Ausstellung im Marta Herford

Ausstellung im Marta Herford

Von Thomas Köster

Bomberteppiche, Handtaschen mit Revolverfach und Gasmasken-Implantate im Pullover: Im Marta Herford zeigt eine aufregende Ausstellung, wie sich eine junge, engagierte Designszene mit Gewalt, Vertreibung und Terror im Alltag und an Krisenherden auseinandersetzt.

Brutal schön, Marta Herford 2016 (Ausstellungsansicht)

Im Marta Herford hat Design derzeit einen politisch-sozialen Auftrag. Was einst die industrielle Welt wohlgeformter machen sollte, soll in Zeitendie hässliche Fratze dahinter zeigen. Das ist die Botschaft von "Brutal schön", die rund 100 Objekte einer jungen Designergeneration aus 40 Ländern versammelt. Aber auch Design-Ikonen und afghanische Teppiche mit Hubschraubern und Kampfbombern.

Im Marta Herford hat Design derzeit einen politisch-sozialen Auftrag. Was einst die industrielle Welt wohlgeformter machen sollte, soll in Zeitendie hässliche Fratze dahinter zeigen. Das ist die Botschaft von "Brutal schön", die rund 100 Objekte einer jungen Designergeneration aus 40 Ländern versammelt. Aber auch Design-Ikonen und afghanische Teppiche mit Hubschraubern und Kampfbombern.

Seit jeher sind Design und Gewalt nicht selten zwei Seiten ein und derselben Medaille. Und oft geht gute Form sogar direkt auf Aufträge des Militärs zurück. Sinnfällig macht die Ausstellung dies an einem Design-Klassiker von Charles und Ray Eames: Deren Sperrholzstuhl verdankt sich den Press-Experimenten der US-Designer für Beinschienen verwundeter Soldaten (hinten).

Von hier aus führt eine direkte Linie bis zur "War Bowl" (2002) des Briten Dominic Wilcox, in der Plastikspielzeugsoldaten, mit deren Zinnvorläufern früher die Schlacht von Waterloo hätte nachgestellt werden können, zur Obstschale verschmelzen. Hier wird Gewalt buchstäblich zum Fundament einer luxuriösen (und dekadenten) Konsumgesellschaft.

Die schön-brutale Einheit beginnt für Kuratorin Friederike Fast "im Grunde bereits beim Prozess, in dem einem Material eine Form aufgezwungen wird." Dieser generell vielleicht etwas periphere Gedanke wird in den Stahlhockern von Guy Mishaly aus Israel Methode: Diese Einzelstücke sind durch kontrollierte Explosionen entstanden. Kreativität und Zerstörung bedingen einander.

Überhaupt ist Design aus Israel in Herford stark vertreten. Kein Wunder: In Israel, das die Ausstellung als Partner unterstützt, ist Gewalt vielerorts gegenwärtig. Einfluss haben auch hier die süßen Verheißungen der Ideologien. So gießen Ron Froms "Goods from Israel" ihre Kritik an den Grenzkonflikten in eine Landkarte aus Schokolade. Landgewinn zum Abbeißen. Mit bitterem Nachgeschmack.

In "Brutal schön" folgt die Form nur noch selten der Funktion. Und wenn, dann mit einem stark ironischen Unterton, der Tragbares unerträglich macht. Mit der "Charme Gun" von Carolien Vlieger und Hein van Dam trägt die Dame von Welt ihre Waffe immer am Mann. Und damit Frau nicht abdrücken muss, drückt sich die Waffe abschreckend außen im Handtaschenfach ab.

Hintergründiges Ironiedesign ist auch "Bazooka Joe": ein von einem US-Kaugummi-Comic inspirierter Pullover, den der Israeli Ezri Tarazi 2013 entwickelt hat. Da das politische Klima an Krisenherden schnell von kalt in brenzlig umschlägt, kann sein Träger dank der in den Rollkragen eingebauten Gasmaskenfilter schnell vom Alltags- in den Überlebensmodus umswitchen.

Von Ezri Tarazi sind gleich mehrere Exponate in Herford zu sehen. Dieser Ausziehtisch zum Beispiel, der Territorien voneinander trennen kann. Schöner Wohnen war gestern, die Privatssphäre wird zum Kriegsschauplatz. Das Wohnzimmer ist nicht länger wohliger Rückzugsraum, sondern eine Krisenregion, die Konfliktparteien spaltet.

In Herford ist aber auch gänzlich ironiefreies Fremddesign zu sehen. Schön brutal ist das rosafarbene Kleinkalibergewehr, das die belgische Fotografin An-Sofie Kesteleyn für ihre Homestoryserie "My First Riffle" (2013) mit minderjährigen Waffenbesitzern festgehalten hat. Die achtjährige Abbey aus Ohio etwa braucht den mörderischen Kinderkram laut eigener Aussage, falls Dinosaurier kommen.

Aber es gibt auch formvollendet Versöhnliches im Marta. "Cascoland" des Duos Straschnow/Kramer zum Beispiel. Ihre Grenzen überwindenden Sitzmöbel verwandelten schon einen von Gewalt und Kriminalität geprägten Platz in Johannisburg in einen sozialen Ort. Hier kann man sich niederlassen und die Hände durch die Gitterstäbe reichen. Auch wenn die Gitter bleiben.

Aber selbst bösen Gittern nimmt "Brutal schön" bisweilen - vermeintlich - den Stachel. Matthias Megyeri hat den spitzen Zaunenden, die im Wohlstandsghetto über Wohl und Wehe wachen, possierliche Tierchen übergestülpt. Eine trügerische Niedlichkeit: Die Hasenohren und Pinguinschnäbel des in der JVA Herford gefertigten Zaunes sind wahre Bauchaufschlitzer.

So doppelbödig wie die in "Brutal schön" gezeigten Exponate verlief bisweilen auch die gesellschaftliche Designgeschichte. So nutzte die Flowerpower-Bewegung in den 70er Jahren den VW Käfer gern als Statussympol, das neben seinen Insassen auch das Gefühl von Buntheit und Freiheit transportieren sollte. 30 Jahre früher aber ...

... diente der von Ferdinand Porsche für Adolf Hitler und seine Autobahnträume entwickelte Käfer als "Kraft-durch-Freude"-Wagen dem Zweck, die deutsche Bevölkerung im Nationalsozialismus massenweise mobil zu machen. Damals sollte das Auto in "tief-graublauer" Farbe erscheinen und 990 Reichsmark kosten, kam aber erst nach 1945 auf den Markt.

An die dunkle NS-Vergangenheit erinnert in Herford unter anderem ein provokanter Kleiderständer, der zwar vom Zaun in Auschwitz inspiriert ist, aber, da vom Sohn zweier KZ-Überlebender kreiert, weit entfernt davon ist, zynisch zu sein. Vis-a-vis hängen diese Taschen, die an den biblischen Mythos von Judith und Holofernes erinnern: laut Kuratorin ein "Sinnbild weiblicher Stärke".

Heutzutage ist die größte Bedrohung für Männer (und Frauen) eher unsichtbar. Kampfdrohnen zur Bekämpfung von Terroristen etwa lösen unter Zivilisten Panik aus. Für diese diffusen Ängste haben James Bridle und Einer Sneve Martinussen gegenüber dem Marta mit ihrem "Drone Shadow 002" (2012) ein eindringliches Bild gefunden. Der Schatten bleibt selbst bei Gewitterwetter.

Bei Objekten wie "Drone Shadow 002" ist allerdings kaum mehr Design vorhanden. Gute Form ist endgültig in Kunst umgeschlagen. So muss man sich in "Brutal schön" darauf einstellen, mit gängigen Designvorstellungen nicht weiterzukommen. Weder bei den Collagen von Matthias Megyeri noch bei der Verkleidung von Barnaby Barford, die dazu einlädt, "The Bad" zu werden.

Und dann findet die Ausstellung doch noch ein kleines, aber feines Bild der Versöhnung. Auf einer Taschenuhr-Skulptur von Dominic Wilcox haben sich Soldat und Freidensdemonstrant einander angenähert und wandern küssend durch die Zeiten. Dieser Augenblick ist in Herford eingefroren. Hach, wird am Ende doch immer alles gut? Wer's nach der Schau in Herford glaubt, wird selig.

"Brutal schön. Gewalt und Gegenwartsdesign" ist noch bis zum 1. Mai 2016 im Marta Herford zu sehen. Ende März soll auch ein Katalog erscheinen. Verstehen kann man die eingängigen Objekte aber auch ohne diese Hilfestellung. Manchmal gehen dabei Kunst und Design eine mörderische Mischung ein. 

Stand: 06.02.2016, 06:00 Uhr