Jasmina Cibic und "Exat 51" in Krefeld

Jasmina Cibic und "Exat 51" in Krefeld

Von Thomas Köster

Schwebende Häuser und nackte Modelle im Garten: In einer spektakulären Doppelausstellung gehen Haus Lange und Haus Esters der Frage nach, wie sich Kunst, Kapital und Politik zusammenreimen.

Jasmina Cibic, The Spirit Of Our Needs, Museum Haus Esters, Krefeld 2017 (Ausstellungsansicht)

Die 38-jährige Slowenin Jasmina Cibic gehört zu jener jungen Generation von Künstlern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die mit ihren Installationen gesellschaftliche, politische und historische Fragen aus dem forschenden Blickwinkel der Kunst beleuchten wollen. Mit diesem Konzept hat sie es 2013 immerhin schon zur Repräsentantin ihres Landes bei der Biennale in Venedig gebracht, wo Kuratorin Katia Boudin sie für die Krefelder Schau entdeckte.

Die 38-jährige Slowenin Jasmina Cibic gehört zu jener jungen Generation von Künstlern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die mit ihren Installationen gesellschaftliche, politische und historische Fragen aus dem forschenden Blickwinkel der Kunst beleuchten wollen. Mit diesem Konzept hat sie es 2013 immerhin schon zur Repräsentantin ihres Landes bei der Biennale in Venedig gebracht, wo Kuratorin Katia Boudin sie für die Krefelder Schau entdeckte.

"Für meine Arbeit steige ich in die Archive", sagt Cibic. Aber ich spreche auch mit den Menschen in jenen Orten, in denen meine Arbeiten entstehen sollen." Dieser Ortsbezug ist wichtig und spiegelt sich im "Forschungsteil" des Werks mannigfach wider. So ist die Installation im Haus Esters in der "Samt und Seidenstadt" Krefeld mit einem Vorhang ausgekleidet, der jene Entwürfe rekonstruiert, die Mies van der Rohe – Architekt von Haus Esters – 1927 für das Berliner Café "Samt & Seide" schuf.

In einem anderen Raum stehen Rekonstruktionen von Skulpturen, die Jan Thorn-Pricker und Heinrich Campendonk für die Krefelder Villa Merländer und das dortige Kaiser-Wilhelm-Museum schufen. Die dritte stammt von Mies van der Rohe. Das Original gehörte 1929 zur Ausstattung des deutschen Ausstellungspavillons zur Weltausstellung in Barcellona. Derart assoziativ entrollt Cibic ihr Themenspektrum, das sich mit Kunst, Kapital und öffentlicher Präsentation befasst. Und mit der Rolle der Frau im Kunstbetrieb.

Da ist es fast schon subversiv, dass Cibic Künstler und Kurator gemeinsam mit "Germania" im Film von Frauen verkörpern lässt. Ihr Gespräch ist eine Collage aus Zitaten rund um die Diskussionen zur Teilnahme Deutschlands an den Weltausstellungen von 1929, 1937 und 1958. Gedreht wurde mit professionellen Schauspielerinnen und einer riesigen Filmcrew. Hier die Küche von Haus Lange mit dem zum Gestaltungsort umfunktionierten Herd.

"Nada III" ist Abschluss einer Trilogie, die sich Cibic anhand von drei Architekten der Moderne auf fast schon gespenstisch intelligente und dabei auch noch schön anzuschauende Art und Weise mit den sozialpolitischen Verflechtungen des Kulturbetriebs auseinandersetzt – und den stummen, zum Objekt malerischer oder bildhauerischer Begierden degradierten Frauen eine Stimme gibt. Die müssen sie sich räkeln, thronen aber auch auf Podesten, die die Rückriem-Skulptur im Hintergrund zitieren.

"Nada" ist nicht nur das kroatische Wort für Hoffnung, es ist auch der Name der Frau des jugoslawischen Architekten Vjenceslav Richter, mit dem sich Cibics zweiter, ebenfalls in Krefeld gezeigter "Nada"-Film auseinandersetzt. Im Zentrum steht Richters gewagter Entwurf für den Pavillon auf der Expo 58 in Brüssel, der, an einem riesigen, 70 Meter hohen Mittelpfeiler aufgehängt, über dem Boden schweben sollte. Ein Modell davon ist in Haus Lange gleich gegenüber zu sehen.

Ebenfalls gezeigt wird ein Foto des realisierten, deutlich geerdeten Baus, vor dem auch Richters aufstrebende Skulptur namens – natürlich – "Nada" platziert war. Das Gebäude war dem damaligen jugoslawischen Machthaber Tito dann aber offenbar doch zu avantgardistisch. Jasmina Cibics Fragen zum Zusammenspiel von Künstler, Auftraggeber und gesellschaftspolitischer Relevanz aus Haus Esters werden so in Haus Lange wieder aufgegriffen.

Vjenceslav Richter war Teil von "EXAT 51", einer Vereinigung von Künstlern, Filmemachern, Designern und Architekten in Zagreb, die mit Unterstützung des jugoslawischen Staates nach dem Bruch Titos mit Stalin in den 50er und 60er Jahren versuchten, den eigenen sozialistischen Weg des Landes zu begleiten. In Krefeld ist auch die Rekonstruktion der ersten Gruppenausstellung zu sehen, die sich auf wundersame Weise exakt in die Architektur Mies van der Rohes einpasst.

In Krefeld lässt sich erstmals überhaupt in einer Ausstellung bewundern, wie der politische Sonderweg Titos von einer teils heute noch erstaunlich frisch wirkenden Kunst flankiert war, die sich ganz von der Doktrin des sozialistischen Realismus befreien konnte, ohne dabei gänzlich frei zu sein. So erzählen Haus Esters und Haus Lange auf ganz unterschiedliche Arten die gleiche Geschichte vom Wechselspiel zwischen Geist und Macht, Utopie und Alltagswirklichkeit (im Bild: Designarbeit von Ivan Picelj, 60er Jahre).

"Jasima Cibic" und "EXTA 51" sind die ersten in Krefeld kuratierten Ausstellungen von Katia Baudin, die seit September 2016 die städtischen Kunstmuseen leitet (rechts: EXTA-Co-Kurator Tihomir Milovac aus Zagreb). Und der Beginn einer neuen Ära. "Ich will, dass die beiden Häuser in einen engen Dialog treten", sagt Baudin. In Zukunft sollen hier immer Ausstellungen stattfinden, die sich aufeinander beziehen.

In Krefeld ist der Aufschlag dieses "dialogischen Ping-Pong-Prinzips" (Baudin) jedenfalls schon vielversprechend geglückt. Die vielen hier angesprochenen Bezüge und Verbindungen finden ihr schönstes Sinnbild vielleicht in Jasmina Cibics Installation "The Spirit of Our Needs" selbst, die die Zitate zu den deutschen Pavillons bei den Weltausstellungen unter anderem in rhönradartigen Skulpturen präsentiert. Was sich hier als hehres Zukunfts-Ideal lesen lässt, läuft sich in der Endlosschleife der Lektüre langsam leer.

Bezeichnenderweise wird eines der in Krefeld gezeigten "Rhönräder", dessen ästhetische Eleganz ja vor allem der Nationalsozialisten instrumentalisierte, auch in Cibics Mies van der Rohe gewidmeten Film "Nada III" gerollt. So schließt sich in Haus Esthers der Kreis, der über den Bogen zu "EXTA 51" mit seinen Gegenentwürfen und ideologischen Beschränkungen eben auch Haus Lange umfasst.

"Jasmina Cibic. The Spirit of Our Needs" und "EXAT 51" sind noch bis zum 14. Januar 2018 in Haus Esters und Haus Lange in Krefeld zu sehen. Bis dahin sollte man das Museumsensemble auf jeden Fall noch einmal besuchen. Denn danach schließen die beiden von Mies van der Rohe entworfenen Häuser erst einmal für lange Zeit, um grundsaniert zu werden.

Stand: 30.09.2017, 10:19 Uhr