Was ist ein Bild? Gerhard Richter in Bonn

Was ist ein Bild? Gerhard Richter in Bonn

Nach Köln und Essen huldigt nun auch Bonn dem großen Maler Gerhard Richter zum 85. Geburtstag. Zu sehen sind frühe Gemälde und Skulpturen, die Richters Changieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion illustrieren. Und fragen, was ein Bild überhaupt ist.

Gerhard Richter, 256 Farben, 1974

Zum 85. Geburtstag Gerhard-Richter-Festspiele in NRW: Das Kölner Museum Ludwig zeigte bis Mai die neuesten Gemälde des Künstlers, im Essener Folkwang-Museum sind noch bis Ende Juni die kompletten Editionen zu sehen. Jetzt macht das Bonner Kunstmuseum mit "Über Malen - Frühe Bilder" das Triple komplett. ("256 Farben", 1974)

Zum 85. Geburtstag Gerhard-Richter-Festspiele in NRW: Das Kölner Museum Ludwig zeigte bis Mai die neuesten Gemälde des Künstlers, im Essener Folkwang-Museum sind noch bis Ende Juni die kompletten Editionen zu sehen. Jetzt macht das Bonner Kunstmuseum mit "Über Malen - Frühe Bilder" das Triple komplett. ("256 Farben", 1974)

Versammelt sind rund 25 Werke der 60er und 70er Jahre, die einen Überblick über frühe Entwicklungen geben. So zeigt sich die ganze Bandbreite, mit der Richter von Anfang an die Frage nach dem Realitätsgehalt der Kunst hinterfragt und die Trennung der Moderne zwischen Gegenstand und Abstraktion überwunden hat. Auch in der Skulptur. ("4 Glasscheiben", 1967/2015)

Dabei ist der doppeldeutige Untertitel der Ausstellung – "Über Malen" – durchaus programmatisch zu verstehen. Denn durch Übermalung von vorgefundenem Material aus Fotos regt der Kölner Künstler den Betrachter an, über das Malen nachzudenken. ("Kleiner Stuhl", 1965)

Im Zentrum der Bonner Schau stehen die Tür-, Vorhang- und Fensterbilder der 60er Jahre, die vom Versprechen der realistischen Kunst erzählen, einen Blick durch den Spiegel auf die "echte", tatsächliche Wirklichkeit zu eröffnen. Richters Blick indes ist eher verwirrend und befremdlich – und wirft seine Schatten in sich selbst. ("Fenstergitter", 1968)

Mit dem Motiv des Vorhangs verweist Richter auf den antiken Wettstreit der griechischen Meister-Maler Pharrasios und Zeuxis, den ersterer gewann, weil Zeuxis mit seinen illusionistischen Trauben zwar die Vögel täuschte, Pharrasios den Konkurrenten aber dazu brachte, den gemalten Vorhang beiseite schieben zu wollen. ("Großer Vorhang", 1967)

Bei Richter ist aber selbst die Anspielung Illusion. Jegliche malerische Tiefe ist aufgehoben, und es ist klar, dass sich weder hinter den Vorhängen noch hinter den Türen irgendetwas verbirgt. Der Vorhang bleibt, ganz theatralisch, geschlossen, und alle Fragen offen. ("Fünf Türen (I)", 1967)

"Die Türen, Vorhänge, Oberflächenbilder, Scheiben und so weiter sind vielleicht Gleichnisse einer Verzweiflung über das Dilemma, dass zwar unser Sehen uns die Dinge erkennen lässt, dass es aber gleichzeitig die Erkenntnis der Wirklichkeit begrenzt und partiell unmöglich macht", formulierte Richter schon 1971. So sind auch Richters Verfremdungen "realistischer" Motive zu verstehen. ("Waldstück", 1965)

Und deshalb spielt auch der vermeintliche Gegensatz zwischen gegenständlichen und abstrakten Bildern bei Richter keine Rolle mehr: "Beides sind Bilder, das heißt: Egal was sie darstellen, sie tun es mit den gleichen Methoden: Sie scheinen; sie sind nicht das Dargestellte, sondern der Anschein davon." ("Durchgang", 1968)

In einer anderen Ausstellung des Kunstmuseums kann man erfahren, wie stark Richters Position nachhallt. Bei der Richter-Schülerin Karin Kneffel nämlich, die das große Thema der Abbildhaftigkeit von Kunst von ihrem Lehrer nicht einfach kopiert, sondern auf konsequent andere Art weiterverfolgt. ("Bild im Bild", bis 03.09.2017)

Und dann sollte man auch die Schau mit Werken aus der KiCo Stiftung eines Bonner Sammlerpaars nicht verpassen, deren Ankauf seit 20 Jahren in enger Zusammenarbeit mit den Direktoren des Kunstmuseums und des Münchner Lenbachhauses erfolgt. Hier "Leonardos Katze" (2006) von Richters Ex-Frau Isa Genzken, betrachtet durch deren Beton-Paravent (1990).

Da sind auch zeitgenössische Meisterwerke aufgefahren, die zeigen, wie es nach – und trotzdem irgendwie auch mit – Gerhard Richter weitergeht. Hier spiegelt sich ein Mann vor Karin Sanders' "Mailed Painting 123" (2012) in Richters Scheiben aus der KiCo-Sammlung. ("Mentales Gelb. Sonnenhöchststand", bis 20.08.2017)

In der KiCo-Sammlung  findet sich auch der Humor, der den in Bonn versammelten Exponaten Richters leider fehlt. Wie bei Erwin Wurms grandioser Kostümfigur "Ohne Titel" (2008), die sonst als Dauerleihgabe im Münchner Lenbachhaus zu finden ist. Und die auch irgendwie wieder gegenständlich und abstrakt zugleich ist.

"Gerhard Richter. Über Malen - Frühe Bilder" ist noch bis zum 1. Oktober 2017 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist ein auch mit nicht ausgestellten Gemälden reich bebilderter und klug betexteter Katalog erschienen, den man sich unbedingt mit nach Hause nehmen sollte.

Stand: 14.06.2017, 12:14 Uhr