Präzise Verklärung. Ferdinand Hodler in Bonn

Präzise Verklärung. Ferdinand Hodler in Bonn

Von Thomas Köster

Zu Lebzeiten wurde Ferdinand Hodler mit van Gogh verglichen. Heute ist der Schweizer Symbolist der eher unbekannte Wegbereiter der Moderne. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle wird das jetzt hoffentlich ändern.

Ferdinand Hodler. Maler der frühen Moderne, Bundeskunsthalle, Bonn 2017 (Ausstellungsansicht)

"Hodler = die Vereinfachung des Bildes bis hin zu dem Stil, wo alles spricht." Mit dieser Formel des Kunstkritikers und Zeitgenossen Heinrich Wölfflin ist das malerisch abstrahierende Grundprinzip Hodlers hervorragend umschrieben. Es ließ ihn - nach frühem Unverständnis vor allem in seiner Heimat - zu einem der erfolgreichsten und wichtigsten Wegbereiter der Moderne werden.

"Hodler = die Vereinfachung des Bildes bis hin zu dem Stil, wo alles spricht." Mit dieser Formel des Kunstkritikers und Zeitgenossen Heinrich Wölfflin ist das malerisch abstrahierende Grundprinzip Hodlers hervorragend umschrieben. Es ließ ihn - nach frühem Unverständnis vor allem in seiner Heimat - zu einem der erfolgreichsten und wichtigsten Wegbereiter der Moderne werden.

Rund 100 Gemälde und 40 Zeichnungen aus allen Schaffensperioden Hodlers sind auf teils spektakulären Wegen nach Bonn gekommen. Es ist die erste Retrospektive des bedeutenden, dem Symbolismus zuzuordnenden Malers (hier eine Reihe seiner Selbstporträts) in Deutschland seit fast 20 Jahren.

Sein Handwerk erlernte Hodler als klassischer Vedutenmaler touristischer Motive und als akademischer Porträtist. Seinen ganz eigenen abstrahierenden Stil bildete er erst später heraus. Dabei war dieser Wunsch offenbar schon während der Studienzeit da. "Der Maler muss die Natur als Fläche sehen", heißt es in den "Zehn Geboten des Malers Ferdinand Hodler", die er mit 21 Jahren verfasste.

Im Gegensatz zu Künstlern wie Kandinsky oder Malewitsch betrieb Hodler die Abstraktion aber nie als Selbstzweck, sondern als Versuch, Wesentliches in der Natur freizulegen – und das immer unter Berücksichtigung von geographischer Topografie. "Genauigkeit, Beobachtung, Vergleichung, Messung" waren da Schlüsselbegriffe ("Genfersee mit Mont-Blanc am frühen Morgen", 1917).

Gleiches gilt für Hodlers Porträts, die neben der typischen Farbigkeit auch die Umrisslinien betonen. Auch hier ist das Auge des Künstlers das zentrale Organ, das in die Seele blicken kann. Wobei der präzise Blick immer auch ein wenig verklärend ist ("Bildnis Käthe von Bach im Garten", 1904).

Besonders anrührend sind dabei die Bilder, auf denen der Maler 1914 und 1915 das erschütternde Sterben seiner Geliebten Valentine Godé-Darel festhielt. Schon an Krebs erkrankt, hatte sie dem Maler 1913 die gemeinsame Tochter Paulette geboren. Diese Darstellungen gehören zu den aufwühlendsten der Bonner Schau.

In seinen symbolistischen Werken erarbeitete Hodler ein Verfahren, das auf Wiederholung und Variation ausgerichtet war: Ähnliche Figuren sollen der Komposition eine emotionale Intensität verleihen. Neben Ornamentik und Symmetrie ist dieser von Hodler so genannte Parallelismus eines der entscheidenden Merkmale seiner Kunst ("Heilige Stunde", 1911).

"Ich liebe die Klarheit in einem Gemälde, und darum liebe ich den Parallelismus", erklärte Hodler dem entsprechend einmal in einem Interview. "Auf vielen meiner Bilder habe ich vier oder fünf Gestalten gewählt, um ein und dasselbe Gefühl auszudrücken, weil ich weiß, dass die Wiederholung ein und derselben Sache den Eindruck erhöht." ("Der Tag", um 1901)

Dass Hodler einer der wegweisenden Künstler der frühen Moderne war, fiel zunächst den Kunstsammlern und Galeristen im Ausland auf: in Paris und Wien, vor allem aber auch in Deutschland, namentlich in München, wo er 1897 bei der Internationalen Kunstausstellung im Glaspalast seinen Durchbruch hatte ("Bezauberter Knabe", 1893/94).

Da ist die Bonner Schau im Vorfeld zum Schweizer Hodler-Jubiläum zum 100. Todestag des Künstlers 2018 in seiner Heimat nur konsequent - und das, obwohl einige Motive nicht anders als "typisch schweizerisch" zu nennen sind. Aber selbst hier ist die Radikalität des Stilwillens alles andere als provinziell ("Einmütigkeit, Redner", 1913).

Dass Hodler es auch in seiner Heimat geschafft hatte, zeigt sich spätestens, als der Künstler 1908 im Auftrag der Schweizerischen Nationalbank mit seinem "Mäher" und seinem "Holzfäller" den 100- und den 50-Franken-Schein schmücken darf. Wie viele seiner Motive, so fertigte Hodler auch diese in immer neuen Varianten fast schon seriell an. Auch dies ein sehr moderner Zug. 

In Deutschland fiel Hodler 1914 in Ungnade, weil er einen Protestbrief gegen den Beschuss der Kathedrale von Reims durch deutsche Truppen mit unterschrieb. In Jena wurde sein Wandgemälde "Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813" (1908/09) verhangen. Nach einer spektakulären Reise, während derer das Bild um eine riesige Walze gewickelt war, ist es nun in Bonn zu sehen.

Im Jahr 2000 hatte das Von-der-Heydt-Museum Wuppertal eine große Retrospektive ausgerichtet; jetzt ist Bonn an der Reihe. Und es wird auch wirklich Zeit. Denn das großartige Werk des Malers gehört immer noch zum Faszinierendsten, was die Kunst der Schweiz im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat ("Krieger mit Hellebarde", 1895).

"Ferdinand Hodler. Maler der frühen Moderne" ist noch bis zum 28. Januar 2018 in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen.

Stand: 07.09.2017, 06:00 Uhr