Ausstellung "Die Zugezogenen" in Krefeld

Ausstellung "Die Zugezogenen" in Krefeld

Von Annabelle Steffes-Halmer / Jörg Biesler

Das skandinavische Künstlerduo Elmgreen und Dragset richtet im Krefelder Museum Haus Lange mit "Die Zugezogenen" eine merkwürdige Szenerie ein: Ein Toter im Swimming Pool, ein Geier auf dem Kinderbett, ein kleiner Junge im Kamin. Doch zu welchem Zweck?

Death of a collector , Ausstellung "Die Zugezogenen"

Ein verstörender Anblick bietet sich den Besuchern im Krefelder Museum Haus Lange: In dem schönen Pool hinter der Bauhaus-Villa treibt ein Toter, mit dem Gesicht nach unten. Offenbar hat der Mann Selbstmord begangen, die Schuhe stehen noch am Rand, auf dem Grund liegt seine Uhr. Glücklicherweise ist es kein echter Toter, sondern eine Puppe, Teil der Installation "Der Tod des Sammlers" - "Death of a Collector" - des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Ein verstörender Anblick bietet sich den Besuchern im Krefelder Museum Haus Lange: In dem schönen Pool hinter der Bauhaus-Villa treibt ein Toter, mit dem Gesicht nach unten. Offenbar hat der Mann Selbstmord begangen, die Schuhe stehen noch am Rand, auf dem Grund liegt seine Uhr. Glücklicherweise ist es kein echter Toter, sondern eine Puppe, Teil der Installation "Der Tod des Sammlers" - "Death of a Collector" - des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Mit dem Toten im Pool haben Elmgreen und Dragset schon bei der Biennale in Venedig 2009 Aufsehen erregt. Für die neue Ausstellung "Die Zugezogenen" im Krefelder Museum Haus Lange wurde das Werk nun reinstalliert - weil es so gut in den Garten der von Ludwig Mies van der Rohe entworfenen Villa passt. Die weiteren Kunstwerke sind neu, mit ihnen hat das skandinavische Künstlerduo das Haus wieder zu dem gemacht, was es einst war: das Wohnhaus einer Familie. Allerdings mit einigen irritierenden Details ...

Die Künstler inszenieren den Einzug einer fiktiven deutschen Familie, die wegen des Brexits aus Großbritannien flüchtet und nach Deutschland zurückkehrt. Dieses Szenario sei wenig realistisch, räumt Ingar Dragset ein: "Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass es jetzt eine Flut deutscher Rückkehrer gibt. Aber wenn man sich darüber Gedanken macht, dass die dann vielleicht Schwierigkeiten haben, sich hier wieder einzugliedern und seltsames Essen mitbringen, eigenartige Gewohnheiten – dann ist man halt schnell beim Thema Fremdenangst, die man im Augenblick in vielen Gesellschaften findet."

Der Brexit, so Ingar Dragset, sei ein Symbol für den weltweiten Vormarsch der Populisten. Er führt die Türkei, Trump, Brasilien, Indien als weitere Beispiele an. "Wir haben uns den Brexit ausgesucht, um ein bisschen satirisch auf die Sache zu blicken." Die fiktive Familie, die die Künstler ins Leben gerufen hat, war indes klar für den Verbleib in der EU. Das beweist der Aufkleber "I voted stay" auf dem Jaguar, der vor dem Haus parkt.

Im Haus scheint der Einzug in vollem Gange zu sein: Einiges steht schon, der gedeckte Tisch, Bilder, ein paar Sessel und Lampen. Und doch wird der Besucher stutzig.

"Der große Tisch, der festlich gedeckt ist, ist in der Mitte durchgebrochen und spaltet sozusagen die Familie", sagt Kuratorin Magdalena Holzhey. "Das Haus ist voll von solchen seltsamen Momenten, in denen hinter der Perfektion etwas anderes aufscheint: Das große Thema, das sie hier aufmachen, nämlich das veränderte Europa durch den Brexit - immer wieder kombiniert mit den Abgründen familiärer Mikrostrukturen."

So kauert im Kamin beispielsweise ein kleiner Junge. Er trägt die Uniform einer der teuersten Privatschulen Großbritanniens. Über dem Kamin hängt gewissermaßen, was von ihm erwartet wird, wie ihn die Eltern gerne sehen würden: Als strahlenden Eliteschüler. "High expectations" - "Hohe Erwartungen" heißt dementsprechend die Arbeit.

Die Künstler haben einige Arbeiten zum Thema Kindheit gemacht, über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und die Erwartungen, die in die Kinder gesteckt werden. "Es geht ja immer darum, erfolgreich zu sein, alles richtig zu machen, gut im Sport zu sein", erklärt Ingar Dragset. "Heute ist das noch dominanter, mit den sozialen Medien, wo man immer das beste Bild von sich zeigen muss." Und so findet man im Kinderzimmer auch kein liebliches Mobile, sondern einen bedrohlichen Geier, der über dem Kinderbettchen thront.

Die Ausstellung habe neben all den witzigen auch melancholische Aspekte, vor allem über das Thema "Zeit". Ein tickendes Metronom im Wohnzimmer, heruntergebrannte Kerzen, eine Reihe von Fotos - Symbole für das Verrinnen der Zeit. Die Künstler loten die Grenzen aus zwischen Kunst und deren Wirkung auf den Besucher. Dabei verschmelzen öffentlicher und privater Raum: "Die Besucher werden zu Voyeuren, denn sie gehen hier herum wie uneingeladene Gäste", meint Ingar Dragset. Wir spielen mit diesem Gefühl, schon wenn sie hereinkommen, wissen sie nicht genau, ob das eigentlich erlaubt ist. Ob das hier privat ist oder ein Museum. Wir mögen diese Unentschiedenheit."

Die Ausstellung vermischt verschiedene Geschichten und Zeitebenen und präsentiert sie neben-, nicht nacheinander: "Das ist hier nicht realistisch, es gibt einige realistische Hinweise, eine aktuelle Zeitung zum Beispiel, aber wir brechen diese Realität sofort wieder", so Dragset (im Bild links neben seinem Künstlerkollegen Michael Elmgreen). Die Besucher seien dazu angehalten, die Geschichten sozusagen zu Ende zu erzählen. Wer sich dieser Herausforderung stellen möchte, hat dazu noch bis zum 27. August 2017 Gelegenheit.

Stand: 20.02.2017, 16:39 Uhr