Ein Präsent von Gerhard Richter

Ein Präsent von Gerhard Richter

Von Thomas Köster

Zum 85. Geburtstag hat Gerhard Richter dem Museum Ludwig ein Geschenk gemacht. In seiner Jubiläumsschau sind alle Arbeiten von 2016 zu sehen. Und die Richter-Werke aus den Beständen des Museums hat der Maler auch noch umgehängt. Grandios.

Gerhard Richter, Neue Bilder, Museum Ludwig, Köln 2016 (Ausstellungsansicht)

"Wie wäre es, wenn Ihr zu meinem Geburtstag einfach meine neuesten Arbeiten zeigt?" So oder ähnlich wird die Frage beim spontanen Anruf Gerhard Richters Ende letzten Jahres gelautet haben. Danach hatte das Team nur drei Monate Zeit die Schau zusammenzustellen. Wie gut, dass Richter vom Atelier aus, aber auch bei zahlreichen Besuchen im Haus, mitgeholfen hat.

"Wie wäre es, wenn Ihr zu meinem Geburtstag einfach meine neuesten Arbeiten zeigt?" So oder ähnlich wird die Frage beim spontanen Anruf Gerhard Richters Ende letzten Jahres gelautet haben. Danach hatte das Team nur drei Monate Zeit die Schau zusammenzustellen. Wie gut, dass Richter vom Atelier aus, aber auch bei zahlreichen Besuchen im Haus, mitgeholfen hat.

Versammelt sind nun 25 klein- und großformatige Bilder, die fast alle 2016 entstanden sind. Überwältigende Farbflächen, denen Richter nicht nur mit dem berühmten Rakel, sondern auch mit Spachtel, Holzstielen und Küchenmessern zu Leibe rückte. Zu sehen sind sie zum ersten Mal.

Gemalt wurden die Bilder, die frisch aus Richters Atelier um die Ecke kommen, keineswegs über das Jahr verteilt, sondern in einem kurzen Zeitabschnitt während des Sommers 2016. Ein bis zwei Bilder pro Woche müssen da entstanden sein. Wo der 85-Jährige diese unglaubliche Produktivität hernimmt, ist ein Rätsel.

Und tatsächlich: Wer die Farbenfülle im Museum Ludwig sieht, begreift, dass diese Bilder unmöglich im Herbst oder Winter entstanden sein können. Wer genau hinschaut, der glaubt sogar Flüsse, Horizonte, Felder oder Landschaften zu erkennen. Wie hier bei "943-2" (2016), wo Richter eine realistisch gemalte Landschaft abstrakt übermalt hat.

Richters Verfahren, mit dem breiten, flachen Rakel von links nach rechts über die zuvor mit dem Pinsel aufgetragenen Farben zu ziehen, dient seit Jahren dem Zweck, die subjektive Handschrift des Malers buchstäblich zu verwischen. Bei den neuen Arbeiten ist er allerdings hin und wieder mit dem Pinsel über die Farbflächen gezogen. Die so entstandenen Striche wirken wie eine Signatur.

"Wahnsinnig facettenreich und unglaublich vielschichtig", so nennt Kuratorin Rita Kersting die Arbeiten. Und man kann ihr nur zustimmen – selbst wenn man das zweifellos auch Dekorative des Spätwerks nicht mögen muss. Die neuen Bilder zeigen Richter auf dem Höhepunkt seines abstrakten Schaffens.

Eine zusätzliche Facette bekommen die im ersten Stock gezeigten Arbeiten dadurch, dass sie zu den strengen Werken von Zeitgenossen in Dialog treten können. Zu den Datumsbildern On Kawaras etwa, die einen schönen Kontrapunkt bilden – und doch, auf ganz andere Weise, ebenso meditativ wirken.

Wie stark sich Richters Abstraktion in 35 Jahren entwickelt hat, das zeigt die direkte Konfrontation mit "Krieg" von 1981: Wo hier alles explosiv den Rahmen sprengt, streben die neuen Bilder nach innen. Bezeichnenderweise haben sie keinen Titel: Der Betrachter soll in keine Richtung gelenkt werden und das Gemälde so für sich sprechen.

"Krieg" gehört zum zweiten Teil der Kölner Schau in dem Richter am Museumsmodell im Maßstab 1:50 die Bestände des Museums Ludwig neu arrangiert hat. Darunter sind Klassiker wie "Ema (Akt auf einer Treppe)" von 1966: eine Hommage an Marcel Duchamp, und das erste Bild, das Richter nach einem eigenen Farbfoto gemalt hat.

"Ema" stammt noch aus der Sammlung des Museumsstifters Peter Ludwig, der das Bild bereits ein Jahr nach seiner Entstehung als Pendant zu seinen amerikanischen Pop-Art-Bildern erstand. Ebenso wie die "5 Türen" (1967), von denen in Köln erstmals auch Vorzeichnungen zu sehen sind. Diese Werke dokumentieren die tiefe Verbundenheit von Künstler und Museum, die letztendlich zum Ausstellungsgeschenk geführt hat.

Ein besonderes Präsent ist außerdem die Präsentation. Welcher Kurator hätte sich schon getraut,  Richters "48 Porträts" (1971/72) von Wissenschafts- und Kulturheroen derart hoch über die Blickachse zu hängen? Richter hat‘s getan. Und siehe da: Es funktioniert.

Und wenn ein Werk für eine Wand zu groß war hat Richter schnell ein kleineres produziert – beziehunsgsweise produzieren lassen. Wie im Fall dieses Spiegels, der das von Richter mit Wachsöl bearbeitete "Kreuz" (1997) aus Werkzeugstahl reflektiert. Letzteres ein Geschenk der Förderer des Museums Ludwig ans Museum zum Geburtstag des Malers.

Apropos "Kreuz": Auch den Editionen Richters aus den Museumsbeständen richtet die Schau einen großen Platz ein. Dazu gehören Klassiker wie "Farbfelder 6. Anordnungen von 1.260 Farben" (1974), die Richters Kirchenfenster im Kölner Dom den Weg bereiteten, aber auch "Seestück I" (1969) oder "Ella" von 2014 (rechts).

Wer jetzt Lust auf noch mehr bekommen hat, muss nur bis Anfang April warten. Dann zeigt das Essener Museum Folkwang mit 165 Ölgemälden, übermalten Fotografien, Drucken, Künstlerbüchern und Multiples sämtliche seit 1965 entstandenen Editionen des Künstlers am Stück (07.04.-30.06.2017).

"Gerhard Richter. Neue Bilder" ist noch bis zum 1. Mai 2017 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag von Richters Freund Walther König erschienen, der neben einem klugen Essay von Kuratorin Rita Kersting Abbildungen aller gezeigten Werke von 2015 und 2016 versammelt. Tortzdem: Hingehen und das Präsent des Gerhard Richter selbst "auspacken"!

Stand: 09.02.2017, 08:00 Uhr