"Als ob ein Heuschreckenschwarm das Haus erobert hat"

Matthias Burchardt

"Als ob ein Heuschreckenschwarm das Haus erobert hat"

Als Matthias Burchardt das erste Mal das Haus seines verstorbenen Onkels betritt, hat es ihm fast den Boden unter den Füßen weggerissen: Überall sind hunderttausende Faltfiguren drapiert. In WDR 3 erzählt er exklusiv, welche unglaubliche Geschichte hinter seinem sensationellen Fund steckt.

WDR 3: Ihr Onkel Erwin Hapke, Jahrgang 1937, ein ehemaliges Flüchtlingskind aus Ostpreußen, war promovierter Biologe. Er scheiterte aber in seiner Lebensmitte beruflich, was nicht mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz, sondern mit seiner Persönlichkeit zu tun hatte. Durch die Arbeitslosigkeit verarmte er und lebte jahrzehntelang allein in seinem Elternhaus, einer ehemaligen Dorfschule im Kreis Unna. Was haben Sie in diesem Haus vorgefunden?

Matthias Burchardt: Einen unermesslichen Schatz, den ich zunächst gar nicht zuordnen konnte. Ich wusste, dass er sich mit Papierfalten beschäftigt, aber was mich da dann erwartet hat, hat mich völlig umgehauen. Als Philosoph bin ich auf das Staunen gebucht, aber das hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen. Da war eine Vielzahl von Papierobjekten, von Metallobjekten, von Zeichnungen, Entwürfen, was auf den ersten Blick völlig unüberschaubar war, aber doch direkt die Anmutung eines Kunstwerkes hatte.

WDR 3: Was hat er für Dinge gefaltet?

Burchardt: Er hat im Grunde versucht, alle Lebensbereiche abzubilden. Das beginnt mit Insekten, was bei seiner biologischen Herkunft ja sehr naheliegend ist, geht dann über abstraktere Strukturen, Tiere, Architektur, anthropologische Szenen. Obwohl er so einsam gelebt hat, finden sich viele soziale Dimensionen des Spiels, der Arbeit, auch religiöse Szenen, obwohl er überhaupt nicht religiös war. Ich bin noch gar nicht zu einer endgültigen Sichtung vorgedrungen, aber man hat das Gefühl, dass hier in einem Formenprinzip ein ganzer Bilderkosmos dargestellt werden sollte.

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

WDR 3: Dieser Kosmos drückt sich eben nicht nur in der Vielfalt aus, sondern auch in der schieren Quantität seiner Objekte.

Burchardt: Meine erste Befürchtung war, dass hier eine Marotte oder ein Spleen zum Ausdruck gebracht wurde, bis mir deutlich wurde, dass das alles in einer musealen Anordnung vorzufinden war. Ein Ordnungsprinzip war sichtbar mit einer Benutzerführung, mit Hinweisen an den Wänden, mit einem kleinen Museumsshop, wo er Faltanweisungen hinterlegt hat. Interessanterweise aber immer im Verborgenen, es ist nie der Öffentlichkeit zugänglich gewesen.

WDR 3: Er hat sich auch damit beschäftigt, bestimmte Formen sichtbar zu machen und hat dazu fast technische Zeichnungen angefertigt?

Burchardt: Genau. Er hat das quasi als Wissenschaftler betrieben und man könnte fast sagen, er ist eine Art Kant des Papierfaltens, weil er nicht nur das Objekt spannend fand, sondern das Prinzip, unter dem das Objekt zustande kommt. Er hat eine Grundform entwickelt, Formprinzipien weiter ausgefeilt und das in vielen Serien und Variationen durchgespielt.

Matthias Burchardt

WDR 3: Ihr Onkel hat wie ein Einsiedler gelebt, sehr einsam. Ist denn der Begriff der Außenseiterkunst passend?

Burchardt: Es ist ein bisschen ambivalent. Was für die Außenseiterkunst charakteristisch ist, dass sie einen Fürsprecher braucht, um überhaupt einer Öffentlichkeit zugeführt zu werden, das ist in diesem Fall auch zutreffend. Andererseits haben wir oft auch eine Ableitung aus biografischen Problemen oder psychischen Konstellationen, die sich in dem Werk abbilden, und das sehe ich hier nicht. Wir haben ein starkes Formenprinzip, wir haben einen sehr starken Willen zu einer ästhetischen Formsprache, dass er praktisch zwischen allen Stühlen steht.

Das finde ich wiederum auch wissenschaftlich interessant, dass diese ganzen Label erst einmal nicht passen und dass das Heben dieses Schatzes auch verbunden ist mit einem unglaublichen intellektuellen Mehrwert: nämlich eine Vermessung dieses Feldes Kunst. Ich bin sehr dankbar, dass ich da wissenschaftliche Kompetenz in Form von vielen interessanten Menschen an meiner Seite habe.

WDR 3: Sie selber haben einen philosophischen Background, sind an der Universtität zu Köln als philosophischer Hochschullehrer tätig. Was beeindruckt Sie aus dem Blickwinkel am meisten, dass hier Analytisches und Haptisches so schön miteinander verbunden wird?

Burchardt: Vielerlei beeindruckt mich. Auf der einen Seite ist das Ensemble selber das Kunstwerk. Das Haus atmet eine tiefe Zeit der Muße, der Passion über viele, viele Jahre, derer man auch teilhaftig wird, wenn man da durchgeht. Wir sind ja sehr geprägt durch Chronologie, durch Termine und hier hat wirklich jemand die Passion, sich über viele Jahre mit Material zu beschäftigen. Dann finde ich die Parallele zwischen Denken und Falten spannend, denn das, was wir den Geist die Reflexion nennen, ist beim Papier das Falten, den Aufbau von Komplexität und Struktur.

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

WDR 3: Ihr Onkel hat so etwas wie einen heimlichen Beruf aus dem Falten gemacht, oder?

Burchardt: Das kann man sagen, sofern Beruf und Berufung hier zusammenfallen. Es ist eine Passion, die aber nicht den Charakter einer Pathologie oder Besessenheit hatte. Ich glaube, dass Vieles, das ihn beruflich ausgemacht hatte, hier zum Zuge kommen kann, also das wissenschaftliche, systematische Vorgehen. Er hatte auch eine Schlosserlehre gemacht, die er sicherlich brauchen konnte, als es darum ging, große Faltungen an Metallplatten vorzunehmen, was ja technisch schon eine Herausforderung ist.

Er hat auch Biologiebücher in seine Arrangements gelegt, um Gemeinsamkeiten und Variationen deutlich zu machen, so wie der Schmetterlingssammler, der seine Objekte auf Stecknadeln aufpiekst.

Matthias Burchardt

WDR 3: Der Wissenschaftler und Forscher scheint schon durch in diesem Oeuvre.

Burchardt: Auf jeden Fall, aber es sind auch Etüden des Sehens. Es ist fast eine postmoderne Perspektive des Sehens, dass wir vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sehen und in der Unübersichtlichkeit das Einzelne aus dem Blick verlieren. Dieses Werk fordert uns Zeit ab und befragt unsere Wahrnehmungsgewohnheiten.

WDR 3: Haben Sie Unterlagen gefunden, wie er sich in die Techniken, in die Materie eingearbeitet hat, zum Beispiel japanische Origami-Techniken?

Burchardt: Das ist ganz spannend, aber auch im Moment noch gar nicht aufgearbeitet. In der Bibliothek findet sich japanische Literatur, wir gehen inzwischen davon aus, dass er sich das autodidaktisch versucht hat beizubringen und auch zu rezipieren. Wobei man dem nicht gerecht wird, wenn man sagt, das ist eine Ableitung, sondern es sind Inspirationen.

WDR 3: Gehört denn eine gewisse Besessenheit dazu, so ein Werk zu schaffen?

Burchardt: Auf jeden Fall. Man muss sich vorstellen, das sind jetzt fast 40 Jahre der Einsamkeit, der Erwerbslosigkeit, es gibt kein Einkommen, sondern nur dieses Lebensthema. Ich denke, er hatte auch die Hoffnung, damit auch in irgendeiner Weise zu reüssieren, aber das war nicht der Hauptantrieb. Es ging tatsächlich darum, diese Formsprache bis ins Letzte auszureizen, um so etwas wie eine Wahrheit des gefalteten Papiers zu finden.

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

WDR 3: Inwiefern ist der riesige Aufwand im Hintergrund mit zu berücksichtigen?

Burchardt: Ich denke, dass das für eine wissenschaftliche Aufarbeitung essenziell sein wird. Wir erwägen im Moment verschiedene Perspektiven, wie man mit so einem Werk überhaupt umgeht. Die Frage ist: Ist eine Ausstellung überhaupt das Richtige, soll es einen Dokumentationsband geben? Uns schwebt auch ein wissenschaftliches Symposium vor, das interdisziplinär angelegt ist, was genau diese Hintergründe auch rekonstruieren soll, um damit auch Inspirationen für weitere Arbeiten zu gewinnen.

WDR 3: Das Ganze ist ja auch ein Gesamtkunstwerk.

Burchardt: Das ist faszinierend und erschreckend zugleich, so dass wir uns auch über Unterstützung freuen würden, um eine angemessene Würdigung dieses Werkes überhaupt zustande zu bringen.

WDR 3: Gibt es denn schon Ideen, was Sie mit dem Schatz machen?

Burchardt: Ideen gibt es viele und es ist unglaublich schön zu träumen. Eine Idee war, das Haus eins zu eins auf der Documenta wieder aufzubauen. Ich glaube, da brauchen wir einen großen Sponsor für. Ein Traum von mir wäre, daraus einen akademischen Ort zu schaffen, der Kunst und Wissenschaft ins Gespräch bringt, mit Seminarräumen für Wissenschaftler, Studenten, aber auch für Künstler. Mindestens schön wäre ein Dokumentationsband, ein Buch, das die wissenschaftliche und die künstlerische Seite in irgendeiner Weise festhält.

WDR 3: Inwiefern sind auch die Räumlichkeiten Teil der gesamten Installation?

Burchardt: Auf den ersten Blick ist es wie ein Heuschreckenschwarm, der das Haus erobert hat, aber ich glaube, dass die Atmosphäre des Hauses wesentlicher Bestandteil des Ganzen ist. Dieser pädagogische Nutzungsraum der Schule ist von meinen Großeltern in einen Wohnraum verwandelt worden. Insofern ist auch die Architektur Bestandteil des Ganzen. Das kann man nicht trennen.

Das Gespräch führte Katja Schwiglewski in WDR 3 Kultur am Mittag

 

Fotorundgang durchs Haus

Von Thomas Köster

Erwin Hapke, Papierfaltkunst (Ausstellungsansicht)

Hinter dieser unscheinbaren Haustür einer ehemaligen Schule in einem kleinen Dorf im Kreis Unna lagert ein unglaublicher Kunstschatz. Er konnte in dieser Fülle nur entstehen, weil sich der Bewohner des Hauses, der jetzt mit 79 Jahren gestorben ist, über 40 Jahre konsequent der Außenwelt verweigerte. Der zugeklebte Briefkasten zeigt es schon draußen, drinnen entfaltet sich eine eigene Welt.

Hinter dieser unscheinbaren Haustür einer ehemaligen Schule in einem kleinen Dorf im Kreis Unna lagert ein unglaublicher Kunstschatz. Er konnte in dieser Fülle nur entstehen, weil sich der Bewohner des Hauses, der jetzt mit 79 Jahren gestorben ist, über 40 Jahre konsequent der Außenwelt verweigerte. Der zugeklebte Briefkasten zeigt es schon draußen, drinnen entfaltet sich eine eigene Welt.

Schon im Hausflur hängen Unmengen an gefalteten und geschnittenen Figuren, die teils mit simplen Klebestreifen auf Karton an die Wand geklebt sind: Variierte Grundformen von rätselhaften Mustern, deren Ordnung man auch nach längerer Betrachtung nicht richtig durchschauen kann.

Vom Erdgeschoss über die erste Etage bis zum Dachboden haben diese einfarbigen oder bunten Objekte das Schulhaus seit den frühen 1980er Jahren in Besitz genommen und so die Räume zu einer riesigen Installation gemacht. Zugleich sind sie Dokumente einer Lebensgeschichte, die vermeintliches biografisches Scheitern in überaus lebendige Kunst verwandelt. Dabei ist alles noch so, wie der Verstorbene es hinterlassen hat.

Geschaffen wurden die Objekte von Erwin Hapke, einem promovierten Genetiker, der wohl an der Entschlüsselung der DNA beteiligt war, in den 1970er Jahren seinen Job verlor und sich, völlig verarmt, ins elterliche Haus bei Unna zurückzog. Versorgt wurde er schließlich von der Schwester aus dem Nachbarort, die ihm Lebensmittel brachte. Und über das Telefon erreichbar blieb. (Nur das Porträt ist hier fürs Foto arrangiert.)

Entdeckt wurde der Werkkomplex nach der Beerdigung Hapkes im April 2016 von seinem Neffen, dem Kölner Philosophen Matthias Burchardt. Auch von ihm hatte sich der Künstler vor vielen Jahren aus unerfindlichen Gründen zurückgezogen. "Bestürzend und faszinierend zugleich" sei es gewesen, sagt Burchardt, "ein ganzes Außenseiterleben als gefaltete Zeit vorzufinden".

Seinen Onkel beschreibt Burchardt als Universalgelehrten, der zeitweise einen Raben auf der Schulter trug und mit dem er über alles Erdenkliche habe reden können. "Als es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, hat er sich auch medizinisch versorgt, wie er es in Büchern gelesen hatte. Weil er weder sozial- noch krankenversichert war."

In der Hausbibliothek des Onkels finden sich auch Bücher auf Japanisch. Vielleicht hat er sich auch die klassische Sprache der Papierfaltkunst in den Tagen des Alleinseins selbst beigebracht. Mit traditioneller Origami hat dies alles nur bedingt zu tun. Schon alleine, weil Schere, Schachtelungen und Stecknadeln in seinem Werk nicht verboten waren.

Vielmehr ging es Hapke offensichtlich darum, aus einem Repertoire möglicher Faltungen Grundformen herauszubilden, die dann in immer neuen Varianten genutzt und in immer neuen Serien zusammengestellt werden konnten. Eine Arbeit mit durchaus wissenschaftlichem Anspruch, die den Biologen und Künstler Hapke zusammenbrachte.

Auslöser der Kunstproduktion war neben der Arbeitslosigkeit Ende der 70er Jahre auch der Rückzug des ebenso charmanten wie jähzornigen Charakters in die selbstgewählte Isolation. Wobei sich der Wunsch nach Familie durch Bilder vor allem der geliebten Großeltern, die in die Arrangements oft mit einbezogen werden, deutlich widerspiegelt.

Nur einmal habe sein Onkel das Haus noch verlassen, sagt Burchardt: Beim Tod seiner Mutter, im Jahr 1996. Da sei er mit dem Rad zu einem letzten Besuch nach Dortmund gefahren. Das Rad steht immer noch auf dem Speicher, ein stummer Zeuge eines einsamen Lebens. Natürlich umgeben von Falt- und Schnittkunst.

Überhaupt sind viele Inszenierungen im Hause biografischer Natur. Wie die zahlreichen Dorfarchitekturen aus Papier, in denen sich der 1937 geborene Hapke die Kindheit jenes Hofs in Ostpreußen gleichsam zurückerfaltete, von dem er mit der Mutter und den drei jüngeren Geschwistern 1945 vor der Roten Armee geflohen war.

Als Außenseiter und Flüchtling muss sich Hapke auch später empfunden haben. Mit Steinen beworfen und als "Russen" beschimpft, lebte die Familie noch lange in Flüchtlingsunterkünften etwa in Süddeutschland, bis sich die Eltern Wilhelm und Erna Hapke 1965 das ehemalige Schulhaus im Kreis Unna – und damit ein erstes Stück neuer Heimat – kaufte.

Und zeigen nicht viele der gefalteten Szenen Menschen auf der Flucht? So jedenfalls hätte es die Frau eines Dokumentarfilmers, selbst Flüchtling vom Balkan, dies gesehen, sagt Burchardt, der nach der Beerdigung einigen Freunden das Haus zeigte. "Mit jedem Menschen, mit dem ich durch die Räume gehe, entdecke ich noch einmal andere Sachen, was für mich den Wert des Werkes unterstreicht."

Andererseits entziehen sich die Faltfiguren, die zum Teil wie Zinnsoldaten auf einem imaginären Schlachtfeld in riesigen Wimmeltableaus gruppiert sind, einer eindeutigen Interpretation. Nicht alles ist biografisch zu manifestieren. Letztendlich ist es dem Betrachter selbst überlassen, hier Ordnung und Sinn zu schaffen.

Das gilt auch für jene seltsamen Mischwesen aus Metall, die in der Werkstatt des Vaters im Garten entstanden und nun den Dachboden bevölkern. Kraftvolle, dynamische, teils monströse Figuren, die davon zeugen, dass Hapke, der vor seinem Biologiestudium eine Schlosserlehre machte, auch die nicht gerade triviale Blechfaltung beherrschte.

Andere Figuren, die mit ihren Kopftüchern an ostpreußische Bäuerinnen oder Ordensschwestern erinnern, scheinen der verlorenen Zeit buchstäblich hinterher zu trauern. Oder sind das nur willkürliche Deutungen, die sich im vom traurigen Schicksal ihres Schöpfers ergriffenen Auge des Betrachters widerspiegeln? Wer weiß das schon.

Mindestens ebenso faszinierend wie die Faltobjekte aus Papier und Metall sind die filigranen Zeichnungen, auf denen Hapke abstrakte Muster und seltsame Roboterwesen festhielt. Auch sie sind, auf Papier oder Folie, zu Hunderten in über das Haus verteilten Stapeln zu finden. Ob sie sich nachfalten ließen, müsste sich noch erweisen.

Zu einigen Exemplaren seiner Faltkunst hat Hapke detaillierte Gebrauchsanweisungen gezeichnet, die offenbar auch zur Veröffentlichung bestimmt waren. Darüber hinaus findet sich im Haus ein großer Bestand an Blättern, die in allen nur erdenklichen Weisen "vorgefaltet" sind. Für Faltkunst-Schüler, zu Übungszwecken?

Vielleicht plante Hapke ja sogar, sein Einsiedlerdasein irgendwann einmal auf- und sein Wohnhaus als Museum der Öffentlichkeit preiszugeben? Als Künstler verstand er sich offensichtlich allemal, wie sich an seinen roten Initialen in einem Meer weißer Faltbuchstaben ablesen lässt.

Und dann sind die Spitzen mancher Metallmonster unter dem Dach auch noch mit Korken versehen. Hörner? Oder vielleicht doch Schutz für Besucher, die Zeit seines Lebens nie kamen?

"Auf jeden Fall erkennen wir in der thematischen und formalen Anordnung eine klare museale Ordnung", sagt auch Matthias Burchardt. Für ihn gibt es auch Ansätze einer Besucherführung durch Beschilderungen, die, wie sorgfältig drapierte Blätter mit Bonmots oder angeklebte Zettel, eigentlich wirklich nur für die Nachwelt gemacht sein können.

Überhaupt ist Hapkes Haus bei aller durch die Umstände bewirkten Melancholie jenseits der überwuchernden Installationen sehr aufgeräumt. Der überwältigende Eindruck des Chaotischen entsteht einzig und allein durch die als überbordend und unübersichtlich empfundenen Ordnungen des Werks. Ein Messie jedenfalls war Erwin Hapke nicht.

Gemeinsam mit einem Team aus Künstlern und Kunsthistorikern will Burchardt den "wunderbaren Nachlass" seines Onkels nun sichten, dokumentieren und für die Nachwelt aufbereiten. In welcher Form, steht noch nicht fest. Denn eigentlich gehört ja alles irgendwie zusammen. Und muss gerettet werden, bevor es zerfällt oder ein Windstoß kommt.

Vielleicht wäre deshalb der scherzhafte Vorschlag der an der Dokumentation des Nachlasses beteiligten Künstlerin Dea Bohde aus Köln die einzige reale Möglichkeit. "Bohde hat vorgeschlagen, das ganze Haus abzubauen und Eins zu Eins auf der Documenta wieder aufzubauen", sagt Burchardt.

Erwin Hapke kann das Engagement nicht mehr miterleben. Er erfror im April 2016 nach einem Sturz im eigenen Haus. Weil er aus Sparsamkeit darauf verzichtete, die vom Vater selbst entwickelte Heizung mit Pressholz in Gang zu setzen. Ihr skulpturaler Körper ist ein kleines Indiz dafür, woher Hapkes Einfallsreichtum kam.

Fest steht, dass die Aufbereitung von Hapkes vor zwei Monaten erst entdecktem Gesamtkunstwerk noch ganz am Anfang steht. Den Beteiligten ist zu wünschen, dass es in einer Weise geschieht, die diesem schillernden, einsamen, völlig "unnormal" getakteten und in seiner künstlerischen Entfaltung unglaublich konsequenten Leben angemessen ist.

Das Interview mit Matthias Burchardt zum Nachhören

WDR 3 Kultur am Mittag | 07.06.2016 | 10:31 Min.

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Stand: 07.06.2016, 17:00