Generierte Gesichter. "Facetunes" in Bielefeld

Generierte Gesichter. "Facetunes" in Bielefeld

Von Thomas Köster

Welches Verhältnis besteht zwischen Porträt und Wirklichkeit in einer Zeit, in der das Digitale das Authentische untergräbt? Eine Ausstellung im Bielefelder Kunstverein geht dieser Frage auf den Grund.

Facetunes, Bielefelder Kunstverein, Bielefeld 2017 (Ausstellungsansicht)

Anhand von neun teils sehr verschiedenen Positionen zeitgenössischer Künstler spannt die Bielefelder Ausstellung einen Bogen - über ganz verschiedene Sichten auf das Bildnis als künstliches Pendant zum echten Gesicht: ein auf Wahrhaftigkeit gegründetes Verständnis, das im Zeitalter von schier unendlichen digitalen Manipulationsmöglichkeiten arg ins Wanken geraten ist.

Anhand von neun teils sehr verschiedenen Positionen zeitgenössischer Künstler spannt die Bielefelder Ausstellung einen Bogen - über ganz verschiedene Sichten auf das Bildnis als künstliches Pendant zum echten Gesicht: ein auf Wahrhaftigkeit gegründetes Verständnis, das im Zeitalter von schier unendlichen digitalen Manipulationsmöglichkeiten arg ins Wanken geraten ist.

Am klassischsten funktioniert die Idee einer Abbildung des "Seelenlebens" in Gesicht und Haltung noch bei dem Kölner Fotografen Albrecht Fuchs, der seit 25 Jahren mit der Mittelformatkamera Künstler porträtiert – und dabei deren Persönlichkeit herauszudestillieren versucht. Jedes Bild ist der Prozess einer langen Auseinandersetzung; hier mit dem britischen Künstler Jeremy Deller.

Michaela Meise, die sich vor allem mit der psychologischen und gesellschaftlichen Bedeutung der Familie beschäftigt, geht mit ihren ungewöhnlichen Keramiktafeln einen ganz ähnlichen Weg. Die Arbeiten der Serie "Mothers" (2014) basieren auf den versprachlichten Erinnerungen der jeweiligen Töchter. Biografische Momente flossen so – wie hier bei "Anna" – direkt mit ein.

Gebrochen ist diese Vorstellung trotz allem vordergründigen Realismus bei Birgit Megerle, die auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens porträtiert, zu diesen sie aber kein persönliches Verhältnis hat. "Living Currencies" (2015) präsentiert eine farblich stark unterkühlte Christine Legarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds – und verweist darauf, dass man Geste und Pose in der Politik nicht für bare Münze nehmen sollte.

Etwas aus dem Rahmen fällt auf den ersten Blick Oliver Larics heilige Veronica von 2016, die ihre marmorne Anmutung einem Kunstharzguss verdankt. Sie ist das naturgetreu eingescannte Abbild einer fast lebensgroßen Heiligenfigur aus Stein im Wiener Stadtraum. Warum sie in "Facetunes" steht, verrät sich erst auf den zweiten, ikonographischen Blick: Hier geht es natürlich nicht um das Porträt der Heiligen, ….

… sondern um das Schweißtuch des geschundenen Christus, das sie in den Händen hält. Es verweist auf das "Vera Icon", das nicht von Menschenhand gefertigte Antlitz, das die gesamte christliche Kunstgeschichte durchzieht. Was könnte in unseren maschinellen Zeiten von 3D-Druck und Bildbearbeitungsprogrammen aktueller sein?

Gleichzeitig präsentiert Laric seine Skulptur ganz offen als abgehackte hohle Form. Wer hinter die Fassade der Darstellung blickt, indem er um das Werk herumgeht, kann das entdecken. So reflektiert "St. Veronica" auf einer auch wahrnehmungsphilosophischen Ebene besonders anschaulich jene Ambivalenz, um die es den Machern von "Facetunes" geht.

Gleiches gilt für Larics "Life Masks" (2016), in denen der in Innsbruck geborene Künstler im Internet ersteigerte Masken von Christopher Walken, Sigourney Weaver oder Robert de Niro verarbeitet hat. Kultische Verehrung, schöner Schein und bloße Maskerade finden hier ein Sinnbild. So sind die "Life Masks" eigentlich die Totenmasken des authentischen Porträts.

Britta Thie aus Berlin macht sich in ihrer Videoarbeit "Shooting – Arrogant Suffering" (2009) auf sehr ionische Weise gleich selbst zur Maske, indem sie, ihrer eigenen Model-Erfahrung eingedenk, auf dem rechten Bildschirm die Posen einer falschen Emotionalität einnimmt – allerdings nach Vorgaben, die sie sich auf dem linken Bildschirm selber gibt. Das Verlogene der Reklamewelt wird so irgendwie doch wieder authentisch.

Wie aber verhalten wir uns zum Porträt im Zeitalter seiner vollkommenen digitalen Generierbarkeit? Wie begegnen wir einem Gesicht, das nichts Natürliches mehr hat? Diesen Fragen geht die britische Künstlerin Kate Cooper nach, die sich vor allem mit der Wirkung von Werbebildern auf unser Bewusstsein auseinandersetzt. An der blendenden Schönheit ihrer Videoanimation ist nichts mehr echt.

Aber es gibt auch Positionen, die auf geradezu paradoxe Weise das menschliche Antlitz bewahren wollen. Paolo Cirio aus New York ist hierfür ein gutes Beispiel. Grundlage seiner Arbeiten sind so genannte Mugshots: Fahndungsfotos von US-amerikanischen Straftätern, die millionenfach im Internet kursieren. Cirio macht die Porträts der an den digitalen Pranger gestellten Täter unkenntlich – und wahrt gerade dadurch ihr Gesicht.

Noch deutlicher – und deutlich plakativer – agiert Thomas Hirschhorn in seinen Pixel-Collagen, indem er das Prinzip der Bilderflut einfach umdreht: In seinen Großformaten sind die eingewobenen Werbebilder des Internets bis zur Unkenntlichkeit verpixelt. Scharf treten Fotos verstümmelter Menschen hervor, die man sonst eher nicht zu Gesicht bekommt. Die vielleicht politischste Arbeit der Bielefelder Schau.

"Facetunes" ist bis zum 5. November 2017 im Bielefelder Kunstverein zu sehen. Zur Ausstellung ist ein kleines, aber feines Booklet auf Deutsch und Englisch erschienen, das den versammelten Künstlern neben Abbildungen sehr knappe, aber prägnante Texte widmet. Hier Michaela Meises "The Painter‘s Daughters" (2011) mit Abbildungen der von Thomas Gainsborough im 18. Jahrhundert gemalten Töchter.

Stand: 25.08.2017, 09:00 Uhr