Wie eine Stadt ihr grünes Wunder erlebt

Wie eine Stadt ihr grünes Wunder erlebt

Von Claudia Friedrich

Essen ist Kultur, noch ein bisschen grau, aber auch "Grüne Hauptstadt Europas 2017". Früher wütete hier die Montanindustrie, heute wird gegraben, gepflanzt und geerntet. Ein Besuch bei Gemeinschaftsgärtnern, Samenbomben werfenden Grün-Aktivisten und einem Öko-Bauern, dessen Schafe im grünsten Stadtteil Essens grasen.

Eine Fahne mit der Aufschrift "Essen 2017 - Grüne Hauptstadt Europas"

Essen ist die achte Grüne Hauptstadt Europas. Das Logo symbolisiert Essen. Ein Netz aus grünen und zwei blauen Bändern. Das Grün steht für die Grünflächen, das Blau für die beiden Flüsse, die Ruhr im Süden und die Emscher im Norden der Stadt. 2010 trug Schwedens Hauptstadt Stockholm als erste Grüne Hauptstadt den Titel, das niederländische Nimwegen erhält 2018 den Zuschlag.

Essen ist die achte Grüne Hauptstadt Europas. Das Logo symbolisiert Essen. Ein Netz aus grünen und zwei blauen Bändern. Das Grün steht für die Grünflächen, das Blau für die beiden Flüsse, die Ruhr im Süden und die Emscher im Norden der Stadt. 2010 trug Schwedens Hauptstadt Stockholm als erste Grüne Hauptstadt den Titel, das niederländische Nimwegen erhält 2018 den Zuschlag.

Heidi Sando steht am Eingang zum Gemeinschaftsgarten an der Planckstraße in Essen Holsterhausen. Hier hat sie ihren Infopoint bezogen, verteilt Broschüren und Blumensamen, lacht viel und spricht voller Leidenschaft über die Grüne Hauptstadt Europas. "Ich kenne ja Essen und ich weiß, wie grün die Stadt ist."

Björn Ahaus ist Sozialwissenschaftler, Vater, Gemeinschaftsgärtner. Mit rund zehn Mitstreitern beackert er den Planckgarten, eine Brache im Essener Zentrum, nah der A 40. Im Moment steckt er Bohnensamen in die Erde. Bohnen gehören zum Maya Mix, einer Mischkultur aus Mittel- und Nordamerika. Tausende Jahre alt. Kürbis und Mais sind schon gepflanzt. Kürbis hält die Erde feucht, Mais dient als Rankhilfe.

Sohn Samuel geht dem Vater zur Hand, zupft Unkraut oder das, was er dafür hält. Für Björn Ahaus ist Gärtnern Experimentieren, ganz im Sinn der "Transition Town"-Bewegung, denn das Experiment ist ein Weg zum Wandel. Den Grundstein der Bewegung legte der britische Umweltaktivist Robert "Rob" Hopkins. Was 2004 als Laborversuch an einer Universität in Irland begann, existiert zur Zeit in mehr als 40 Ländern. "Transition Towns" agieren unter einem gemeinsamen Motto: "Einfach. Jetzt. Machen!" Samen in die Erde und schauen, was passiert.

Als die Biologin Susanne Wiegel von den "Transition Towns" hörte, wusste sie, das braucht Essen auch. Also gründete sie kurzerhand die Initiative "Transition Town Essen". Die Vision der Bewegung ist der Wandel in eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe. Der Weg zum Wandel ist das Experiment, das Tun. In Tauschbörsen und Repair-Cafés werden alternative Wirtschaftskulturen erprobt. "Zur Zeit erarbeiten wir das Konzept Nachhaltige Nachbarschaft", sagt Susanne Wiegel: "Langfristig müssen wir uns mit dem bestehenden Geldsystem auseinandersetzen." Es gehe nicht darum, gegen das Bestehende zu kämpfen, sondern die Innovationen zu diffundieren, von unten nach oben.

Sie knetet Ton, formt eine Schale, bedeckt sie mit Erde, benetzt sie mit Wasser, belegt sie mit Wiesenblumen-Samen. Eine sinnliche Kampfansage an die Patentierung von Saatgut durch Großkonzerne.

Aus dem Sandwich formt sie eine Kugel, lässt sie trocknen, trägt sie zwei Tage später in den öffentlichen Raum, wirft sie auf den Boden. Aus der Samenbombe erwächst eine bunt duftende Zukunft.

Ihre Erfahrung sammeln die Gemeinschaftsgärtner durchs Tun. Sie recherchieren, graben, halten Ordnung. Ein wenig Unterstützung erfahren sie durch die Stadt, Werbung durch den europäischen Titel Grüne Hauptstadt. Inzwischen ist Essen um zehn bepflanzte Brachen reicher. 20 "Urban Gardening" Projekte sind das Ziel.

Wo Pflanzen Wurzeln schlagen, werden keine Böden versiegelt. Hochbeete, Kräuterspiralen, Miniäcker, Schattenecken, Blumeninseln bedeuten weniger Asphalt. Auf den Pflanzschildern stehen Namen in drei Sprachen: deutsch, englisch, arabisch. Der Flüchtlinge wegen, die ab und zu den Garten besuchen.

In Essens Westen, um Schloss Borbeck, entstand einer der ältesten gestalteten Landschaftsgärten des Rheinlands, eine Komposition aus Wiesenzimmern, Wald, Gewässern, natürlichen Tälern. Im Norden des Anwesens liegt das barocke Wasserschloss, von einer Gräfte umgeben. Bis 1792 residierten hier die Fürst-Äbtissinnen und ihre Stiftsdamen. Unter der Herrschaft der letzten Fürst-Äbtissin wurde in dem hügeligen Gelände ein englischer Park angelegt, mit chinesischen Elementen, Pagoden, exotischen Gehölzen, Wasserkaskaden, Teepavillon, Schwanenteich. Ansatzweise ist die Architektur erhalten, ein Kleinod, das heute Eigentum der Stadt ist.

In Essens Norden, in Karnap, steht der 14 Meter hohe Karbon Obelisk der US-amerikanischen Künstlerin Rita McBride. Als die Ruhrmetropole 2010 Europas Kulturhauptstadt war, platzierte sie den Pfeiler mit der Pyramidenspitze an einem Wegkreuz nahe der Emscher. Obelisken sind universelle Bauwerke an bedeutenden Orten. Auch die glänzende Spitzsäule aus Kunststoff und Karbonfaser dient als Markierung, ist Land-Art im Herzen der Montanindustrie.

Der Duft von welken Rosen und faulen Eiern liegt in der Luft. Noch trägt die Emscher an den Abwässern eines Jahrhunderts. Damals wurde sie begradigt und geopfert. Ein oberirdischer Abwasserkanal, der die Krankheiten der Zeit wie Typhus wegspülen sollte. Doch ihre Bewohner begaben sich auf Tauchstation. Bis in die 1990er Jahre überlebte eine seltene Fischart, die Emschergroppe, das Ökodesaster unentdeckt in einem Nebenarm des Flusses.

Zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal, auf der Emscherinsel, steht ein temporäres Hotel, gebaut auf Stegen und Stelzen. Land-Art der niederländischen Künstlergruppe Observatorium.Titel: Warten auf den Fluss. 2019 wird der Emscherabschnitt in Essen renaturiert. Wer auf den Fluss warten will, kann buchen und übernachten.

In Essens Süden, in Schuir, grasen Schafe auf den Streuobstwiesen eines Ökobauern, der Familie Feldmann.

Feldmann’s Grüner Markt betreibt ökologische Landwirtschaft, züchtet Schweine, verkauft eigenes Gemüse und Fleisch. Die Esel leben auf dem Hof und sind ein Blickfang für den Besuch. Schuir gilt als einer der grünsten Stadtteile Essens.

Ralph Kindel ist Kommunikationswissenschaftler und Projektleiter der Grünen Hauptstadt Essen 2017. Den Wandlungsprozess der Stadt entwirft Ralph Kindel mit zwei Farben: Grün und Grau. "Die Transformation lässt sich so beschreiben: Grün zu Grau zu Grün. Essen begann als Agrarregion, wurde ein Zentrum der Schwerindustrie und bekennt sich jetzt wieder zu Grün." Das Jahr der Grünen Hauptstadt ist erst der Anfang.

Ralph Kindel steht auf dem Gelände des Ökobauern in Schuir, blickt ins Ruhrtal und auf den gegenüberliegenden Höhenzug, nach Heidhausen, den höchst gelegenen Ort Essens. Die einstige Montanmetropole gilt als die grünste Stadt in NRW und die drittgrünste in der Bundesrepublik. Doch es gibt viel zu tun. Stichwort Modal-Split. Bis 2035 sollen sämtliche Verkehrsmittel gleichberechtigt genutzt werden. Je 25 Prozent zu Fuß, per Bus und Bahn, mit dem Fahrrad, im Auto. Zur Zeit ist das Auto mit mehr als 50 Prozent Spitzenreiter. Mit grünen Gedanken und vor allem Taten setzt die "Transition Town"-Bewegung in Essen auf grüne Mobilität. Die Infrastruktur zu schaffen liegt in der Macht von Verwaltung und Politik .

Stand: 22.05.2017, 16:31 Uhr