Machtvolles Medium: Comics in der Bundeskunsthalle

Kurator Alexander Braun vor einem überdimensionalen Comic

Machtvolles Medium: Comics in der Bundeskunsthalle

  • Bundeskunsthalle zeigt Comic-Ausstellung
  • Sonntag (07.05.2017) ist Eröffnung
  • Kurator Braun: Comics sind ernstzunehmende Kunstform

WDR 3: Herr Braun, im Titel der Ausstellung "Comics! Mangas! Graphic Novels!" sind drei Ausrufezeichen eingebaut – was sollen sie vermitteln?

Alexander Braun: Zum einen ist die Ausstellung spektakulär, was die Vielzahl und die Güte der Exponate betrifft. Man bekommt zum Beispiel nicht so oft in einer Ausstellung sechs "Tim und Struppi"-Originale zu sehen. Zweitens betonen sie die Dimension der Nachdrücklichkeit, die wir dem Comic verleihen wollen. Gerade hier in Deutschland hat der Comic keinen guten Stand. Dabei handelt es sich um ein vitales Medium, das mit so viel künstlerischer Freiheit zu tun hat. Es ist traurig, dass diese Kunstform 120 Jahre nicht ernst genommen wurde.

Lyonel Feininger (1871-1956): Wee Willie Winkie's World

Lyonel Feininger (1871-1956): Wee Willie Winkie's World

Das wird auch an den Leihgaben der Ausstellung sichtbar. Unter zehn Prozent kommen aus Bibliotheken oder von institutioneller Seite. Die Originale sind fast alle in Privatbesitz, was bedeutet, dass Comics als künstlerische Gattung nicht ernst genommen werden. Es verbessert sich gerade etwas in Deutschland, aber es ist nicht vergleichbar mit anderen Ländern Europas. In der Historie ist dieses Medium so machtvoll gewesen, es hat so viel für die Demokratisierung der Bildkultur beigetragen.

Comics erschienen zunächst Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen Tageszeitungen als Beilage. Jeder konnte es sich leisten, eine Tageszeitung mit dem Comic zu kaufen. Das war dem bürgerlichen, etablierten Kulturbegriff ein Dorn im Auge. Comics hatten immer einen rebellischen, anarchischen Geist. Die Protagonisten waren oft Charaktere wie Kinder, Tiere, Landstreicher, die außerhalb der Gesellschaft standen und ihr den Spiegel vorhielten.

Bundeskunsthalle Bonn zeigt Comics! Mangas! Graphic Novels!

Asterix, Wonder Woman oder Lucky Luke: diese Comicfiguren sind heute Jung und Alt bekannt. Das war nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts hat sich der Comic in New York als Bild-Massenmedium entwickelt, bis er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa kam. Die Geschichte des Comics zeigt jetzt die Bundeskunsthalle in Bonn.

Winsor McCay (1871-1934): Little Nemo in Slumberland, Sonntagsseite The New York Herald vom 2. Februar 1908

In den USA wurden im späten 19. Jahrhundert kurze Comicstrips in Zeitungen veröffentlicht, die Millionen Leser erreichten - Tag für Tag und sonntags in Farbe. Adressat war in erster Linie der erwachsene Zeitungsleser, erst später erreichte der Comic auch die Kinder und Jugendlichen.

In den USA wurden im späten 19. Jahrhundert kurze Comicstrips in Zeitungen veröffentlicht, die Millionen Leser erreichten - Tag für Tag und sonntags in Farbe. Adressat war in erster Linie der erwachsene Zeitungsleser, erst später erreichte der Comic auch die Kinder und Jugendlichen.

In der Serie "Little Nemo in Slumberland" von Winsor McCay träumt ein kleiner Junge von bizarrsten Abenteuern. McCays Traumcomics für die führenden amerikanischen Zeitungshäuser machten ihn 1905 zum ersten Surrealisten des 20. Jahrhunderts.

Das berühmteste Werk des Comiczeichners George Herriman ist der Comic "Krazy Kat". Am 28. Oktober 1913 erschien die erste Folge des Strips, von da an jeden Tag bis zu Herrimans Tod 1944. "Krazy Kat" wurde das Vorbild für jegliche Art von Kleintier-Slapstick wie "Mickey Mouse" oder "Tom und Jerry". Der Strip spielt in einer weiten, kargen Wüstenlandschaft, voll absurder Plots und Details. So gerät ein Tafelberg schon mal zu einer Halbkreisform mit Kugel - und erinnert an Gemälde von Joan Miró.

Floyd Gottfredson, genannt der "Mouse Man", gehörte zu den großen Disney-Zeichnern. Er hat Mickey Mouse von der Leinwand in den Comic übertragen. Eigentlich sollte Gottfredson im Dezember 1929 nur für 14 Tage zur Aushilfe die Zeitungs-Strips zeichnen, doch daraus wurden 45 Jahre. Er zeichnete bis zu seiner Pensionierung. Weil im Comic angesichts der dramatischen Weltwirtschaftskrise ein thematischer Paradigmenwechsel anstand, erlebte Mickey im Zeitungs-Strip fortan Abenteuer in wechselnden Rollen, wie hier als Post-Flieger.

Mit dem Aufkommen der "comic books", also der Comic-Hefte, und der Superhelden in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, wurde der Comic zur ersten medialen Jugendkultur. So wie "Superman", der von den beiden US-Amerikanern Jerry Siegel und Joe Shuster geschaffen wurde. Wayne Boring wurde 1938 zum Stammzeichner und verpasste Superman seine breite Brust und das markante Kinn. Auch das Superman-Logo stammt von Boring.

1941 kreierte der sich stark für Feminismus und Matriarchat engagierende Psychologe William Moulton Marston zusammen mit seiner Frau Elizabeth Holloway Marston die erste weibliche Superheldin der Comic-Geschichte: Wonder Woman. "Nicht mal Mädchen wollen Mädchen sein, solange unsere weiblichen Stereotype nicht mit Macht, Stärke und Kraft verbunden sind (...). Die naheliegende Lösung ist es, einen weiblichen Charakter mit den Stärken von Superman und dem Reiz der guten und schönen Frau zu schaffen", so Marston im Jahre 1944.

Keiji Nakazawa verarbeitet in seinem zehn Bände starken Manga "Barfuß durch Hiroshima" die Atombombenkatastrophe 1945. Er nutzt autobiografische Elementen. Seine Zeichnungen werden im Hiroshima Peace Memorial Museum aufbewahrt. Diese Abbildung war bisher noch nie in Deutschland zu sehen.

Mit den Figuren seines ungleichen Paares Konrad und Paul wurde Ralf König zum Chronisten des schwulen Alltags und zum heute international bekanntesten deutschen Comic-Zeichner. Seit den Tumulten um die dänischen Mohammed-Karikaturen beschäftigt er sich mit dem Thema Religion, wie in dieser Szene aus seiner Version der Schöpfungsgeschichte. Die Ausstellung "Comics! Mangas! Graphic Novels!" ist noch bis 10. September 2017 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.

WDR 3: Der Ausstellungstitel weist auf eine Entwicklung, von den Comics zur Graphic Novel.

Braun: Das kann man so sagen, wobei heute viele Comics aus Marketinggründen Graphic Novel heißen. Seitdem sie so heißen, schafft es der Comic auch schon mal ins Feuilleton. Bei uns in Deutschland ist es leider etwas unglücklich, hier wird dem Comic oftmals etwas Komisches unterstellt. Im Französischen heißt es "Bande dessinée", "das gezeichnete Band" wörtlich übersetzt, das passt besser. Gerade die früheren Comics wurden von Erwachsenen gekauft. Comics richten sich immer noch eher an Erwachsene als an Kinder. Das sind die Missverständnisse, die wir mitschleppen.

WDR 3: Warum hat es denn der Comic ausgerechnet in Deutschland so schwer?

Braun: Das ist das Erbe unserer Geschichte. Der Comic ist eine uramerikanische Erfindung, die einzige Kunstform, die der Amerikaner eigenständig erfunden hat. Wir Europäer haben eine zu chauvinistische Einstellung gegenüber der Kunst der Neuen Welt. In Europa gab es auch Bilderzählungen, etwa die von Künstlern wie Rodolphe Toepffer oder Wilhelm Busch. Bei ihnen waren Text und Bild noch voneinander getrennt, der Comic machte es anders und holte mit den Sprechblasen den Dialog ins Bild. Der Leser ist dabei, wenn die Figuren sich unterhalten.

Tim und Struppi, Comiczeichnung

Der Belgier Hergé schuf 1929 "Tim und Struppi"

Erst nach 30 Jahren wurde diese Kunstform in Europa zur Kenntnis genommen: Der Belgier Hergé 1929 mit "Tim und Struppi" war der Erste. Die Comicserie erschien - wie in Amerika - auch in Fortsetzung, in wöchentlichen Dosen in einer Brüsseler Tageszeitung, mit Sprechblasen im Bild. Das funktionierte gut in Belgien und Frankreich, der Markt wuchs. Deutschland hatte zu der Zeit ganz andere Sorgen, während des Dritten Reichs konsumierte niemand amerikanische Comic-Großväter oder deren europäische Enkel.

Währenddessen entwickelte sich in den USA der Comic weiter, von den "Strips" in Tageszeitungen zum Comic-Heft, das als Alleinstellungsmerkmal den Superhelden à la "Superman" hat und sich vor allem an jugendliche Leser richtete. Es entwickelte sich eine Jugendkultur - ein Dorn im Auge der amerikanischen Bildungsbürger. Es brach eine starke Anti-Comic-Bewegung aus, im Senat wurde diskutiert, ob Comic-Hefte Gewalt fördern.

Diese Comic-Hefte brachten die amerikanischen GIs mit nach Deutschland, wo diese Zensurdebatte übernommen wurden, die sich dabei auf das ganze Medium Comic bezog. Erst 1968 begann die Gegenbewegung, als wir in Deutschland ganz behutsam anfingen, Comics zur Kenntnis zu nehmen. Qualitätscomics werden erst in den 80er Jahren wahrgenommen. Deswegen sind wir so weit abgeschlagen.

WDR 3: Sie zeigen 300 Exponaten aus Amerika, Europa und Japan, worüber freuen sie sich am meisten?

George Herriman (1880-1944): Krazy Kat, Sonntagsseite 6. Februar 1938

Witzig, Klug, berühmt: George Herriman schuf "Krazy Kat"

Braun: Ich freue mich ganz besonders über die Werke des Zeichners George Herriman. Sein berühmtestes Werk ist die "Krazy Kat", erschienen zwischen 1913 und 1944. Dieser Comic ist das Intellektuellste, Klügste, Witzigste und Komplexeste, das jemals im Comic gemacht wurde. Die Geschichten sind surreal, dadaistisch, wie absurdes Theater, und das zu einem Zeitpunkt, als Samuel Beckett noch zur Schule ging. Herrimans Verleger, William Randolph Hearst, hat sofort begriffen, dass die "Krazy Kat" fünf Klassen über allen anderen Comics steht und ihn ins Feuilleton seiner Zeitungen gezogen. Der einzige Comic im Kulturteil.

Die Fragen stellte Susanna Gutknecht für WDR 3.

Stand: 05.05.2017, 10:00