Der Kölner Dom als Server

Der Kölner Dom als Server

Von Thomas Köster und Philipp J. Bösel

Gamer und Kirche – wie geht das zusammen? Ziemlich gut, wie man am Wochenende in Köln sehen konnte. Zur Gamescom präsentierte das Kölner Domkapitel eine verführerische Antwort für alle Sinne. Mit einem lichtdurchfluteten Dom, eigens komponierter DJ-Musik – und Robotern als Heilige Drei Könige.

SilentMod, Kölner Dom 2016 (Ausstellungsannsicht)

Die Gamescom ist die weltweit größte Messe für Computerspiele und lockt jedes Jahr bis zu 400.000 junge Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren nach Köln. Im Dom schauten bisher nur wenige vorbei. Das Projekt SilentMOD hat das geändert: durch eine künstlerische Sprache, die auch Gamer sofort verstehen.

Die Gamescom ist die weltweit größte Messe für Computerspiele und lockt jedes Jahr bis zu 400.000 junge Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren nach Köln. Im Dom schauten bisher nur wenige vorbei. Das Projekt SilentMOD hat das geändert: durch eine künstlerische Sprache, die auch Gamer sofort verstehen.

"Junge Menschen sind immer ein guter Grund, sich als guter Gastgeber zu präsentieren", sagt Domprobst Prälat Gerd Bachner. Von Donnerstag bis Samstag (20.08.2016) wurde das Gotteshaus jeweils ab 22:00 Uhr zu einer Kathedrale aus Licht, Klang und betörenden Düften. Für die Nachtschwärmer hatte der Dom deshalb ausnahmsweise bis 2:00 Uhr geöffnet. Jeden Abend bildeten sich lange Schlangen vor dem Gotteshaus. Besucher berichteten auf Facebook von langen Wartezeiten. Am Samstagabend riefen die Organisatoren in dem sozialen Netzwerk sogar dazu auf, nicht mehr zum Dom zu kommen. Der Andrang sei einfach zu groß.

"Die Kirche ist wie ein Server, ein Kraftpaket im Ruhemodus", sagte Matthias Sellmann. Er ist Direktor des Bochumer Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP), das das Projekt gemeinsam mit dem Domkapitel und der Ruhr-Universität (RUB) realisiert hat. "Wenn du ihn einschaltest, zeigt er dir sein ganzes Potential."

Im Projekt wurde junge Sprache visuell umgesetzt. Das zeigte sich schon an der Domfassade. Wenn es dunkel wurde, erstrahlten die Türme in einem blauen, langsam pulsierenden Licht. "Die diskrete Illumination simuliert das Stand-by-Licht von Computern oder MacBooks", erklärten die Macher.

Gestartet wurde das Programm, indem man den Laptop aufklappt, äh: die Dompforte öffnet. Zu diesem Zweck der Einladung ins Gotteshaus wurde die fein zisilierte Architektur über der Pforte durch "3D-Videomapping" betont, bei dem die Reliefstruktur der Figuren passgenau ausgeleuchtet wird; schließlich haben Portale in der Struktur von Kirchen und Kathedralen eine ähnlich wichtige Bedeutung wie beim Computerspiel.

Drinnen erwarteten den Besucher inmitten des Nebels im Mittelschiff und den innen liegenden Seitenschiffen drei Lichttunnel, die den Weg weisen sollten. Jeder Lichttunnel wurde mit Lasern in den Kirchenraum hineinprojiziert. Das Deckengewölbe wurde gleichzeitig als Verweis auf die himmlische Sphäre indirekt mit hellblauem Licht ausgeleuchtet.

"Auch wir verlieren in unserem Leben immer wieder das Ziel und die Orientierung und stehen quasi im Nebel", interpretiert Domprobst Bachner die Installation. Für ihn waren die blau, rot und grün gestalteten Tunnel "ähnlich wie die Heiligen Drei Könige: Wegweiser, die einen durch den Nebel führen.“

Der gleichen Symbolik folgten die drei Industrieroboter kleinerer Bauart, die die zentrale Altarinsel im Dom bespielten. Die Roboter waren Leihgaben eines Neusser Unternehmens. Der Lehrstuhl für Produktsysteme der Ruhr-Universität Bochum setzte, mit dessen Unterstützung, die Programmierung und Inszenierung der Roboter um. "Da der Kölner Dom Ort der Heiligen drei Könige ist, sollen sie den Besuchern des Domes Wegweiser sein", sagten die Konstrukteure.

Zu diesem Zweck waren die Roboter mit einem kleinen Laserlicht-Modul ausgestattet. Choreografisch waren sie so programmiert, dass sie mit ihrem Schein als Punkte im Kirchenraum herumtasteten, um dann zu dritt beim Ziel wieder zusammenzufinden (hier der Startmodus am Kirchenfirmament). Christus suchen und finden: Das sollten auch die Gamer tun.

Der heilsgeschichtlichen Dramaturgie nach konsequent trafen die Strahlen in regelmäßig wiederkehrenden Abständen auf das Bild des gekreuzigten Christus über der Achskapelle des Domes. "Auf der Suche nach dem Leben - nach Gott zu sein - heißt, Gott im eigenen Leben, im eigenen Alltag zu entdecken", sagte Domprobst Bachner. Meint: Gott ist immer da, muss aber gefunden werden.

Durch die Bestrahlung sollte der tote Körper am Kreuz laut dem Wunsch der Macher zu einem "neuen Stern von Bethlehem aus bunten Laserstrahlen" werden, "zu einer Art Supernova": Schließlich muss es ja ein beeindruckendes, kosmisches Ereignis gewesen sein, dass die Geburt des Erlösers laut Bibel angekündigt hat. Oder, mit den Worten des Buchs Jesaja: "Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht."

Den Soundtrack zur Schau lieferte das angesagte Kölner DJ-Trio "Blank & Jones", das während der drei Tage live auflegte. Inspiriert war ihre als "Chilltronica" bezeichnete Sound-Mischung aus Ambient, Minimalismus und Electronica von geistlichen Chorälen, christlicher Mystik – und nach Auskunft der DJs auch von dem modernen Domfenster Gerhard Richters.

Leider ist das Duft-Internet noch nicht erfunden, sonst hätte es nach Weihrauch, Myrrhe, Rose, Zeder und dem "Kommunikationsduft" Hedion gerochen. Denn zu SilentMod gehörte auch ein spezieller Duft, der von Riechforschern der RUB gemeinsam mit einem Parfümeur entwickelt worden ist und auf Duftkärtchen mit nach Hause genommen werden konnte.

Im Grunde setzte SilentMod damit sinnlich um, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Evangeli Gaudium" 2013 forderte: "Es ist wünschenswert, dass jede Teilkirche in ihrem Evangelisierungswirken den Gebrauch der Künste fördert. Man muss wagen, die neuen Zeichen zu finden, die neuen Symbole, ein neues Fleisch für die Wiedergabe des Wortes."

Das Gesamtkunstwerk lohnte den Besuch. Denn es biederte sich keineswegs an, sondern unterstrich die Würde des Gotteshauses auf eine sehr moderne, zeitgenössische Weise. Gemälde und Skulptur als Verkünder der Botschaft sind dagegen finsteres Mittelalter.

Stand: 21.08.2016, 11:20 Uhr