Wie Cranach das Luther-Bild verbreitete

Wie Cranach das Luther-Bild verbreitete

Von Thomas Köster

Der Lutherfreund Lucas Cranach der Ältere gilt als einer der einflussreichsten Maler der deutschen Renaissance. Zu Recht, wie jetzt eine grandiose Schau im Museum Kunstpalast passend zum Reformationsjahr 2017 illustriert. Am Samstag (08.04.2017) wurde die Ausstellung eröffnet.

Cranach. Meister - Marke - Moderne, Museum Kunstpalast 2017 (Ausstellungsansicht)

Aus den Beständen von rund 150 Leihgebern sind rund 200 Meisterwerke von Lucas Cranach dem Älteren in ihren Klimakisten nach Düsseldorf gekommen. Dazu gehört auch die "Madonna mit dem Kind", die um 1510 entstand und sich heute wieder im Diözesanmuseum von Breslau befindet. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, galt das Gemälde Jahrzehnte als verschollen, wechselte mehrfach Standort und Besitzer – und wurde 2012 aus der Schweiz an Polen zurückgegeben.

Aus den Beständen von rund 150 Leihgebern sind rund 200 Meisterwerke von Lucas Cranach dem Älteren in ihren Klimakisten nach Düsseldorf gekommen. Dazu gehört auch die "Madonna mit dem Kind", die um 1510 entstand und sich heute wieder im Diözesanmuseum von Breslau befindet. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, galt das Gemälde Jahrzehnte als verschollen, wechselte mehrfach Standort und Besitzer – und wurde 2012 aus der Schweiz an Polen zurückgegeben.

Neben der Austellung "Der geteilte Himmel" im Ruhr Museum Essen ist die große Cranach-Schau ein Höhepunkt des Lutherjahres 2017 in NRW. Immerhin war Cranach nicht nur Freund, sondern vor allem Wegbereiter des Reformators, der ihn mit seinen zahlreichen Porträts zur Ikone der kirchlichen Erneuerungsbewegung werden ließ. Hier bekommt eines der Luther-Bildnisse mit dem Wattestäbchen einen letzten restauratorischen Oberflächenputz.

Die freundschaftliche Nähe Cranachs zu Luther zeigt sich vor allem auch in den so genannten Kapselbildnissen. Diese schuf der Maler zur Ehe zwischen dem zum Reformator konvertierten Mönch und der Nonne Katharina von Bora im Jahr 1525, die nach katholischer Meinung nicht legitim war. Hier war Cranach Trauzeuge. Rundbilder produzierte die Werkstatt Cranach nur kurze Zeit.

Vor allem mit seinen Druckgrafiken sorgte Cranach dafür, dass die Personen und Ideen der Reformation im deutschsprachigen Raum weite Verbreitung fanden. In Düsseldorf sind einige besonders schöne Beispiele zu sehen, die deutlich machen, wie stark sich Cranach an Albrecht Dürer maß – und wie er versuchte, ihn noch zu übertreffen.

Dabei gelangte Cranach zu völlig eigenwilligen Bildlösungen, die die "Frohe Botschaft" der Passionsgeschichte äußerst drastisch vor Augen führt. Jenem schlangengleich drapierten Verbrecher jedenfalls, der Jesus noch am Kreuz verspottete, scheint Cranach nach dessen Freveltat auch noch das Rückgrat gebrochen zu haben.

Innovativ war Cranach aber nicht nur im Druck, sondern auch in seiner zumeist auf Holz gefertigten Malerei. Seine Tafel "Christus und die Ehebrecherin jedenfalls gilt als das früheste Beispiel dieses Bildthemas. Auch dieses Gemälde setzt mit seinem aufgemalten Bibelvers ein Thema Luthers in Szene. Kein Mensch ist auserwählt, den ersten Stein zu werfen, Erlösung bringt allein die Liebe des Glaubens und die Heilige Schrift.

Neben der Arbeit im Dienste der Reformation entwickelte sich Cranach als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten in Wittenberg aber auch zu einem der besten Porträtmaler seiner Zeit. Dieses Bildnis des Kanzlers Gregor Brück (1533) entstand im Jahr seiner Berufung zum sächsischen Kanzler der Reformationszeit. Und wirkt in seiner Lebendigkeit fast wie ein Foto.

Manchmal diente dem Künstler christliche Motivik aber auch dazu, den nackten menschlichen Körper für eine adelige und bürgerliche Kundschaft darzustellen: auch hier wieder in deutlicher Anknüpfung an Dürer – und mit dem klaren Wunsch, ihn zu übertrumpfen. Bei "Adam und Eva" (um 1510) ist das Nackte im psychologischen Moment der kurz vorm Sündenfall stehenden Frau und dem noch unschlüssigen Mann biblisch ummäntelt …

… während es beim berühmten Tafelbild der Lucretia (1534) aus dem Museum der Schönen Künste in Bilbao zwar noch mythologisch – und als Ausdruck von Tugendhaftigkeit und Treue – gerechtfertigt erscheint. Aber trotzdem geht es vor allem um den nackten Körper, an dem eine bürgerliche Kundschaft sich ergötzen sollte. Das Motiv der Römerin, die sich nach ihrer Vergewaltigung durch den Sohn des Königs erdolcht und so die Monarchie zu Fall bringt, hat Cranach vielfach variiert.

Dabei gelingen Cranach auch kleine, im wahrsten Sinne abgedrehte Kabinettstückchen. Dazu gehört sicher diese eher unbekannte Darstellung des Ringkampfs von Herkules mit dem Riesen Antäus, der nur besiegt werden kann, indem er in die Luft gehoben wird. Von diesem Motiv haben sich nur zwei Fassungen von Cranachs Hand erhalten.

Da ist es nur logisch, wenn auch die zeitgenössische Kunst den Hang des Renaissancemeisters zum Akt herausstellt. Das illustriert in der Ausstellung unter anderem die selten ausgeliehene lebensgroße Venus mit ihrem Cupido (1509), die aus der Sankt Petersburger Eremitage nach Düsseldorf gereist ist und hier gerade auf Fehlstellen hin untersucht wird (rechts: die Kuratoren Gunnar Heydenreich und Daniel Görres). Ein Kapitel der Schau nämlich beschäftigt sich mit dem Einfluss des Malers auf die Moderne.

Und da wird Cranachs Venus mit einer Variante Paul Wunderlichs konfrontiert, die im Rahmen der Auseinandersetzung Wunderlichs mit mehreren alten Meistern fast 500 Jahre später (genauer: 1991) entstand. Hier zeigt sich, wie sehr die etwas manierierte Pose vieler Motive Cranachs einer – hier sehr trist-melancholischen – Adaption in der Gegenwart zugute kommt.

Die Bildhauerin Paloma Varga Weisz hingegen ließ sich vor allem von den fließend-geschmeidigen Bewegungen und der Ruhe der Cranach'schen Frauenakte inspirieren - und nach eigener Aussage auch davon, dass die Farbigkeit der Renaissancegemälde die Figuren für sie skulptural wirken lasse. Die "Lying Woman" von 2016 jedenfals verweist deutlich auf Cranachs Quellnymphen.

Das Serielle der Cranach'schen Werkstatt wird besonders eindrucksvoll von der Künstlerin Leila Pazooki zur Schau gestellt. Sie beauftragte für ihre im Rahmen des Projekts "Fair Trade" gefertigte Arbeit rund 100 Kopisten aus der chinesischen Stadt Dafen damit, die "Justitia" aus dem Jahr 1537 möglichst genau abzumalen. Im Bild die Kopien der Kopien im Hängungsmodell, auf dem hinten links auch einer der in Düsseldorf gezeigten Picassos zu sehen ist.

An der Wand in Düsseldorf offenbart sich dann, wie schwierig es offenbar auch für die Kopisten aus China war, Cranach zu kopieren. Dem Anspruch ihrer Heimatstadt, in Massenanfertigung Gemäldekopien "in Museumsqualität" zu verfertigen, werden die Abbilder nicht immer gerecht. Auch wenn sie "Justitia" in gewisser Weise ihre Individualität zurückgeben: Cranach kopieren konnte offenbar nur Cranach selbst.

Oder Andy Warhol vielleicht. Aber der musste seine Werke ja nicht malen, sondern ließ sie in seiner Factory einfach drucken. Konsequenter Weise sind von seinem "Porträt einer Frau (nach Cranach)" in Düsseldorf gleich zwei Abzüge aus den Jahren 1984 und 1985 zu sehen, die – und das wirklich gekonnt – vor allem die Opulenz und Strahlkraft des Vorbilds in die Gegenwart überführen.

Die Ausstellung "Cranach. Meister – Marke – Moderne" ist noch bis zum 30. Juli 2017 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Zur Schau, die nicht zuletzt auf das im Internet zugängliche "Cranach Digital Archive" des Museums und der Fachhochschule Köln zurückgeht, gehört auch ein inszeniertes Atelier, das durch Röntgenaufnahmen Aufschluss gibt über die Malweise des Künstlers.

Stand: 18.05.2017, 12:10 Uhr