wandmalereien vom Künstlerkollektiv Captain Borderline und von El Bocho auf einer Mauer, Köln-Ehrenfeld

Industriehalle "Phoenix" in Dortmund-Hörde

Stellwerk-Ruine auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Duisburg

Siesta-Platz auf einer Industriebrache eines stillgelegten Rangierbahnhofs in Duisburg-Wedau

Hohenzollern-Brücke, Köln

Es geht also um eine Art Graffiti-Code – einen Code, dessen Entschlüsselung auch andere Disziplinen interessiert. In der Soziologie, in der Kunstgeschichte und der Philosophie taucht die Frage immer wieder auf: Was ist der Sinn von Graffiti? Tophinke selbst ist Sprachwissenschaftlerin. "Man hat vor einigen Jahren entdeckt, dass wir eigentlich große Teile der Sprache ausgeblendet haben in der Forschung", sagt sie. "Und zwar all das, was im öffentlichen Raum an den Wänden steht. Graffiti gehört zu dieser urbanen Schriftlichkeit, die unseren Alttag ganz wesentlich prägt."

Der Style ist zweitrangig

Eine Art Initialzündung für die deutsche Graffiti sieht Tophinke im Film "Wild Style", über den jungen Sprayer Zoro, der die Fassaden der leer stehenden Wohnhäuser und Fabrikenin der New Yorker Bronx in Besitz nimmt. 1983 lief er im deutschen Fernsehen. "Den Spruch 'Wild Style' findet man dann auch an der Berliner Mauer", sagt Tophinke. "Möglicherweise hat der Film, der nur etwas beschreiben wollte, das Phänomen attraktiv gemacht für die Jugendlichen hier."

Nach "Wild Style" jedenfalls beginnt der Boom des Graffiti. Das belegen auch die Bilder, die auf den Servern des Paderborner Projektes eingehen. Die ersten stammen aus den früher 80ern. In Deutschland entstehen damals die ersten so genannten Crews: Gruppen, die sich Namen geben. Die durch ihre Kunst die Eigentums- und Machtverhältnisse des öffentlichen Raums in Frage stellen. Erstrangig ist die Bekanntheit, die Verbreitung in der Stadt, erst zweitrangig der Style.

Was da ist, wird genutzt

Heute teilen sich Graffiti und Streetart das Urbane. Illegale Verunstaltung auf der einen Seite, künstlerische Auseinandersetzung mit dem Raum auf der anderen. Ein schnell gekritzeltes "Tag" an einem privaten Briefkasten sieht nicht nur anders aus als ein aussagekräftiges "Paste Up", es erfüllt auch einen anderen Zweck. Dass Graffiti sich nicht mit klarer Botschaft an uns Alle, sondern mit Codes an eine bestimmte Gruppe wenden, macht sie zu einem Fremdkörper im öffentlichen Raum.

Doris Tophinke geht es nicht um das eine Motiv für Graffiti. Für sie das Phänomen eine Mischung aus Vielem: Auseinandersetzung mit dem Raum, Rebellion, künstlerischer Ausdruck. In ihrer Arbeit berücksichtigt sie aber noch einen Aspekt in der Spray-Motivation, die so genannte Affordanz, das pure Angebot: "Diese Praktik ist in der Welt. Sie steht Jugendlichen zur Verfügung, und wenn die Möglichkeit besteht da mitzumachen, dann resultiert daraus auch eine gewisse Attraktivität." Politker und Subkultur-Skeptiker wird dieses Konzept eher ratlos machen. Aber es fasst das grundlegende Wesen einer Jugendkultur wie Graffiti in einem Satz zusammen.

Sprayen für die Ewigkeit: Die neue Graffiti-Datenbank

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 17.06.2016 | 12:36 Min.

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Stand: 17.06.2016, 12:14