Mit Dingen zeichnen. Catharina van Eetvelde in Essen

Mit Dingen zeichnen. Catharina van Eetvelde in Essen

Von Thomas Köster

Mit ihrer Bahn brechenden Vorstellung vom Zeichnen beschreitet Catharina van Eetvelde völlig neue Wege. Nun widmet das Folkwang in Essen der belgischen Künstlerin ihre erste museale Einzelschau in Deutschland. Rätselhaft und faszinierend zugleich.

Catharina van Eetvelde im Museum Folkwang, Essen 2017

"Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht gezeichnet hätte", sagt Catharina van Eetvelde. Mit zehn Jahren habe sie bereits ein grundlegendes Verständnis gehabt von Perspektive und Schattierung. "Es war für mich immer klar, dass Zeichnen jener Weg war, durch den ich leben wollte."

"Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht gezeichnet hätte", sagt Catharina van Eetvelde. Mit zehn Jahren habe sie bereits ein grundlegendes Verständnis gehabt von Perspektive und Schattierung. "Es war für mich immer klar, dass Zeichnen jener Weg war, durch den ich leben wollte."

Eine Obsession sei das Zeichnen für sie geworden, sagt die belgische Künstlerin, die inzwischen in Paris lebt – eine Obsession, die sie zu einer immer weiter, installativ gefassten Auffassung davon gebracht hat, was unter Zeichnung zu verstehen sei. Das betrifft nicht nur das Material, aus der sie ihre Striche zieht, näht, flicht und kombiniert.

Das betrifft auch die Frage, ob etwas überhaupt aus Strichen und Schraffuren komponiert sein muss, um Zeichnung zu sein. "Ich sehe keinen Grund, mich auf Bleistift und Papier zu beschränken", sagt van Eetvelde. "Ich will die Dinge nicht trennen, sondern suche für das, was ich brauche, die jeweils beste Form." Und wenn es Plastiktassen sind, die mit anderen Hohlformen aus Naturmaterialien in Dialog treten.

Dabei ist für van Eetvelde alles gleichwertig, nichts herausgehoben. Der Titel der Schau, der – wie Sprache generell – der Künstlerin wichtig ist, spielt darauf an: "Ilk" ist das altenglische Wort für Ähnlichkeit und Verwandtschaft. "Es gibt für mich kein Gefälle zwischen einem Strich von Dürer und dem Gekritzel eines Wissenschaftlers. Denn es gibt gute Gründe, warum Dürer seinen Strich so gebrauchte und der Wissenschaftler anders."

Van Eetvelde hat keinerlei Skrupel, sich des Strichs des Künstlers und dessen des Wissenschaftlers gleichermaßen zu bedienen. Und sie hat keine Berührungsangst vor der digitalen Technik, die sie schon seit Jahren einsetzt. Die Vektorgrafik ist ein zentrales Gestaltungselement. Aus ihr formt sie animierte Filme, die zum Teil ebenfalls in Essen zu sehen sind.

Vor allem aber überführt van Eetvelde die mit dem Zeichen-Pad erstellte digitale Grafik in einem langwierigen Prozess wieder in klassische, analoge Zeichnung. Diese so entstandenen Grafiken unterwandern die Linearität des Zeichnens. Sie lassen, so die Künstlerin, "Raum und Zeit zusammenbrechen". Man kann sich in ihr "problemlos rückwärts oder vorwärts bewegen oder zoomen".

Kultur und Natur gehen ein Bündnis ein, das im assoziativen Denken der Kunst ihre Freiheit und ihr Rätsel zurückgibt. Nirgends wird das deutlicher als in der Arbeit "Ilk. I would prefer not to" (2016), die auf einen berühmten Satz des Schreibers Bartleby in einem Roman Herman Melvilles verweist. Diese Arbeit dominiert den mittleren der drei bespielten Räume.

Wie der Anwaltskopist Bartleby verweigert sich die rotierende Skulptur der Entschlüsselung, der plumpen Botschaft. Und schreibt dem Raum einen ganz eigenen, dynamisch strukturierenden Rhythmus ein, indem sie in leichten Variationen immer wieder bei der Berührung des Bodens einen immer anderen, und doch immergleichen Ton erzeugt.

Letztendlich ist auch "Ilk" für van Eetvelde eine einzige, große, begehbare Zeichnung. Die "Choreographie" des Ganzen richte sie danach aus. Zwei Wochen lang hat die Künstlerin in den Räumlichkeiten des Museums Folkwang auf diese Art "gezeichnet". Sie hat etwas geschaffen, das auf die spezielle Beschaffenheit der Räume reagiert.

Kritiker mögen einwenden, dass eine derartige Ausweitung des Verständnisses von Zeichnung, wie van Eetvelde ihn benutzt, den Begriff an den Rändern hin zur Installation zerfranst. Das mag auch stimmen, ist letztlich aber egal. Als roter Faden, der die 25 Arbeiten zu einer Textur verwebt, und um den Linien und Spuren zu folgen, die van Eetvelde ausgelegt hat, taugt die Vorstellung allemal.

Denn wer das, was van Eetvelde macht, am Zeichnerischen misst, wird sich dem Gezeigten auf eine Weise nähern, die das teils Kryptische, immer aber sinnlich überaus Anregende der Schau auf jeden Fall verständlicher macht. Statt des Blicks muss man hier selber schweifen, um Bezüge herzustellen, Ähnlichkeiten und Strukturen zu entdecken.

Im Grunde ist van Eetveldes Choreographie wie ein Tanz von Alt und Neu, Ratio und Emotion, materieller Profanität und geistigem Reichtum, Flächigkeit und raumgreifender Geste. Vielleicht soll darauf ja auch der alte Tanzfilm mit Fred Astaire verweisen, der auf einem modernen Laptop läuft, welches seinerseits an einem nostalgisch vergilbten Röhrenbildschirm aus jenen Tagen lehnt, als die PCs gerade laufen lernten.

"Catharina van Eetvelde. Ilk" ist noch bis zum 14. Januar 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich ist.

Stand: 29.09.2017, 09:00 Uhr