Ausstellung im Arp-Museum Rolandseck

Ausstellung im Arp-Museum Rolandseck

Von Thomas Köster

Im Februar 1916 gründeten Hugo Ball und Emmy Hennings in Zürich das "Cabaret Voltaire": die Geburtsstunde von Dada, das als Nonsens-Gesamtkunstwerk Kunst, Musik und Dichtung revolutionierte. Ab Sonntag lässt eine Ausstellung im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck die Anfangszeit aufleben.

Genese Dada, Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2016 (Ausstellungsansicht)

Kunst, Philosophie, Politik? Feuerversicherung, Staatsreligion - oder gar reine Energie? Was Dada ist, fragten sich schon die Dadaisten. Die Ausstellung "Genese Dada" im Arp-Museum sucht zum 100. Jubiläum der Bewegung nach Antworten, indem sie tief zurückgeht in die Gründerjahre. Eine überraschende Erkenntnis: Dada war auch eine Hommage an ein zeitgenössisches Haarwasser.

Kunst, Philosophie, Politik? Feuerversicherung, Staatsreligion - oder gar reine Energie? Was Dada ist, fragten sich schon die Dadaisten. Die Ausstellung "Genese Dada" im Arp-Museum sucht zum 100. Jubiläum der Bewegung nach Antworten, indem sie tief zurückgeht in die Gründerjahre. Eine überraschende Erkenntnis: Dada war auch eine Hommage an ein zeitgenössisches Haarwasser.

Gezeigt werden Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Dokumente, die illustrieren, wie aus den bunten Abenden bettelarmer Migranten und Pazifisten in einer Künstlerkneipe in der Züricher Spiegelgasse während des ersten Weltkriegs eine Europa und die USA umfassende Bewegung werden konnte, die die Kunstwelt innerhalb weniger Jahre buchstäblich auf den Kopf stellte.

Dabei setzt "Genese Dada" weniger auf wissenschaftlich exakte Aufbereitung, sondern mehr auf Inszenierung. Hier ist im Fenster eines der Haupträume die nachgebaute Bühne des "Cabaret Voltaire" zu sehen, das es in Zürich immer noch gibt. Auf dem Klavier darf man spielen. Die Reproduktion eines verschollenen Gemäldes von Marcel Janco zeigt die Stimmung im Saal.

Eines der Originale, das tatsächlich in den Gründerjahren zusammen mit Bildern von Pablo Picasso und August Macke an der Wand des "Cabaret Voltaire" hing, ist Max Oppenheimers "The World War" von 1916 – eine kostbare Leihgabe des Museum of Modern Art in New York. Es belegt vor allem, dass die in Zürich gestrandeten Dada-Maler teils noch mitten im Kubismus steckten.

Oder im Futurismus, wie Marcel Jankos "Ball in Zürich" mit seinen rasenden Tanzpaaren zeigt. Auch wenn das Bild schon ein Jahr vor Gründung des "Cabaret Voltaire" entstand, spiegelt es doch den ekstatischen Aufbruchszustand einer Zeit, in der die Kriegseuphorie unter den Künstlern erst allmählich dem Entsetzen wich und Zürich zur Flüchtlingshochburg wurde.

Revolutionär waren hingegen die dadaistischen Simultan- und Lautgedichte, die die Sprache von ihrer Sinnhaftigkeit zu befreien suchten. Um sie mit absurder Ernsthaftigkeit vorzutragen, wurde Hugo Ball auch schon mal im kubistischen Bischofskostüm auf der Bühne getragen. Im Arp-Museum kann man sich einige Gedichte über ein altmodisches Wählscheibentelefon anhören.

Neben dem "Cabaret Voltaire" bildet die "Galerie Dada" den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung. 1917 gegründet, residierte sie am noblen Zürcher Paradeplatz. Hier wurde die Dada-Kunst wohl auch preislich hoch aufgehängt. Zu kaufen waren beispielsweise Bilder des niederländischen Kubisten Otto van Rees, der mit den Dadaisten auch Wandgemälde schuf (hier: "Mutter und Kind" von 1911).

Im "Cabaret Voltaire" wurden die Lautgesdichte als wilde "Negerlieder" angepriesen, in der "Galerie Dada" neben Zeitgenössischen unter anderem auch "Negerplastiken" offeriert. Dabei liebten die Dadaisten nicht nur das Einfache und Ursprüngliche der afrikanischen Kunst, sondern auch deren kultischen Charakter, der wiederum Vorbild für ihre Masken bei Bühnenauftritten war.

In der "Galerie Dada" standen die afrikanischen Skulpturen neben rätselhaften dadaistischen Objekten, die irgendwo zwischen Kubismus und Bauhaus angesiedelt sind - ohne dessen Funktionalität zu übernehmen - und ihr bis heute zu Spekulationen reizendes Geheimnis gut im Innern verschlossen halten. Wie diese "Amphore" von 1917.

In fünf großen Ausstellungen feiert Zürich 2016 Dadas Geburt. Aber auch das Arp-Museum hat einen guten Grund: Immerhin war Hauspatron Hans Arp Dada-Mitbegründer. Dem entsprechend sind in "Genese Dada" auch Reliefs. Collagen und Druckgrafiken Arps ausgestellt. Dazu gehört auch diese Arbeit, die der Künstler als erstes eigenständiges Werk betrachtete.

Das schönste Ausstellungsstückt von Arp ist zweifellos dieses "Porträt" des Dada-Kollegen Tristan Tzara“ von 1916. Es zeigt, dass Arp, der 1919 gemeinsam mit Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld den Kölner Zweig des Dadaismus begründete, der Abstraktion mit seinen räumlich-organischen Collagen einen neuen Weg wies.

So macht "Genese Dada" deutlich, was Dada vor allem war: Eine künstlerische Geisteshaltung, die die Moderne konsequent zu Ende dachte. Und dadurch ad absurdum führte. Von hier aus führt ein gerader Weg zum eigentlich schon wieder etwas handzahmen Surrealismus. Dem entsprechend flackert unter diesem Gemälde von Giorgio de Chirico im Arp-Museum ein (falscher) Kamin.

Und was ist heute da, weil Dada da war? Um dies zu erfahren, muss man im Arp-Museum durch einen "Dada-Tunnel" schlendern, der mit einer Collage aus dadaistischen Lautgedichten beschallt wird. Am Ende der Zeitreise vermittelt die ihrerseits nach einem Lautgedicht Hugo Balls benannte Parallelausstellung "Seepferdchen und Flugfische" einen kleinen Eindruck.

"Seepferdchen und Flugfische" zeigt Arbeiten von Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems, die sich auf sehr erfrischende Weise mit den Nachwirkungen des Dadaismus auseinandersetzen. Grundlage der Bilder von Anna Lehmann-Brauns etwa sind die farbig grellen Dada-Bars im Internet, die versuchen die Ästhetik von damals zu aktualisieren. Dada reloaded.

Und Ahram Kwon aus Südkorea transportiert die Idee der Lautgedichte mit ihrer sinnhaften Sinnlosigkeit in die Gegenwart. In "Words without Words" verwendete er uns wohlbekannte Schriftzeichen, die seinem Kulturkreis aber fremd sind. Und versteckte darin – typisch asiatisch – ein Goethe-Zitat aus dem "Faust". Wer sucht, der kann es finden.

"Seepferdchen und Flugfische" endet schon am 22. Mai 2016, "Genese Dada" ist noch bis zum 10. Juli 2016 zu sehen. Zu beiden Ausstellungen sind reich bebilderte Kataloge mit gut leserlichen und informativen Texten erschienen. Sie sind im Museumsshop erhältlich - "Genese Dada"auch im Buchhandel.

Stand: 12.02.2016, 09:00 Uhr