Käse, Fliegen, VW Käfer. Dieter Kraemer in Bonn

Käse, Fliegen, VW Käfer. Dieter Kraemer in Bonn

Von Thomas Köster

Als die ganze Kunstwelt abstrakt wurde, malte Dieter Kraemer die Alltagswirklichkeit. Zum 80. Geburtstag des Kölner Künstlers zeigt das LVR-Landesmuseum Bonn nun seine Stilleben, Straßen- und Autobilder. Irgendwo zwischen magischem Realismus, alten Meistern, Pop-Art – und, dann doch auch, Abstraktion.

Dieter Kraemer, LVR-Landesmuseum, Bonn 2017 (Ausstellungsansicht)

Im Kunstbetrieb hat Dieter Kraemer keinen großen Namen. Das liegt vor allem daran, dass der 1937 in Hamburg geborene Maler, der schon lange in Köln lebt, Zeit seines Lebens mit bemerkenswerter Konsequenz gegen den Strom der Strömungen angeschwommen ist.  Als im Nachkriegsdeutschland Abstraktion hip war, malte er als erster deutscher Künstler wieder gegenständlich. Als Intellektualität Mode wurde, wurde er bewusst naiv.

Im Kunstbetrieb hat Dieter Kraemer keinen großen Namen. Das liegt vor allem daran, dass der 1937 in Hamburg geborene Maler, der schon lange in Köln lebt, Zeit seines Lebens mit bemerkenswerter Konsequenz gegen den Strom der Strömungen angeschwommen ist.  Als im Nachkriegsdeutschland Abstraktion hip war, malte er als erster deutscher Künstler wieder gegenständlich. Als Intellektualität Mode wurde, wurde er bewusst naiv.

Dies ist umso erstaunlicher, als Kraemer seine Ausbildung Ende der 50er Jahre in der Meisterklasse Hann Triers machte, der zu den großen Meistern des Informellen im Rheinland zählt. "Wir waren aber sowieso eine bunte Truppe", erinnert sich Kraemer, der an der FH Köln später etwa Wolfgang Niedecken das Malen lehrte. Marwan gehörte dazu, aber eben auch Georg Baselitz ("Freizeitübung, 1971/74).

Rechtzeitig zum 80 Geburtstag hat das LVR-Landesmuseum Bonn Dieter Kraemer im Rahmen der Ausstellungsreihe "Szene Rheinland" nun eine bemerkenswerte Retrospektive geschenkt. Sie zeigt einen – allerdings bestens vernetzten – Außenseiter, dessen Position an Expressionismus und Neue Sachlichkeit anknüpft. Und trotzdem eine ganz eigene Stimme hat ("Pilot" und "Flugplatz Tempelhof", beide 1985).

Am stromlinienförmigsten sind da am ehesten noch die faszinierenden Gemälde aus den 70er Jahren, die Kraemer als Vertreter einer sehr besonderen "German Pop-Art" präsentieren. Im Gegensatz zu seinen Kollegen räkeln sich bei ihm die Frauen vor den VW Käfern, den Ikonen des Wirtschaftswunders, nicht als erotische Objekte, sondern mit selbstbewusster, emanzipatorischer Geste.

Aufgebaut ist die Bonner Schau wie ein Gang durch die Stadt ins Haus: beginnend von den urbanen Panoramen im Obergeschoss über die Stadtteil- und Trottoirgemälde zwei Etagen tiefer bis hin zu den filigranen Stillleben mit profanen Nahrungsmitteln – Brot, Wein, Käse – in einem abgetrennten, kabinettartigen Raumensemble ("Köln-Süd", 1985).

Es ist ein Gang durch Kraemers Welt, die immer eine Welt des Alltags ist. Eines Alltags allerdings, der nicht möglichst wirklichkeitsgetreu abgebildet wird, sondern auf den teils abstrahierenden, teils hyperrealistischen Bildern eine ganz eigene Magie erhält. Er verweigert sich einer zentralen Perspektive und spielt zwischen den Ebenen hin- und her ("2 Tennisstars", 1966).

"Man kann sich ja gegen die Präsenz der Fotografie nur wehren, indem man ihre Detailfülle aus dem Bild verbannt", sagt Kraemer. Diese changierende Spannung zwischen Realismus und Abstraktion ist es, die Kraemers Gemälde bis heute reizvoll erscheinen lässt ("In Rodenkirchen", 1982).

Bisweilen ist es aber auch die fast schon altmeisterliche Perfektion des Künstlers. Besonders deutlich wird sie auf seinen Stillleben von Nahrungsmitteln, auf denen die Dinge selbst zu sprechen scheinen. Und in die man fast hineingreifen möchte, um das Dargestellte zu verspeisen. Selbst der, der das Naive dieser Malerei nicht goutieren kann, muss das neidlos anerkennen (Erdbeeren", 2011).

Alle anderen werden es mit Alfred Biolek halten, der 1999 schrieb, dass Kraemer die sinnliche Ästhetik von Lebensmitteln augenfällig mache: "Der sardische Ziegenkäse schmeckt vielleicht gar nicht so großartig, aber so, wie Dieter Kraemer in gemalt hat, weckt er in mir Assoziationen, die weit über den Genuss hinausgehen." Ein Vanitasmotiv gehört auch immer mit dazu.

Besonders schön ist, dass Kraemer in Bonn umrahmt wird von seinem Lehrer Hann Trier und den Kollegen, die in dessen Nachfolge der Abstraktion frönten. "Trier und seine Schüler hängen an dieser Stelle eigentlich immer", bemerkt denn auch Museumsdirektorin Gabriele Uelsberg. "Aber noch nie hat ein Künstler so gut dazwischen gepasst wie Dieter Kraemer" ("Hommage à Chardin", 1976).

Die große Gefahr für einen Künstler bestehe darin, von der Kunstgeschichte einfach vergessen zu werden, sagt Kraemer. "Ich bin ja auch verschwunden." Das Leben verenge sich bisweilen, aber es weite sich auch wieder, "wie jetzt hier, mit dieser Ausstellung in Bonn". So gilt es, einen seit jeher aus der Zeit gefallenen Maler wiederzuentdecken ("Quai de la Tournelle", 1972).

Das LVR-Landesmuseum hat Kraemer ohnehin nie vergessen. Sein Gemälde "Frau mit VW" (1972), ist das einzige Bild, das seit seinem Ankauf vor fünf Jahrzehnten niemals von den Wänden des Museums abgehangen wurde – selbst beim Umbau nicht. Darum ziert es auch das Ausstellungsplakat und den schönen Katalog, dessen Autoren, wie Kraemer angibt, "zum Teil auch schon verblichen sind".

Die Retrospektive zu Dieter Kraemer ist noch bis zum 21. Januar 2018 im LVR-Landesmuseum in Bonn zu sehen. Zur Ausstellung werden auch Führungen für Gruppen angeboten: ein Angebot, das man – wie auch bei der großen, lohnenswerten Zisterzienser-Ausstellung ein paar Stockwerke tiefer – nutzen sollte.

Stand: 27.09.2017, 06:05 Uhr