"Der böse Expressionismus" in Bielefeld

"Der böse Expressionismus" in Bielefeld

Von Thomas Köster

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Kunstbewegung des Expressionismus eine gesellschaftssprengende Kraft. Das zeigt jetzt eine aufregende Schau in der Kunsthalle Bielefeld.

Der böse Expressionismus. Trauma und Tabu, Kunsthalle Bielefeld 2017 (Ausstellungsansicht)

Im Meer jener Expressionismus-Ausstellungen, die jedes Jahr im deutschsprachigen Raum gezeigt werden, ist es schwer, einen Aspekt herauszustellen, der wenn nicht neu, so doch zumindest anders ist. Da ist der Ansatz sicher nicht verkehrt, die als "böse" empfundene, sich selbst als anti-bürgerlich begreifende Wucht der Bewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen (George Grosz, "Der Liebeskranke", 1916).

Im Meer jener Expressionismus-Ausstellungen, die jedes Jahr im deutschsprachigen Raum gezeigt werden, ist es schwer, einen Aspekt herauszustellen, der wenn nicht neu, so doch zumindest anders ist. Da ist der Ansatz sicher nicht verkehrt, die als "böse" empfundene, sich selbst als anti-bürgerlich begreifende Wucht der Bewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen (George Grosz, "Der Liebeskranke", 1916).

Rund 200 Exponate von knapp 60 Leihgebern hat die Ausstellung in Bielefeld zusammengetragen. Viele stammen aus Privatbesitz oder dem Depot einer großen Bank – auch dies ein Zeichen dafür, dass der Expressionismus inzwischen von einer frischen, dynamischen, hoch explosiven Bewegung zum Anlageobjekt geraten ist.

"Es geht uns darum, die Perspektive zu verändern, die Wahrnehmung auf das, was Expressionismus war, wieder ein wenig zurechtzurücken", betont Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen. Das tut bitter Not. Denn wie die ganze Moderne, so hängt auch dem Expressionismus inzwischen bisweilen das Etikett des Idyllischen an. Dabei hatten seine Bilder und Skulpturen damals ästhetisch, aber auch inhaltlich eine heute kaum mehr vorstellbare Sprengkraft (Jakob van Heemskerk, "Bild Nr. 18", 1914/15).

Das gilt vornehmlich für die vielen Badeszenen, die die Expressionisten malten. Wenn man sich aber vor Augen führt, dass damals selbst Männer Badeanzug trugen und die Frauen in Badekarren bis ins tiefere Wasser gezogen wurden, um dort keinen gierigen Blick zu provozieren, kann man ermessen, wie ungeheuerlich solche Gemälde damals gewirkt haben müssen (Erich Heckel, "Badende in der Bucht", 1912).

"Wir wollen die Bürger nicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes, ernst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren", hieß es dem entsprechend in der Zeitschrift "Sturm", einem zentralen Organ der Bewegung. Herausgegeben wurde sie von Herwarth Walden, dessen Konterfei mit einer schönen Büste Wiliam Wauers von 1917 vertreten ist.

Elend und Unterdrückung in einer industrialisierten Großbürgerwelt anzuprangern – auch das hatten sich die Expressionisten auf die Fahnen geschrieben. Dabei wurden sie in ihrer Drastik erstaunlich deutlich und visionär – so wie der heute fast vergessene Maler Jakob Steinhardt auf "Pogrom" (1911/12).

Vor allem die Erfahrungen des ersten Weltkriegs schrieben sich dem späteren Expressionismus nach 1914 als Trauma ein. Mit zwei bis heute äußerst eindringlichen Serien von George Grosz und Käthe Kollwitz beleuchtet die Bielefelder Schau auch diesen Aspekt. Hier Groszs Entwurf für die Figur des Agamemnon zu einer Parodie Walter Mehrings (1919).

Zum Bruch mit bürgerlichen Idealen gehört es auch, die Zerrissenheit der als "heilig" apostrophierten Familie zum Ausdruck zu bringen. Dies geschah durch die Darstellung des Teils blutig-aggressiven Kampfs gegen die Generation der Väter, oder eher leise-melancholisch mit Bildern wie "Kinderbewahranstalt" (1924) von Conrad Felixmüller.

Gegenüber den starren Konventionen des Kaiserreichs propagierten die Expressionisten die Befreiung des Körpers und des Geistes von gesellschaftlichen Zwängen, die natürliche Ungezwungenheit, aber auch die Bewusstseinserweiterung im Drogenrausch. Gerade hierfür sind in Bielefeld einige eindrückliche Beispiele zu sehen, die, in einem Fall sogar gesichert, teils wohl auch unter Drogeneinfluss entstanden – ebenso wie Bilder, die bis heute eine gewisse Obzönität ausstrahlen.

Ergänzt werden die künstlerischen Exponate durch Fotos aus dem Atelierleben, die dokumentieren, wie freizügig sich die Expressionisten zumindest inszenierten. Da tanzen Männer nackt vor Frauen im Hosenanzug, die – natürlich – rauchen. Dieses Foto zeigt die Tänzerin Nina Hard, die Kirchner 1921 in sein Haus "In den Lärchen" einlud, weil ihm ihr Tanz so gut gefiel.

Überhaupt: der Tanz. Im Werk der Expressionisten kam ihm eine zentrale Bedeutung zu. Die Ausstellung würdigt diesen Aspekt mit einem eigenen, von Co-Kuratorin Henrike Mund verantworteten Raum. Wilde Extase und am Exotischen festgemachte "Wildheit" trifft hier auf heute vielleicht eher gekünstelt wirkenden Ausdruck, der sich in den Skulpturen manifestiert (Rudolf Beling, "Tänzerin", 1918).

Anhand der Skulpturen zeigt die Bielefelder Schau denn auch, wie eng der Expressionismus vor allem formal mit anderen zeitgenössischen Strömungen verwachsen war, die vor und nach ihm kamen oder zeitgleich existierten. Die Epoche war eben reif für jene gesellschaftlichen Umbrüche, die – wie wohl niemals vorher oder später in der Geschichte – vor allem durch die Kunst vorbereitet wurden (Rudolf Belting, "Erotik", 1920).

So hat der Expressionismus das Problem, maßgeblich für jene Libertinage verantwortlich zu sein, die ihn aus heutiger Sicht bisweilen vielleicht sogar ein wenig bieder erscheinen lässt. Was weder den Künstlern noch den in Bielefeld gezeigten Exponaten anzulasten ist.

Problematischer ist aus heutiger Sicht, dass schon damals die propagierte Befreiung in einigen Fällen auch eine Art Missbrauch gewesen sein könnte. Unter diesem Aspekt beleuchtet die Expressionismus-Forschung den Fall des Kindermodells "Fränzi", von dem die Schau auch einige Kirchner-Porträts und Akte zeigt. Die Ausstellung thematisiert dies Thema nicht. Zeigt aber ein besonders provokantes Beispiel mit anderen Zeichnungen Kirchners zum ersten Mal.

So kann sich jeder in Bielefeld selbst ein Bild davon machen, was jenseits der historischen Bedeutung heute noch von der "Boshaftigkeit" des Expressionismus übrig bleibt. Eher viel, möchte man nach dem Besuch dieser vielfältig und aus verschiedensten Perspektiven argumentierenden Ausstellung, behaupten (Hans Richter, "Emmy Hennings", 1917).

"Der böse Expressionismus, Trauma und Tabu" ist noch bis zum 11. März 2018 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen.

Stand: 10.11.2017, 10:27 Uhr